Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Tamara Pfeiler

Du bist, was du isst? Psychologische Forschung zum Fleischkonsum

Aus psychologischer Perspektive sind Ernährungsweisen, die den Konsum von tierlichen[1] Produkten bejahen oder ablehnen, besonders interessant, weil sie eine ethische Dimension enthalten, nämlich die Frage, ob es gerechtfertigt ist, Tiere für den Fleischkonsum zu töten. Daneben spielen auch Überlegungen zu Gesundheit und Umweltschutz eine Rolle, da die Fleischindustrie mehr Treibhausgase produziert als irgendeine andere Industrie[2] und ein hoher Konsum von Fleisch (vor allem von rotem und verarbeiteten Fleisch) mit einem erhöhtem Risiko verschiedener Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs und einer höheren Sterblichkeit im Allgemeinen assoziiert ist.[3]

In diesem Beitrag wird die psychologische Forschung zu Ernährungsformen, die den Konsum von Fleisch beinhalten, und Ernährungsweisen, die den Konsum von tierlichen Produkten ablehnen, vorgestellt und anhand von drei Aspekten beleuchtet: 1) individuelle Unterschiede zwischen den Ernährungsgruppen, 2) Ernährungsform als Politikum und 3) Forschung zur Wahrnehmung der Gegessenen.[4] Vorab werden die einzelnen Ernährungsformen definiert.

In einer omnivoren Ernährung wird das Fleisch von bestimmten Säugetierarten (zum Beispiel Schwein, Rind, Schaf) und Vögeln (zum Beispiel Huhn, Truthahn und Ente) sowie verschiedene Fischarten und Meerestiere gegessen. Während eine vegetarische Ernährung dadurch gekennzeichnet ist, dass kein Fleisch von Tieren verzehrt wird, definiert sich eine vegane Ernährung dadurch, dass sie keinerlei Produkte von Tieren enthält, also neben deren Fleisch auch keine Eier, Milch sowie Milchprodukte. Zwar entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, kein Fleisch oder keinerlei tierliche Produkte zu konsumieren. Die geschätzte Anzahl von Menschen, die sich vegetarisch und vegan ernähren, fluktuiert allerdings über die Zeit, das Land und verschiedenen Studien hinweg. So variiert zum Beispiel die Verbreitung einer vegetarischen Ernährung zwischen 2 Prozent und 10 Prozent in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland.[5] In anderen westeuropäischen Ländern sowie den USA schwankt der Wert zwischen 2 Prozent und 9 Prozent.[6] Eine aktuelle Studie mit für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Daten fand einen Anteil von 2,5 Prozent an selbstdefinierten Vegetarierinnen und Vegetariern und 0,3 Prozent Veganerinnen und Veganern im Jahr 2014. 2015 gaben 5,4 Prozent der Befragten an, sich überwiegend oder ausschließlich vegetarisch zu ernähren, und 0,6 Prozent gaben an, sich überwiegend oder ausschließlich vegan zu ernähren.[7]

Doch nicht alle Menschen, die angeben, sich überwiegend vegetarisch oder vegan zu ernähren, entsprechen in ihrem Essverhalten diesen Definitionen. Es gibt auch Menschen, die sich selbst als Vegetarier definieren und dennoch Fleisch und Fisch konsumieren.[8] Diese Inkonsistenzen zeigen, dass es besonders wichtig ist, zwischen der berichteten Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit einem bestimmten Überzeugungssystem (Vegetarismus, Veganismus) und dem Essverhalten zu unterscheiden. Im Folgenden werden Veganer und Vegetarier zu einer Gruppe zusammengefasst, da die Häufigkeit von sich vegan Ernährenden in den meisten Studien zu gering ist, um diese als separate Gruppe zu untersuchen.

Fußnoten

1.
In diesem Text wird der Begriff tierlich anstatt tierisch verwendet, um die Subjektivität von Tieren hervorzuheben.
2.
Vgl. Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Livestock’s Long Shadow: Environmental Issues and Options. Rom 2006.
3.
Vgl. Renata Micha/Sarah K. Wallace/Dariush Mozaffarian, Red and Processed Meat Consumption and Risk of Incident Coronary Heart Disease, Stroke, and Diabetes Mellitus: A Systematic Review and Meta-Analysis, in: Circulation 21/2010, S. 2271–2283; Veronique Bouvard et al., Carcinogenicity of Consumption of Red and Processed Meat, in: The Lancet Oncology 16/2015, S. 1599–1600; Andrea Bellavia et al., Differences in Survival Associated with Processed and with Nonprocessed Red Meat Consumption, in: American Journal of Clinical Nutrition 3/2014, S. 924–929.
4.
Der Begriff Gegessene soll die Subjektivität der Tiere unterstreichen, die für den menschlichen Konsum getötet werden.
5.
Vgl. Gert B.M. Mensink/Clarissa L. Barbosa/Anna-Kristin Brettschneider, Prevalence of Persons Following a Vegetarian Diet in Germany, in: Journal of Health Monitoring 2/2016, S. 2–15.
6.
Vgl. Claus Leitzmann, Vegetarian Nutrition: Past, Present, Future, in: The American Journal of Clinical Nutrition 4/2014, S. 496S–502S.
7.
Vgl. Tamara M. Pfeiler/Boris Egloff, Examining the "Veggie" Personality: Results of a Representative German Sample, in: Appetite 1/2018, S. 246–255.
8.
Vgl. Susan I. Barr/Gwen E. Chapman, Perceptions and Practices of Self-Defined Current Vegetarian, Former Vegetarian, and Non-Vegetarian Women, in: Journal of the American Dietetic Association 3/2002, S. 354–360.
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Autor: Tamara Pfeiler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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