Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner
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5.1.2018 | Von:
Tamara Pfeiler

Du bist, was du isst? Psychologische Forschung zum Fleischkonsum

Aus psychologischer Perspektive sind Ernährungsweisen, die den Konsum von tierlichen[1] Produkten bejahen oder ablehnen, besonders interessant, weil sie eine ethische Dimension enthalten, nämlich die Frage, ob es gerechtfertigt ist, Tiere für den Fleischkonsum zu töten. Daneben spielen auch Überlegungen zu Gesundheit und Umweltschutz eine Rolle, da die Fleischindustrie mehr Treibhausgase produziert als irgendeine andere Industrie[2] und ein hoher Konsum von Fleisch (vor allem von rotem und verarbeiteten Fleisch) mit einem erhöhtem Risiko verschiedener Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs und einer höheren Sterblichkeit im Allgemeinen assoziiert ist.[3]

In diesem Beitrag wird die psychologische Forschung zu Ernährungsformen, die den Konsum von Fleisch beinhalten, und Ernährungsweisen, die den Konsum von tierlichen Produkten ablehnen, vorgestellt und anhand von drei Aspekten beleuchtet: 1) individuelle Unterschiede zwischen den Ernährungsgruppen, 2) Ernährungsform als Politikum und 3) Forschung zur Wahrnehmung der Gegessenen.[4] Vorab werden die einzelnen Ernährungsformen definiert.

In einer omnivoren Ernährung wird das Fleisch von bestimmten Säugetierarten (zum Beispiel Schwein, Rind, Schaf) und Vögeln (zum Beispiel Huhn, Truthahn und Ente) sowie verschiedene Fischarten und Meerestiere gegessen. Während eine vegetarische Ernährung dadurch gekennzeichnet ist, dass kein Fleisch von Tieren verzehrt wird, definiert sich eine vegane Ernährung dadurch, dass sie keinerlei Produkte von Tieren enthält, also neben deren Fleisch auch keine Eier, Milch sowie Milchprodukte. Zwar entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, kein Fleisch oder keinerlei tierliche Produkte zu konsumieren. Die geschätzte Anzahl von Menschen, die sich vegetarisch und vegan ernähren, fluktuiert allerdings über die Zeit, das Land und verschiedenen Studien hinweg. So variiert zum Beispiel die Verbreitung einer vegetarischen Ernährung zwischen 2 Prozent und 10 Prozent in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland.[5] In anderen westeuropäischen Ländern sowie den USA schwankt der Wert zwischen 2 Prozent und 9 Prozent.[6] Eine aktuelle Studie mit für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Daten fand einen Anteil von 2,5 Prozent an selbstdefinierten Vegetarierinnen und Vegetariern und 0,3 Prozent Veganerinnen und Veganern im Jahr 2014. 2015 gaben 5,4 Prozent der Befragten an, sich überwiegend oder ausschließlich vegetarisch zu ernähren, und 0,6 Prozent gaben an, sich überwiegend oder ausschließlich vegan zu ernähren.[7]

Doch nicht alle Menschen, die angeben, sich überwiegend vegetarisch oder vegan zu ernähren, entsprechen in ihrem Essverhalten diesen Definitionen. Es gibt auch Menschen, die sich selbst als Vegetarier definieren und dennoch Fleisch und Fisch konsumieren.[8] Diese Inkonsistenzen zeigen, dass es besonders wichtig ist, zwischen der berichteten Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit einem bestimmten Überzeugungssystem (Vegetarismus, Veganismus) und dem Essverhalten zu unterscheiden. Im Folgenden werden Veganer und Vegetarier zu einer Gruppe zusammengefasst, da die Häufigkeit von sich vegan Ernährenden in den meisten Studien zu gering ist, um diese als separate Gruppe zu untersuchen.

Individuelle Unterschiede der Essenden

Warum entscheiden sich manche Menschen für eine vegane oder vegetarische Ernährung und andere nicht? Die am häufigsten genannten Gründe für eine ganz oder teilweise pflanzliche Ernährung sind ethische Bedenken in Bezug auf Tiere oder gesundheitliche Überlegungen.[9] Zudem werden Umweltbedenken und Ekel vor Fleisch häufig genannt.[10] Fragt man dagegen Personen, warum sie Fleisch essen, ist der am häufigsten genannte Grund, dass sie den Geschmack mögen, gefolgt von Gewohnheit, Einfluss vom sozialem Umfeld beziehungsweise gesundheitlichen Überlegungen (eine Ernährung ohne Fleisch wird als ungesund angesehen).[11]

Darüber hinaus wird ein Zusammenhang mit soziodemografischen Faktoren wie Geschlecht, Alter und sozioökonomischem Status diskutiert.[12] Fleisch als Symbol von Maskulinität, Stärke und Dominanz über die Natur gilt auch heutzutage noch als archetypisches Essen für Männer.[13] Der Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln dagegen ist eher mit Femininität und Schwäche assoziiert.[14] Daher überrascht es nicht, dass Frauen im Vergleich zu Männern durchschnittlich weniger Fleisch konsumieren und häufiger berichten, vegetarisch zu leben.[15] Für die deutsche Bevölkerung repräsentative Studien ergaben, dass Vegetarierinnen und Vegetarier zwar im Durchschnitt jünger sind als fleischessende Personen; jedoch konsumieren von den fleischessenden Personen die Jüngeren mehr Fleisch als Ältere.[16] Vor allem der Bildungsstand ist darüber hinaus ein wichtiger Einflussfaktor auf die Ernährung. Hier zeigt sich konsistent ein negativer Zusammenhang zu Fleischkonsum, das heißt je niedriger das Bildungsniveau, desto mehr Fleisch wird konsumiert. Personen, die sich vegetarisch ernähren, haben dagegen häufiger einen höheren Bildungsstand als Omnivore.[17]

Im Kontext von Fleischkonsum wurden auch die Big-Five-Persönlichkeitseigenschaften (Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) untersucht.[18] Offenheit für Erfahrungen umfasst die Tendenz, neue Dinge auszuprobieren, gegenüber Emotionen offen zu sein und Ästhetik zu schätzen. Gewissenhafte Personen sind eher diszipliniert, pflichtbewusst und bevorzugen es, Handlungen zu planen. Extravertierte Individuen sind enthusiastisch und tendieren mehr zu Aktion, unterhalten sich gerne und setzen sich eher durch. Verträglichkeit zeigt sich in dem Wunsch nach sozialer Harmonie und darin, dass es als ein wichtiger Wert angesehen wird, mit anderen gut auszukommen, vertrauensvoll und hilfsbereit zu sein. Neurotizismus zeichnet sich dadurch aus, dass mehr negative Emotionen erlebt werden und eine eher geringe Toleranz gegenüber Stress und aversiven Reizen sowie eine Tendenz zu emotionaler Instabilität vorliegen. Diese Eigenschaften werden in der Forschung üblicherweise abgefragt, indem die Befragten angeben sollen, wie sehr sie bestimmten Aussagen zustimmen. Eine einzelne Eigenschaft wird dabei mit einem Set mehrerer Aussagen abgefragt.

Selbstdefinierte Vegetarierinnen und Vegetarier weisen bei solchen Studien im Vergleich zu Fleischessenden höhere Werte in puncto Offenheit und geringere im Bereich der Gewissenhaftigkeit auf.[19] Darüber hinaus deuten internationale Studien darauf hin, dass vegane Menschen offener, gewissenhafter und emotional stabiler sind im Vergleich zu Personen, die sich vegetarisch ernähren.[20] Andersherum konsumieren Personen, die sich in Persönlichkeitstests als offener, verträglicher und gewissenhafter als der Bevölkerungsdurchschnitt erwiesen, weniger Fleisch.[21]

Zusätzlich wurde das Empathieempfinden als Persönlichkeitseigenschaft untersucht. Dabei zeigte sich eine geringere emotionale Empathie Fleisch essender Personen gegenüber Tieren im Vergleich zu Personen, die vegetarisch und vegan leben.[22] Darüber hinaus zeigen sich omnivor ernährende Menschen im Vergleich mit vegetarisch und vegan lebenden Menschen in bildgebenden Verfahren eine geringere Aktivität in empathiebezogenen Arealen des Gehirns, wenn sie ein Video über Gewalt an Tieren sehen. Dasselbe Phänomen tritt bei dieser Personengruppe auf, wenn sie ein Video zu Gewalt an Menschen ansehen.[23] Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass über verschiedenen Studien hinweg empirische Evidenz dafür gefunden wurde, dass Persönlichkeitseigenschaften mit dem Konsum von Fleisch zusammenhängen. Allerdings ist bisher noch nicht abschließend geklärt, ob hier kausale Mechanismen vorliegen und wenn ja, in welche Richtung sie wirken: Beeinflussen Persönlichkeitseigenschaften das Ernährungsverhalten oder wirkt sich das Ernährungsverhalten auf Persönlichkeitseigenschaften aus?

Ernährungsform als Politikum

Der steigende Anteil an Menschen, die sich für eine pflanzenbasierte Ernährung entscheiden, ist auch Ausdruck einer wachsenden sozialen Bewegung, die sich für Tierschutz und eine Ausweitung von Tierrechten einsetzt. Es ist daher nicht überraschend, dass eine Ernährung, die kein Fleisch oder generell keine tierlichen Nahrungsmittel enthält, positiv mit politischen Einstellungen einhergeht, die Tierrechte, Tierschutz und Umweltschutz unterstützen.[24] Darüber hinaus geht eine vegetarische Ernährung mit einer eher linksgerichteten politischen Einstellung einher, während Fleischkonsum eher mit einer rechtsgerichteten politischen Einstellung assoziiert ist.[25] Neben Konservatismus gehört dazu auch eine soziale Dominanzorientierung – das heißt, dass eine Hierarchisierung gesellschaftlicher Gruppen unterstützt und begrüßt wird – und eine Tendenz zum Autoritarismus. Diese Einstellungen sind relevant und positiv mit der Häufigkeit des Fleischkonsums assoziiert.[26] Personen mit einer stark ausgeprägten sozialen Dominanzorientierung essen dabei nicht nur Fleisch, weil es ihnen gut schmeckt, sondern bringen damit ihren Glauben an soziale Hierarchien und die menschliche Überlegenheit über Tiere zum Ausdruck.[27]

Etliche Philosophen haben bereits beschrieben, dass die gesellschaftliche Norm, gewisse Tierarten zu töten und zu essen, andere dagegen zu streicheln, Vorurteile gegenüber diesen Tieren ausdrückt und sie diskriminiert.[28] Diese Diskriminierung von Tieren aufgrund ihrer Spezies wurde erst in den letzten Jahrzehnten von der Psychologie aufgegriffen und mit dem Begriff Speziesismus bezeichnet.[29] Speziesismus wird dabei als ein Überzeugungssystem definiert, das Lebewesen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies diskriminiert. Die Psychologin Melanie Joy hat das Konzept des Speziesismus auf den Fleischkonsum übertragen und argumentiert, dass auch der Konsum von Tieren mit einem Überzeugungssystem einhergeht, das sie als Karnimus benannte.[30] Die Grundüberlegung hierbei ist, dass Fleischkonsum ebenso mit Überzeugungen einhergeht, wie das Ablehnen des Konsums von Fleisch oder von allen tierlichen Produkten mit vegetarischen oder veganen Überzeugungen gekoppelt ist. Karnismus sei ein weit verbreitetes und tiefverwurzeltes System aus Normen, Legitimationen und motivierten Kognitionen (zum Beispiel Überzeugungen die dazu dienen, den Status quo zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten), das es Menschen erlaubt, das Leiden von Tieren in der Tierindustrie auszublenden, um weiterhin Tiere zu essen. Empirische Arbeiten unterstützen diese Annahmen. So konnte gezeigt werden, dass Menschen motiviert sind, ihren Fleischkonsum zu rechtfertigen, um sich moralisch davon zu distanzieren und den Status quo aufrechtzuerhalten.[31] Hierbei geht das Essen von Tieren mit Überzeugungen einher, die den Fleischkonsum als normal, natürlich und notwendig rechtfertigen.[32] Das Leid von Tieren dagegen wird relativiert und das Töten von Tieren für ihr Fleisch durch menschliche Überlegenheit legitimiert.[33] Eine erste Arbeit, bei der karnistische Überzeugungen untersucht wurden, brachte folgende Ergebnisse: Glaubenssätze der karnistischen Rechtfertigungen (wie etwa Fleischessen sei normal, natürlich und notwendig) gehen damit einher, wie viel Fleisch konsumiert wird.[34] Überzeugungen der karnistischen Domination (zum Beispiel: Tiere sind dazu da, gegessen zu werden; Menschen dürfen Tiere töten) sind damit assoziiert, ob tatsächlich bereits selbst ein Tier getötet wurde, um es zu essen. Menschen, die karnistische Überzeugungen unterstützen, weisen auch eher feindselige Interpretationen in zwischenmenschlichen Interaktionen und weniger Empathie auf. Darüber hinaus sind karnistische Überzeugungen an gesellschaftspolitische Ansichten gekoppelt, die eher konservativ sind und Hierarchien zwischen menschlichen Gruppen befürworten wie soziale Dominanzorientierung und rechtsgerichteter Autoritarismus. Der Konsum von Fleisch ist daher nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern geht oft mit Überzeugungen einher, die das Töten und Essen von Tieren rechtfertigen.

Speziesismus und Karnismus beruhen auch auf speziellen Annahmen gegenüber Tieren, die mit vereinfachten Stereotypisierungen (zum Beispiel alle Tiere einer Art sind gleich) und Kategorisierungen (zum Beispiel als essbare Tiere, Haustiere, Zootiere) einhergehen. Derartige Annahmen findet man im Allgemeinen bei der Diskriminierung von Fremdgruppen. Diese sind mit der Abwertung beziehungsweise dem Leugnen von geistigen Fähigkeiten wie subjektives Erleben und der Fähigkeit, aktive Handlungen auszuführen, verbunden. Diese Form der Abwertung kann als kognitive Komponente von Vorurteilen beschrieben werden und spielt bei der Wahrnehmung von Tieren eine Rolle.[35]

Abbildung 1: Fleischkonsum pro Kopf, in Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose)Abbildung 1: Fleischkonsum pro Kopf, in Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose) (© Abb. 1: Heinrich-Böll-Stiftung/BUND/Le monde diplomatique (Hrsg.), Fleischatlas 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Berlin 2015, S. 21.)
Abbildung 2: Fleischverbrauch pro Kopf, Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose),
in den BRICS-StaatenAbbildung 2: Fleischverbrauch pro Kopf, Kilogramm, Durchschnitt 2010–12 (geschätzt), und 2022 (Prognose), in den BRICS-Staaten (© Abb. 2: Heinrich-Böll-Stiftung/BUND/Le monde diplomatique (Hrsg.), Fleischatlas 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Berlin 2015, S. 37.)

Wahrnehmung der Gegessenen

Geschlachtete Tiere in Deutschland, 2012, in Millionen pro SymbolGeschlachtete Tiere in Deutschland, 2012, in Millionen pro Symbol (© bpb, Abb. 3: Heinrich-Böll-Stiftung/BUND/Le monde diplomatique (Hrsg.), Fleischatlas 2014. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Berlin 2015, S. 35.)
Jährlich werden über 65 Milliarden Tiere (nicht mit eingerechnet sind erjagte Tiere sowie Fischarten und Meerestiere) weltweit für die Fleisch-, Milch- und Eierindustrie getötet. Es werden also in anderthalb Jahren mehr Tiere für den menschlichen Konsum getötet, als je Menschen auf der Erde gelebt haben.[36] Die Produktion von tierlichen Nahrungsmitteln stellt eine Form von institutionalisierter Gewalt gegen Tiere dar, da diese empfindungsfähigen Subjekte in der Haltung, dem Transport zum Schlachthof und dem letztendlichem Akt der Tötung physisch geschädigt werden und leiden.[37] Andererseits gehen Menschen emotionale Bindungen mit Tieren ein; Gewalt gegen bestimmte Tiere (wie Haustiere) ist sozial nicht akzeptiert.[38] Die meisten Menschen möchten also nicht, dass Tiere leiden, dennoch konsumieren sie tierliche Produkte. Beide sich widersprechenden Motive können zu einem moralischen Konflikt führen.[39] Dieser moralische Konflikt wurde als das Fleisch-Paradox beschrieben.[40] Es lassen sich verschiedene Prozesse beschreiben, die Menschen nutzen, um sich moralisch von der Gewalt gegen Tiere im Kontext von Ernährung zu distanzieren.[41] Eine Möglichkeit ist es, den Konsum von Fleisch und anderen tierlichen Produkten aufzugeben. Eine andere, essbaren Tieren die Eigenschaften abzusprechen, die sie mit Menschen teilen – Intelligenz, Emotionen und andere geistige Fähigkeiten wie Handlungs- und Empfindungsfähigkeiten.[42] Beispielsweise ist die Bereitschaft, bestimmte Tiere zu essen, negativ mit der Zuschreibung von geistigen Fähigkeiten assoziiert.[43] Darüber hinaus sprechen Fleisch essende Menschen Tieren, die traditionell als essbar kategorisiert sind (zum Beispiel Schweinen), eher einzigartig menschliche Eigenschaften und sekundäre Emotionen ab.[44] Auch einer unbekannten Spezies, die als essbar beschrieben wird, wird weniger Leidensfähigkeit und moralische Berücksichtigung zugesprochen, wenn diese unbekannte Tierart lediglich als Tier beschrieben wird.[45] Die Kategorisierung als essbar kann sogar die sehr basale Wahrnehmung von Gesichtern bei Primaten negativ beeinflussen.[46] Liegt dagegen der Fokus auf den psychologischen Eigenschaften von Tieren, kann das eher Ekel hervorrufen und zu einer abnehmenden Bereitschaft, diese Tiere zu essen, führen.[47]

Zudem lassen sich weitere Distanzierungsmechanismen aufführen, die die psychologische Auseinandersetzung mit dem moralischen Konflikt unterbinden. Orte, an denen strukturelle Gewalt gegen Tiere ausgeübt wird (zum Beispiel Schlachthöfe), sind geografisch ausgelagert und räumlich distanziert und somit psychologisch nicht präsent. Auch die Verwendung von Euphemismen in der Sprache (zum Beispiel Geflügel statt Huhn, Produktionsprozess statt Schlachtung, Fleisch statt Körperteil) kann als ein Distanzierungsmechanismus gedeutet werden. Derartige Euphemismen maskieren die Gewaltausübungen, degradieren Tiere zu leblosen Objekten und verhindern eine psychologische Bewusstheit über die Gewalt gegen das Subjekt Tier.[48]

Viele psychologische Arbeiten verdeutlichen, wie institutionalisierte Gewalt gegen Tiere psychologische Prozesse auf Seiten des Menschen beeinflussen. Die erläuterten Distanzierungsstrategien, aber auch Überzeugungen, die dem Essen von Tieren zugrunde liegen, unterstützen ein moralisches Disengagement und rechtfertigen den eigenen als auch allgemeinen Fleischkonsum.

Fazit

Eine psychologische Perspektive auf den Konsum von Tieren beziehungsweise dessen Ablehnung unterstreicht individuelle Unterschiede der Essenden in Persönlichkeit, Überzeugungen und Einstellungen, aber auch in der Wahrnehmung von Tieren. Dennoch fehlen bislang Studien zum Einfluss von strukturellen, gesellschaftlichen sowie situativen Faktoren, die den Konsum von Tieren unterstützen und die erklären, wie diese Faktoren zusammenwirken. Werden die negativen Auswirkungen des Konsums von Tieren berücksichtigt, scheint es von Bedeutung zu sein, mehr über die psychologischen Prozesse im Kontext von Fleischkonsum zu wissen, um zukünftig Verhaltensveränderungen auf individueller und struktureller Ebene anstoßen zu können.
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Fußnoten

1.
In diesem Text wird der Begriff tierlich anstatt tierisch verwendet, um die Subjektivität von Tieren hervorzuheben.
2.
Vgl. Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Livestock’s Long Shadow: Environmental Issues and Options. Rom 2006.
3.
Vgl. Renata Micha/Sarah K. Wallace/Dariush Mozaffarian, Red and Processed Meat Consumption and Risk of Incident Coronary Heart Disease, Stroke, and Diabetes Mellitus: A Systematic Review and Meta-Analysis, in: Circulation 21/2010, S. 2271–2283; Veronique Bouvard et al., Carcinogenicity of Consumption of Red and Processed Meat, in: The Lancet Oncology 16/2015, S. 1599–1600; Andrea Bellavia et al., Differences in Survival Associated with Processed and with Nonprocessed Red Meat Consumption, in: American Journal of Clinical Nutrition 3/2014, S. 924–929.
4.
Der Begriff Gegessene soll die Subjektivität der Tiere unterstreichen, die für den menschlichen Konsum getötet werden.
5.
Vgl. Gert B.M. Mensink/Clarissa L. Barbosa/Anna-Kristin Brettschneider, Prevalence of Persons Following a Vegetarian Diet in Germany, in: Journal of Health Monitoring 2/2016, S. 2–15.
6.
Vgl. Claus Leitzmann, Vegetarian Nutrition: Past, Present, Future, in: The American Journal of Clinical Nutrition 4/2014, S. 496S–502S.
7.
Vgl. Tamara M. Pfeiler/Boris Egloff, Examining the "Veggie" Personality: Results of a Representative German Sample, in: Appetite 1/2018, S. 246–255.
8.
Vgl. Susan I. Barr/Gwen E. Chapman, Perceptions and Practices of Self-Defined Current Vegetarian, Former Vegetarian, and Non-Vegetarian Women, in: Journal of the American Dietetic Association 3/2002, S. 354–360.
9.
Vgl. Nick J. Fox/Katie Ward, You Are What You Eat? Vegetarianism, Health, and Identity, in: Social Science & Medicine 12/2008, S. 2585–2595.
10.
Vgl. Joop deBoer/Hanna Schösler/Harry Aiking, Towards a Reduced Meat Diet: Mindset and Motivation of Young Vegetarians, Low, Medium, and High Meat-Eaters, in: Appetite 113/2017, S. 387–397; Daniel M.T. Fessler et al., Disgust Sensitivity and Meat Consumption: A Test of an Emotivist Account of Moral Vegetarianism, in: Appetite 1/2003, S. 31–41.
11.
Vgl. Emma Lea/Anthony Worsley, The Cognitive Context of Beliefs about the Healthiness of Meat, in: Public Health Nutrition 1/2002, S. 37–45; Emma Lea/Anthony Worsley, Benefits and Barriers to the Consumption of a Vegetarian Diet in Australia, in: Public Health Nutrition 5/2003, S. 127–136.
12.
Vgl. Sabine Stoll-Kleemann/Uta J. Schmidt, Reducing Meat Consumption in Developed and Transition Countries to Counter Climate Change and Biodiversity Loss: A Review of Influence Factors, in: Regional Environmental Change 5/2016, S. 1–17.
13.
Vgl. Carol Adams, The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory, New York 2000; Paul Rozin et al., Is Meat Male? A Quantitative Multimethod Framework to Establish Metaphoric Relationships, in: Journal of Consumer Research 39/2012, S. 659–643.
14.
Vgl. Alan Beardsworth/Alan Bryman, Meat Consumption and Vegetarianism among Young Adults in the UK: An Empirical Study, in: British Food Journal 4/1999, S. 289–300.
15.
Vgl. Christina Tobler/Vivianne H.M. Visschers/Michael Siegrist, Eating Green. Consumers’ Willingness to Adopt Ecological Food Consumption Behaviors, in: Appetite 3/2011, S. 674–682.
16.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7); dies., Personality and Attitudinal Correlates of Meat Consumption: Results of Two Representative German Samples, unveröffentlichtes Manuskript 2017.
17.
Vgl. René Mõttus et al., The Association between Personality, Diet and Body Mass Index in Older People, in: Health Psychology, 4/2013, S. 353–360.
18.
Vgl. John M. Digman, Personality Structure: Emergence of the Five Factor Model, in: Annual Review of Psychology 41/1990, S. 417–440.
19.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7).
20.
Vgl. Christian Kessler et al., Personality Profiles, Values and Empathy: Differences between Lacto-Ovo-Vegetarians and Vegans, in: Forschende Komplementärmedizin 2/2016, S. 95–102.
21.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7); Carmen Keller/Michael Siegrist, Does Personality Influence Eating Styles and Food Choices? Direct and Indirect Effects, in: Appetite 84/2015, S. 128–138.
22.
Brooke D. Preylo/Hiroko Arikawa, Comparison of Vegetarians and Non-Vegetarians on Pet Attitude and Empathy, in: Anthrozoös 4/2008, S. 387–395.
23.
Massimo Filippi et al., The Brain Functional Networks Associated to Human and Animal Suffering Differ Among Omnivores, Vegetarians, and Vegans, in: Plos One 5/2010, S. e10847.
24.
Vgl. Pfeiler/Egloff (Anm. 7), s. auch Anthony Worsley/Grace Skrzypiec, Environmental Attitudes of Senior Secondary School Students in South Australia, in: Global Environmental Change 3/1998, S. 209–225.
25.
Vgl. Kristof Dhont/Gordon Hodson, Why Do Right-Wing Adherents Engage in More Animal Exploitation and Meat consumption?, in: Personality and Individual Differences 64/2014, S. 12–17.
26.
Vgl. Michael W. Allen et al., Values and Beliefs of Vegetarians and Omnivores, in: The Journal of Social Psychology 4/2000, S. 405–422; vgl. Petra Veser/Kathy Taylor/Susanne Singer, Diet, Authoritarianism, Social Dominance Orientation, and Predisposition to Prejudice: Results of a German Survey, in: British Food Journal 7/2015, S. 1949–1960.
27.
Vgl. Dhont/Hodson (Anm. 26).
28.
Vgl. u.a. Gary L. Francione, Animals as Persons: Essays on the Abolition of Animal Exploitation, New York 2008; Peter Singer, Animal Liberation, New York 1977; Tom Regan, The Case for Animal Rights, California 1983.
29.
Vgl. Richard D. Ryder, Speciesism Again: The Original Leaflet, in: Critical Society 2/1975, S. 1f.
30.
Vgl. Melanie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus – eine Einführung, Münster 2013.
31.
Vgl. z.B. Joao Graça/Maria M. Calheiros/Abílio Oliveira, Situating Moral Disengagement: Motivated Reasoning in Meat Consumption and Substitution, in: Personality and Individual Differences 90/2016, S. 353–364; Nick Haslam/Steven Loughnan/Elise Holland, The Psychology of Humanness, in Sarah J. Gervais (Hrsg.), Objectification and (De)humanization, New York 2012.
32.
Vgl. Jared Piazza et al., Rationalizing Meat Consumptions. The 4Ns, in: Appetite 91/2015, S. 114–128.
33.
Vgl. Hank Rothgerber, Real Men Don’t Eat (Vegetable) Quiche: Masculinity and the Justification of Meat Consumption, in: Psychology of Men & Masculinity 4/2013, S. 363–375.
34.
Vgl. Christopher A. Monteiro et al., The Carnism Inventory: Measuring the Ideology of Eating Animals, in: Appetite 113/2017, S. 51–62.
35.
Vgl. Nick Haslam, Dehumanization: An Integrative Review, in: Personality and Social Psychology Review 3/2006, S. 252–264; Michal Bilewicz/Roland Imhoff/Marek Drogosz, The Humanity of What We Eat: Conceptions of Human Uniqueness among Vegetarians and Omnivores, in: European Journal of Social Psychology 2/2011, S. 201–209.
36.
Vgl. Hilal Sezgin, Angst. Qual. Tod. Warum ist Gewalt gegen Tiere erlaubt, wenn sie gegen Menschen verboten ist? Ein Plädoyer für ein Ende des Gemetzels, in: Die Zeit, 30.1.2014, S. 54.
37.
Vgl. Sonja Buschka/Julia Gutjahr/Marcel Sebastian, Gewalt an Tieren, in: Christian Gudehus/Michaela Christ (Hrsg.), Gewalt: Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart-Weimar 2013, S. 75–82.
38.
Vgl. Tamara Pfeiler/Mario Wenzel, Psychologie: Von Mensch zu Tier, in: Reingard Spannring et al. (Hrsg.), Disziplinierte Tiere, Bielefeld 2015, S. 189–228.
39.
Vgl. Joy (Anm. 31); Hal Herzog, Some We Love, Some We Hate, Some We Eat: Why It’s So Hard to Think Straight About Animals, New York 2010.
40.
Vgl. Steve Loughnan/Nick Haslam/Brock Bastian, The Role of Meat Consumption in the Denial of Moral Status and Mind to Meat Animals, in: Appetite 55/2010, S. 156–159.
41.
Vgl. Bilewicz et al. (Anm. 38); Graça et al. (Anm. 33).
42.
Vgl. Steve Loughnan/Brock Bastian/Nick Haslam, The Psychology of Eating Animals, in: Current Directions in Psychological Science 2/2014, S. 104–108; Brock Bastian/Steve Loughnan, Resolving the Meat Paradox: A Motivational Account of Morally Troublesome Behavior and its Maintenance, in: Personality and Social Psychology Review 3/2017, S. 278–299.
43.
Vgl. Brock Bastian et al., Don’t Mind Meat? The Denial of Mind to Animals Used for Human Consumption, in: Personality and Social Psychology Bulletin 2/2012, S. 247–256.
44.
Vgl. Bilewicz et al. (Anm. 38).
45.
Vgl. Boyka Bratanova/Steve Loughnan/Brock Bastina, The Effect of Categorization as Food on the Perceived Moral Standing of Animals, in Appetite 1/2011, S. 193–196.
46.
Vgl. Michal Bilewicz/Jakub Michalak/Olga K. Kaminska, Facing the Edible. The Effects of Edibility Information on the Neural Encoding of Animal Faces, in: Appetite 105/2016, S. 542–548.
47.
Vgl. Matthew B. Ruby/Steven Heine, Too Close to Home. Factors Predicting Meat Avoidance, in: Appetite 1/2012, S. 47–52.
48.
Vgl. Joy (Anm. 32); Scott Plous, Psychological Mechanisms in the Human Use of Animals, in: Journal of Social Issues 1/1993, S. 11–52.
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Autor: Tamara Pfeiler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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