Schlaraffenland. Farbdruck nach Zeichnung von Pauli Ebner

5.1.2018 | Von:
Harald Lemke

Eine konviviale Menschheit? Zur Zukunft einer planetaren Tischgesellschaft

Ob wir es wollen oder nicht, das Essen beschäftigt uns Menschen ständig und auf vielerlei Weise. Für unser täglich’ Brot müssen die meisten von uns, viel kostbare Lebenszeit verschwendend, arbeiten gehen; die dafür verbrauchten Energien oder Kalorien füllen wir in der Pause am schnellen Mittagstisch wieder auf; dann gibt es schon bald einen Snack oder Kaffee und Kuchen; im Anschluss müssen wir im Supermarkt einige Lebensmittel einkaufen, um rechtzeitig zum Abendessen noch eine Kleinigkeit oder doch etwas mehr (wie die Gesundheitsstatistiken regelmäßig belegen[1]) naschen zu können; der Tag geht schließlich bei einem alkoholischen Getränk und ein bisschen Salzgebäck zu Ende; der kommende Morgen beginnt selbstverständlich gleich wieder – mit Essen, Frühstück eben; oder es geht mit einem Becher Kaffee gleich zur Arbeit; und so weiter, Tag für Tag.

So oder etwas modifiziert durch individuelle und kulturelle Variationen prägt das Essen unser Leben. Obwohl es die Menschen ständig beschäftigt und von anderen Tätigkeiten nur kurzfristig unterbrochen wird, denken sie nicht groß über diese Allgegenwärtigkeit des Essens nach. Würden sie das Essen so groß denken, wie es in Wirklichkeit ist, wäre schnell klar: "Der Mensch ist" nicht, "was er isst", wie der Philosoph Ludwig Feuerbach meinte; stattdessen gilt, dass die menschliche Existenz, mehr als irgendetwas anderes, diese eine Angelegenheit ist – "Essen". Ich schlage vor, diese wesentliche, jedoch bislang kaum erforschte Dimension des Menschseins – der Existenzialität und Essenzialität des menschlichen Essens – als ihre Essistenz zu bezeichnen (in Ermangelung einer brauchbaren Begrifflichkeit).[2]

Wir Menschen können selbstverständlich mehr tun als nur essen; wir könnten ebenso auch philosophisch "über den Tellerrand schauen", das heißt über die Omnipräsenz des Essens ins Denken kommen, statt unsere Essistenz weiter so abzutun wie üblich. Um die schöne, obgleich nicht nachweisliche Formel des Ethnologen Claude Levi-Strauss (wonach "ein Nahrungsmittel gut zu essen ist, wenn es gut zu denken" sei) zu variieren: Die allgemeinste und häufigste Aktivität des täglichen Lebens ist keineswegs bloß dafür gut, uns satt zu machen und unseren ewigen Hunger kurzfristig zu vertreiben. Sie ist genauso dafür gut, dass wir uns mit ihr bewusst – theoretisch, wissenschaftlich, gastro-philosophisch – beschäftigen und alles, was mit ihr vernetzt ist, zum Thema der politischen Öffentlichkeit machen. Denn es ist für uns alle gut und dem Allgemeinwohl förderlich, das vermeintlich nebensächliche und allzu alltägliche Essen mental mit vielerlei Problemen unserer Gesellschaft in Verbindung zu bringen oder kurzzuschließen.

Um das Ergebnis dieser Verbindung gleich vorwegzunehmen: Man kann das Essen vorzüglich nutzen, um über das gesellschaftliche Ganze, die globale Gesellschaft nachzudenken und über die utopischen oder dystopischen Perspektiven, die Welt zu retten. Denn wer sich mit der zukünftigen Gesellschaft beschäftigt, kann – und sollte – wissen, dass das Essen alle Mahl gut dafür wäre, Mahlgemeinschaften zu kultivieren. Menschen können essen, um in Gesellschaft mit anderen zu genießen, kurz: wir können, sofern wir wollen, die planetare Tischgesellschaft ins normative Zentrum der künftigen gesellschaftlichen Entwicklung stellen.

Neuer Humanismus

In dieser (zugegebenermaßen utopischen) Absicht geht es mir, anknüpfend an die von der Weltgemeinschaft vereinbarten Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG),[3] um das zukunftsethische Ziel – und die narrative Erfindung – einer konvivialen Menschheit als einer humanen, im wahrsten Sinne des Wortes guten Gesellschaft.

Dafür wäre ein philosophisches Navigationssystem hilfreich, das die gesellschaftspolitische Koordinate der UN-Ziele mit der gesellschaftstheoretischen Koordinate des konvivialistischen Manifests verbindet. Während es bei den Zielen für nachhaltige Entwicklung etwa darum geht, Armut und Hunger zu beenden und allen Menschen ein friedliches, gesundes Leben zu ermöglichen, ohne die Umwelt zu zerstören, kritisiert der Konvivialismus das gesellschaftliche Primat des Utilitarismus’ und den unbedingten Glauben an Wirtschaftswachstum. Er fordert vielmehr, den Fokus auf das Zusammenleben (lat. con-vivere) zu legen: Gutes Leben brauche "eine neue Philosophie und praktische Formen des friedlichen Miteinanders".[4] Der Konvivialismus, eine noch junge Bewegung aus der Sozialphilosophie, Gesellschaftstheorie, Sozialwissenschaft und dem Commons-Diskurs, denkt den Begriff der Konvivialität allerdings ohne begrifflichen Bezug zum Essen und all seinen existenziellen und essenziellen Facetten. Daher versteht sich mein Beitrag als programmatische Erweiterung einer konvivialistischen Philosophie.[5]

Ein namhafter Vordenker ist der Aufklärer und Vernunfttheoretiker Immanuel Kant, der wegen seiner täglich veranstalteten Mittagsgesellschaft aus eigener Erfahrung von der praktischen Möglichkeit dieser "wahren Humanität" wusste: "Gute Mahlzeiten in guter Gesellschaft" als der dem Menschen mögliche "Genuss einer gesitteten Glückseligkeit".[6] Aus dem Kreis der zeitgenössischen Konvivialisten wird an einen anderen, von Kants Gastrosophie inspirierten Avantgardisten des Konvivialismus erinnert: Der Schriftsteller Jean Anthèlme Brillat-Savarin beschreibe in seinem Buch "La physiologie du goût, ou Méditations de gastronomie transcendante" (1825) "die Freude des Beisammenseins, der guten und freundschaftlichen Kommunikation im Rahmen einer Tischgesellschaft", die sich zum konvivialen Tafelvergnügen versammelt.[7] Konsequenterweise kultiviert die internationale Slow-Food-Bewegung, die unter den zahlreichen zivilgesellschaftlichen Bewegungen der Gegenwart die programmatischste Selbstorganisation der globalen Ernährungswende ist, "Konvivien" als Keimzellen und Bildungszentralen ihrer Utopie einer guten Gesellschaft. Bedauerlicherweise bleibt diese zukunftsweisende Praxis bislang gastrosophisch unterbelichtet.[8]

Mit anderen Worten: Essen und erst recht gutes Essen als globale Praxis und als Gegenstand wissenschaftlichen Nachdenkens ist gut geeignet, um den Wert einer Utopie einer konvivialistischen Gesellschaft für eine neohumane Anthropoethik zu entdecken. Dazu gehört die Option, dass wir das, was wir sowieso ständig tun, zum kulturellen Zentrum unseres täglichen Lebens machen. Inmitten der digitalen Revolution einer posthumanen Zukunft könnte sie jeden von uns dazu bewegen, der Frage aller Fragen nachzugehen: Was macht uns als Menschheit aus und worin besteht Humanität? "Es geht darum, einen neuen, radikalisierten und erweiterten Humanismus zu erfinden, und das bedeutet die Entwicklung neuer Formen der Menschlichkeit."[9]

Dabei muss die totale Digitalisierung unserer Welt nicht zwangsläufig die ultimative Dehumanisierung zur Folge haben. Sie bringt die menschheitsgeschichtlich vermutlich letzte Chance mit sich, dass wir uns selbst noch einmal neu erfinden und unsere spezifisch menschlichen Stärken entdecken, die so schnell kein superschlauer Roboter, keine artifizielle Intelligenz, keine digitalen Humanoiden dem Homo sapiens streitig machen? Sapiens hat übrigens, neben weise sein, seinen begrifflichen Ursprung auch in sapio, ich schmecke: Menschliche Intelligenz, unsere höchsten geistigen Fähigkeiten stehen kulturevolutionär im direkten Zusammenhang mit geschmacklichem Urteilsvermögen und gastrosophischem Bewusstsein.

Fußnoten

1.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Maria Gose et al. in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Ausführlich zu Feuerbachs Annäherung an die menschliche Essistenz vgl. Harald Lemke, Ethik des Essens. Einführung in die Gastrosophie, Bielefeld 2016.
3.
Vgl. Generalversammlung der Vereinten Nationen, Resolution der Generalversammlung, Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, A/RES/70/1, 25.9.2015.
4.
Vgl. Claus Leggewie/Frank Adloff (Hrsg.), Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens, Bielefeld 2014, S. 9.
5.
Erste Ansätze dafür finden sich bei Marianne Gronemeyer, die beiläufig erwähnt: "Conviva ist der Tischgenosse; Convivium ist eine Gesellschaft geladener Gäste, ein Gastmahl, eine Tischgesellschaft; convivere bedeutet zusammenleben, miteinander speisen." Dies., Konvivialität, in: Silke Helfrich/David Bollier/Heinrich Böll Stiftung (Hrsg.), Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld 2015, S. 56.
6.
Vgl. dazu ausführlich Lemke 2016 (Anm. 2), S. 227–314.
7.
Frank Adloff, "Es gibt schon ein richtiges Leben im falschen." Konvivialismus – Zum Hintergrund einer Debatte, in: Leggewie/Adloff (Anm. 4), Einleitung, S. 12.
8.
Vgl. aber z.B. Carlo Petrini, Slow Food Revolution. A New Culture for Eating and Living, 2006; eine entsprechende kritische Würdigung der Slow Food Philosophie ist enthalten in: Harald Lemke, Politik des Essens. Wovon die Welt von morgen lebt, Bielefeld 2012, S. 235–274.
9.
Leggewie/Adloff (Anm. 4), S. 58.
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Autor: Harald Lemke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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