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Vor der Revolte: Die sechziger Jahre


26.5.2002
Ein lediglich auf die Revolte von 1968 fixierter Blick scheint unausgewogen zu sein. Vielmehr sind die gesamten sechziger Jahre als eine Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Transformation zu verstehen.

Einleitung



Professionelle Beobachter waren von der eruptiven Wucht der 1967 eskalierenden Protestbewegung völlig überrascht, hatten sie doch noch kurz zuvor ein vorherrschendes politisches Desinteresse registriert [1] ; eine auf Konsumangebote fixierte und von diesen manipulierte Jugend schien heranzuwachsen [2] . Speziell die Studierenden galten geradezu als "schweigende Generation" (Helmut Thielicke). Der Sozialwissenschaftler und Bildungspolitiker Ludwig von Friedeburg befand 1965: "Überall erscheint die Welt ohne Alternativen, passt man sich den jeweiligen Gegebenheiten an, ohne sich zu engagieren, und sucht sein persönliches Glück in Familienleben und Berufskarriere. In der modernen Gesellschaft bilden Studenten kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe." [3]

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  • Das Überraschungsmoment der Revolte beförderte schon bald die in der Publizistik weithin geteilte Vorstellung von 1968 als tiefer Zäsur zwischen bleiernen Zeiten des autoritären Immobilismus und den lichten Weiten einer modernen Zivilgesellschaft oder - je nach Provenienz der Betrachter - zwischen geordneten Verhältnissen und ihrer Auflösung. Von jenem Jahr aus betrachtet, interessierte der erste Teil der Dekade dementsprechend lediglich als "Inkubationszeit des Protests" [4] oder aber als Umschlagen des "Reform-Gedankens" in ein "Revolutions-Postulat" [5] . Erst seit kürzerer Zeit beginnt die Zeitgeschichtsschreibung demgegenüber, die Gesellschaft der sechziger Jahre in ihrer "eigenständigen Bedeutung" [6] intensiv zu erkunden [7] . Aus dieser Perspektive lässt sich bereits die Zeit um 1960 als tiefer gesellschaftlicher Umbruch konturieren [8] und wird schließlich auch die spektakuläre Protestbewegung im letzten Drittel der Dekade, teleologischer Zuschreibungen entkleidet, in einen weiteren historischen Zusammenhang gestellt werden können.

    Der folgende Beitrag skizziert einige gesellschaftliche Tendenzen der Bundesrepublik in den frühen sechziger Jahren, fragt nach politischen Anlässen, Wahrnehmungen und Motiven, die oppositionelle Aufbrüche in diesem Zeitraum bewirkten, und wendet sich schließlich der Entstehung einer Neuen Linken zu.


    Fußnoten

    1.
    Vgl. Klaus Allerbeck/Wendy J. Hoag, Jugend ohne Zukunft? Einstellungen, Umwelt, Lebensperspektiven, München-Zürich 1985, S. 131 ff.
    2.
    Vgl. zum sozialwissenschaftlichen Jugenddiskurs der frühen sechziger Jahre die Skizze von K. Allerbeck/W. J. Hoag, ebd., S. 34 ff.; Hartmut M. Griese, ,Jugend(sub)kultur(en)' - Facetten, Probleme und Diskurse, in: Roland Roth/Dieter Rucht (Hrsg.), Jugendkulturen, Politik und Protest. Vom Widerstand zum Kommerz?, Opladen 2000, S. 37-47, hier S. 41 ff.
    3.
    Ludwig von Friedeburg, Jugend in der modernen Gesellschaft, Köln-Berlin 1965, S. 18.
    4.
    Heinz Bude, Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 bis 1948, Frankfurt/M. 1997, S. 55.
    5.
    Hermann Rudolph, Mehr als Stagnation und Revolte. Zur politischen Kultur der sechziger Jahre, in: Martin Broszat (Hrsg.), Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte, München 1990, S. 141-151, hier S. 149.
    6.
    Karl Dietrich Bracher, Die Bewährung der Zweiten Republik. Einleitender Essay, in: Klaus Hildebrand, Von Erhard zur Großen Koalition: 1963-1969, Stuttgart-Wiesbaden 1984, S. 7-16, hier S. 7.
    7.
    Vgl. Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl C. Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die sechziger Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000.
    8.
    Vgl. Axel Schildt/Arnold Sywottek (Hrsg.), Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der fünfziger Jahre, Bonn 1998².