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Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968


26.5.2002
In der DDR überschnitten sich in den späten sechziger Jahren zwei unterschiedliche ideologische Strömungen. Dies waren eine reformsozialistische Denkrichtung und eine emanzipatorische Aufbruchstimmung der jungen Generation der westlichen Welt.

I. Der ungeteilte Himmel



"Es war für uns immer schmerzlich zu sehen, wie die Mauer unser Vaterland teilte", meinte der Redakteur einer großen Tageszeitung des Springer-Verlages. Tatsächlich hatte man von der Kantine im obersten Stockwerk des Verlagshauses einen weiten Blick über das Terrain der ehemaligen Sperranlagen. Als der Kollege zu ausschweifenden topographischen Erklärungen auszuholen drohte, unterbrach ich ihn: "Ich kenne die Gegend einigermaßen. Ich bin hier zur Schule gegangen." Ich zeigte ihm durch die Scheibe der hoch gelegenen Kaffeestube den unauffälligen Schulbau aus der wilhelminischen Zeit. Das fremdvertraute Gebäude schien von hier aus zum Greifen nah und gleichzeitig unendlich weit fort. An Wintertagen konnte man von dort in der ersten Unterrichtsstunde die Meldungen auf dem Nachrichtenbalken lesen, der damals auf dem Springerhochhaus montiert war. Gelegentlich schimpfte der Staatsbürgerkundelehrer auf den "Lügenbalken", und die Schüler grinsten sich eins. Allerdings schien diese Form der Nachrichtenübermittlung schon damals irgendwie unzeitgemäß. Als ob es im Osten keine Radioapparate und Fernseher gegeben hätte.

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  • Als Ostern 1968 die Krawalle rund um das Springerhaus tobten, konnte man die Polizeisirenen und Sprechchöre hören. Viele von uns platzten damals vor Neid, nicht dabei sein zu können. Einen Steinwurf weit tobte die Revolte, doch dazwischen lag die Mauer und niemand durfte es dort wagen, auf wen auch immer mit Steinen zu schmeißen. Doch in den Kaffeehäusern und Buchhandlungen im Stadtzentrum von Ost-Berlin traf man gleichaltrige junge Leute aus dem Westen, die mit leuchtenden Augen von ihrem Aufbegehren gegen das Establishment erzählten. Sie waren wie kleine Kinder, die aufgeregt von ihren Spielen im Buddelkasten berichteten. Wenn sie von "Bullenschweinen", gar von der "repressiven Toleranz des scheißliberalen Systems" oder vom "Konsumterror" sprachen, wirkte das damals schon wunderlich naiv. Von dem System in der DDR hielten sie genau wie wir nicht sonderlich viel. Doch erklärten sie uns: "Historisch gesehen seid ihr schon einen Schritt weiter. Ihr müsst nur die Demokratie einführen. Dann haben die Rechten auch bei uns verspielt." Ich weiß noch, dass ich es damals versprochen habe. Im Stillen dachte ich: "Eines Tages werden wir euch die Show stehlen. Die eigentliche Schlacht wird im Osten geschlagen werden - in Prag, Budapest, Warschau und eben bei uns." Das schien bis in die Morgenstunden des 21. August 1968 auch noch möglich.

    Beim Blick vom Springerhochhaus auf das alte Schulgebäude erinnerte ich mich daran, dass auch damals in ganz ähnlicher Weise der Westen zum Greifen nah und gleichzeitig unendlich weit fort war. Die Mauer war nicht allein ein monströses Bauwerk. Sie war die eiserne Klammer, die das SED-System zusammenhielt, eine gigantische Projektionsfolie der beiderseitigen legitimationsstiftenden Bedrohungsängste. Nur eines war die Mauer nicht: eine wirkungsvolle Sperre, die den freien Flug der Gedanken behinderte. Niemals gelang es den Machthabern der DDR, eine geistige Quarantäne über ihr Land zu verhängen. Entgegen anderslautenden Meinungen war der Himmel über Berlin niemals geteilt.

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