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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Neue Konzepte in Politik und Wirtschaft werden gern als Dritte Wege apostrophiert. Zu Zeiten der Konfrontation zwischen Kapitalismus und Kommunismus sollten diese eine Art Kompromiss zwischen "Gut" und "Böse" darstellen.

Einleitung

Neue Konzepte in Politik und Wirtschaft werden gern als Dritte Wege apostrophiert. Zu Zeiten der Konfrontation zwischen Kapitalismus und Kommunismus sollten diese eine Art Kompromiss zwischen "Gut" und "Böse" darstellen. Heute werden Dritte Wege zwischen zwei Extremen im eigenen System gesucht. Derzeit steht der Begriff für neues sozialdemokratisches Regierungshandeln in Europa. Es war Tony Blair, der den neuen alten Leitbegriff wieder aufgegriffen hat. Seit seinem Wahlsieg dient das Schlagwort der Legitimierung neuer sozialdemokratischer Regierungsansprüche - auch in Deutschland. Die "neue Mitte" besetzen hier nach eigenem Bekunden die Sozialdemokraten.

Roland Sturm möchte die Frage nach dem Dritten Weg nicht als Frage nach einer dritten Lösung verstanden wissen. Wichtiger sei vielmehr, herauszufinden, ob angesichts der Herausforderungen der Globalisierung tatsächlich alle Regierungen dieser Welt die gleichen Antworten auf gesellschaftliche Probleme geben müssten oder ob nicht Raum für Alternativen wie beispielsweise die Bürgergesellschaft bleibe.

Einen   zeitgeschichtlichen und politikwissenschaftlichen Überblick über die verschiedenen Dritten Wege bietet der Beitrag von Alexander Gallus und Eckhard Jesse. Die Autoren setzen die sechs wichtigsten Konzeptionen Dritter Wege zu den jeweils ersten und zweiten Wegen ins Verhältnis. Sie gelangen dabei zu dem Ergebnis, dass die (ausgesprochen heterogenen) Modelle Dritter Wege eher Holz- als wirklich ernst zu nehmende alternative Wege sind. Einige der Konzepte seien niemals in die Praxis umgesetzt worden, andere präsentierten bloß alten Wein in neuen Schläuchen - wie der Dritte Weg der Sozialdemokratie.   Hans Vorländer betrachtet das Konzept der "neuen Sozialdemokratie", das auf dem Kommunitarismus basiert, dennoch als einen interessanten Gegenentwurf. Dieses Modell eines Dritten Weges stellt für ihn das Brückenkonzept von der alten zur neuen Sozialdemokratie dar - ähnlich wie er es hundert Jahre zuvor in England bei der Wandlung des alten zum neuen Liberalismus war. Der Dritte Weg der "neuen Sozialdemokratie", wie Anthony Giddens ihn entworfen und Tony Blair ihn aufgegriffen habe, solle von einem allumfassenden Etatismus in Wirtschaft und Gesellschaft zu einer aktiven, sich selbst regulierenden Bürgergesellschaft führen.

Lothar Funk beschreibt das Programm der sozialdemokratischen Parteien Europas als "Modernen Dritten Weg". Die Verfechter dieses Modells setzen auf die Globalisierung und die den internationalen Wettbewerb verstärkende "New Economy" als eine Art "Modernisierungspeitsche", mit der die verkrusteten Strukturen von Wirtschaft und Politik aufgebrochen werden sollen. Den Autor interessiert, was die programmatische Wende im Einzelnen bedeutet und wie sie bei Aufrechterhaltung der sozialdemokratischen Grundwerte gesellschaftlicher Integration realisiert werden kann.

Die Dritte-Weg-Politik der New Labour-Regierung Großbritanniens zielt auch auf eine lokale Anpassung an die Globalisierung: auf eine neue Städtepolitik. Frank Eckardt zeigt am Beispiel Manchesters, mit welchen Problemlagen die britische Politik gegenüber den Städten konfrontiert war und ist und wie sich die bisher getroffenen kommunalpolitischen Maßnahmen ausgewirkt haben. Vor ähnlichen Schwierigkeiten wie die britischen dürften auch deutsche Städte auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft stehen. Mehr noch: Der Autor betrachtet die Erfahrungen von Manchester als eine Art Blaupause für nationale Städtepolitik.