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Was sind Dritte Wege?

Eine vergleichende Bestandsaufnahme


26.5.2002
Der Begriff des Dritten Weges ist zumal in Deutschland weit verbreitet. Der Beitrag gibt einen Überblick zu den wichtigsten Konzeptionen, die mit diesem Terminus verbunden sind.

I. Einleitung



Wir haben "lauter dritte Wege" [1] . Das war in der Vergangenheit so, ist gegenwärtig der Fall und dürfte zukünftig nicht anders sein. Der Dritte Weg wird vielfach als Form verstanden, die sich von zwei weiteren Positionen absetzt. Er kann sich auf politische, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte beziehen oder eine Gemengelage aus ihnen sein. Manche sehen diesen schillernden Begriff [2] als weiterführend an, andere verwerfen ihn ganz und gar.

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  • Vielfach ist von einem deutschen Sonderweg die Rede, von einem "deutschen Weg" [3] . Der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach meint damit eine Richtung bei deutschen Historikern der Vergangenheit, die den "deutschen Weg" in einen Gegensatz zu dem Weg westlicher Systeme gerückt hat. Mit Berufung auf die "Ideen von 1813" oder auf die "Ideen von 1914" sei der deutsche Weg idealisiert worden. Der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld analysiert Selbstbilder zum Standort der Deutschen in Vergangenheit und Gegenwart. Die "Verwestlichung" Deutschlands habe erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt, zunächst nur in einem Teil. Der Unternehmensberater Volker Biek will den Nachweis führen, dass Deutschland im 19. Jahrhundert vom Armenhaus zur erfolgreichsten Industrienation wurde. Soll Deutschland mit dem bürgerlich-konservativen Lager hinfort erfolgreich sein, bedürfe es eines "nationalen Aufbruchs" und neben der CDU und der FDP einer "Nationalen Union" (wie früher die DNVP). Im Gegensatz zu Faulenbach und Weidenfeld verwendet Biek den Begriff des "deutschen Weges" zustimmend. Alle drei Bände stellen einen Beitrag zum offenbar unerschöpflichen Thema "Deutschland und der Westen" dar. Dabei hat die These vom "deutschen Sonderweg" in den letzten zwei Jahrzehnten ungeachtet der Hinweise auf spezifische Entwicklungen (z. B. späte Nationalstaatsbildung) an Bedeutung verloren. Denn ein "europäischer Normalweg" könne schwerlich ausgemacht werden [4] .

    Zunächst sei an drei weit auseinanderliegenden Beispielen die schillernde Konnotation des Begriffs vom Dritten Weg verdeutlicht: Dieser findet aktuelle Verwendung im Ausland, nahm bei einem deutschen Politikwissenschaftler eine tragende Rolle ein, und einige Zeitschriften schmücken sich mit dem Namen des Dritten Weges. Auf Arbeiten, die den Terminus in einem unspezifischen Sinne verwenden, wird nicht eingegangen.

    Beispiel 1: Auch wenn der Dritte Weg häufig als deutsche Gesellschaftsidee [5] gilt, spricht man nicht nur hierzulande davon. So ist in England mit dem Buch von Anthony Giddens "The Third Way" eine Großdiskussion zur Modernisierung der europäischen Sozialdemokratie ausgelöst worden [6] . Und in Frankreich gab es mit dem "Personalismus" eine lange in Vergessenheit geratene Gruppierung, die mit ihrer Kampfansage an den Individualismus wie an den Kollektivismus als eine Form des Dritten Weges gelten kann [7] .

    Beispiel 2: Es war der Berliner Politikwissenschaftler Ossip K. Flechtheim (1909-1998), der nicht müde wurde, den Begriff des Dritten Weges zu proklamieren [8] . Ihm ging es um "eine neue Synthese von Freiheit und Gleichheit, von nationaler Selbstbestimmung und universeller Kooperation, von Liberalismus, Sozialismus und Pazifismus" [9] . Zu seinen Gewährsleuten zählten u. a. so unterschiedliche Personen wie Erhard Eppler, Martin Luther King, Rosa Luxemburg, Ota Sik und Josip Broz Tito. Flechtheim zog als Alternative zum Dritten Weg den Dritten Weltkrieg in Betracht [10] .

    Beispiel 3: Mehrere Zeitschriften tragen den Begriff des Dritten Weges in ihrem Titel. Zwischen 1959 und Anfang 1964 erschien das Periodikum "Der dritte Weg. Zeitschrift für modernen Sozialismus" [11] , finanziell unterstützt vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Absicht war, auf kommunistische Kreise einen zersetzenden Einfluss auszuüben [12] . Die 1950 ins Leben gerufene Freisoziale Union (FSU), die sich an der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells orientiert, gibt seit 1970 eine Zeitschrift namens "Der Dritte Weg" [13] heraus. Unter dem Titel "Dritter Weg. Journal für eine solidarische Welt" existiert seit dem Jahr 1991 ein Organ, für das eine "Initiative Christliche Linke" mit Klaus Körner an der Spitze verantwortlich zeichnet. Ihm geht es u. a. um den Kampf gegen den Kolonialismus, um einen verantwortlichen Umgang mit Ressourcen und um eine wahrhaft "menschliche Welt" ohne jede Diskriminierung. Eine Zeitschrift, die den Namen "Dritter Weg" nicht trägt, könnte ihn mit Fug und Recht beanspruchen: "wir selbst". Das Periodikum, das seit Ende 1979 unter der Ägide von Siegfried Bublies auf den Markt kommt, will den Gegensatz zwischen rechts und links unterlaufen, versteht sich als antikapitalistisch, antiamerikanisch, ja als

    antiwestlich [14] . Manch ein Beitrag plädiert "für den deutschen Sonderweg" [15] . Der in Dänemark lebende Kulturhistoriker Henning Eichberg ist der Starautor der Zeitschrift. Auch bei ihm spielt der Gedanke des Dritten Wegs eine große Rolle [16] - mit einer Affinität zur neuen Rechten wie zur neuen Linken. Deren Repräsentanten haben sich vielfältig zu einem Dritten Weg bekannt - sei es wegen der Ablehnung des "orthodoxen" Kommunismus und der Sozialdemokratie, sei es wegen der Negierung des Nationalsozialismus und herkömmlicher konservativer Strömungen [17] . In der antiliberalen Kulturkritik finden sich erstaunliche Parallelen zwischen beiden Strömungen.

    Bereits diese Aufzählung, die auf einen sektiererischen Zug bei Vertretern eines Dritten Weges hindeutet, zeigt die Notwendigkeit der Strukturierung. Unser Beitrag will, ohne Vollständigkeit anzustreben, erstens einen Überblick über die verschiedenen Dritten Wege geben (Kapitel II). Dabei ist es unvermeidlich, einige ähnlich gelagerte Konzeptionen zusammenzufassen. So kommt man zu insgesamt sechs Varianten. Zweitens soll eine vergleichende Systematisierung angestellt werden - vornehmlich unter dem Aspekt, was eigentlich mit dem jeweiligen ersten und dem zweiten Weg gemeint sei (Kapitel III). Wo finden sich Unterschiede, wo Parallelen? In welchem Verhältnis stehen die verschiedenen Positionen des Dritten Weges zueinander? Wie praxisrelevant sind sie? Zunächst geht es um Deskription, danach mehr um Präskription.


    Fußnoten

    1.
    Vgl. Karlheinz Weißmann (Hrsg.), Lauter dritte Wege. Armin Mohler zum Achtzigsten, Bad Vilbel 2000.
    2.
    Vgl. etwa die folgenden Lexikonbeiträge: Eckhard Jesse, Artikel: Dritter Weg, in: Werner Weidenfeld/Karl-Rudolf Korte (Hrsg.), Handwörterbuch zur deutschen Einheit, Frankfurt/M. 1992², S. 252-257; Manfred G. Schmidt, Artikel:. Dritter Weg, in: ders., Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 1995, S. 240 f.; Heinz Timmermann, Artikel: Dritter Weg, in: Thomas Meyer u. a. (Hrsg.), Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 137-140; Stefan Wolle, Artikel: Dritter Weg, in: Hans-Joachim Veen u. a. (Hrsg.), Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin-München 2000, S. 109 f.
    3.
    Vgl. Bernd Faulenbach, Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 1980; Werner Weidenfeld, Der deutsche Weg, Berlin 1990; Volker Biek, Der deutsche Weg. Unser nationaler Aufbruch ins 21. Jahrhundert, Berg 1999.
    4.
    Vgl. Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.), Deutscher Sonderweg - Mythos oder Realität, München 1982; ferner Bernd Faulenbach, "Deutscher Sonderweg". Zur Geschichte und Problematik einer zentralen Kategorie des deutschen geschichtlichen Bewusstseins, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 33/81, S. 3-21.
    5.
    Vgl. Helmut L. Müller, Der "dritte Weg" als deutsche Gesellschaftsidee, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 27/84, S. 27-38.
    6.
    Vgl. Anthony Giddens, Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt/M. 1999 (1998).
    7.
    Vgl. Thomas Keller, Deutsch-französische Dritte-Weg-Diskurse. Personalistische Intellektuellendebatten der Zwischenkriegszeit, München 2001.
    8.
    Zur Person Flechtheims vgl. Christian Fenner/Bernhard Blanke (Hrsg.), Systemwandel und Demokratisierung. Festschrift für Ossip K. Flechtheim, Frankfurt/M.-Köln 1975; Heft 69/1989 der Zeitschrift "europäische ideen": Ossip K. Flechtheim zum 80. Geburtstag.
    9.
    So Ossip K. Flechtheim, Der Dritte Weg in der deutschen Parteipolitik nach 1945, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 25/73, S. 13.
    10.
    Vgl. ders., Dritter Weg oder Dritter Weltkrieg?, in: ders., Eine Welt oder keine? Beiträge zur Politik, Politologie und Philosophie, Frankfurt/M. 1964, S. 252-266.
    11.
    1961 wechselte der Untertitel: "Diskussionsforum für modernen Sozialismus".
    12.
    Chefredakteur der Zeitschrift war Heinz Lippmann, einst Stellvertreter des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker. Vgl. Michael Herms, Heinz Lippmann. Porträt eines Stellvertreters, Berlin 1996, S. 210-257.
    13.
    Zunächst: "Der 3. Weg". Zur FSU vgl. Richard Stöss, Die Freisoziale Union, in: ders. (Hrsg.), Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980, Band II: FDP bis WAV, Opladen 1984, S. 1397-1423. Die Anhänger Gesells sind im Internet vertreten unter: www.DritterWeg.de und www.nwo.de.
    14.
    Vgl. zur Einordnung Eckhard Jesse, Zeitschriftenporträt: wir selbst, in: Uwe Backes/ders. (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Band 11, Baden-Baden 1999, S. 239-253.
    15.
    Vgl. Peter Bahn, Für den deutschen Sonderweg. Plädoyer gegen die restlose Verwestlichung unseres Landes, in: wir selbst, (1990) 1, S. 10-12.
    16.
    Vgl. Henning Eichberg, Das revolutionäre Du. Über den dritten Weg, in: wir selbst, (1992) 1-2, S. 22-29.
    17.
    Vgl. Uwe Backes/Eckhard Jesse, Neue Linke und Neue Rechte - Ein Vergleich, in: dies. (Anm. 14), Band 5, Bonn 1993, S. 7-28.