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Dritter Weg und Kommunitarismus


26.5.2002
Der Kommunitarismus ist das Brückenkonzept von der alten zur neuen Sozialdemokratie. Von einem allumfassenden Etatismus in Wirtschaft und Gesellschaft soll der Weg zu einer aktiven Bürgergesellschaft führen.

Verführungen einer Metapher



Die Metapher vom Dritten Weg ist keineswegs neu. Viele politische Richtungen haben im 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Kontexten Rückgriff auf diese Metapher genommen, um damit politischen Terraingewinn zu erzielen. Das war bei den Austromarxisten der 1920er Jahre genauso wie bei der Sozialistischen Internationale 1951 und der schwedischen Sozialdemokratie 1990. Die italienischen Faschisten glaubten, mit ihrem Dritten Weg eine Schneise zwischen bolschewistischem Kommunismus und demokratischem Liberalismus zu schlagen. Papst Pius XI. grenzte sich mit seinem Dritten Weg von Kollektivismus einerseits und ungebändigtem Individualismus andererseits ab. Im Jugoslawien Titos waren Arbeitermitbestimmung und genossenschaftlicher Sozialismus die Marksteine eines Dritten Weges zwischen real existierendem Staatssozialismus sowjetischer Prägung und einem demokratischen, sozial domestizierten Kapitalismus des Westens. Der Reformsozialismus in der Tschechoslowakei unter Dubek wollte einen ähnlichen Weg gehen. Und auch die Renaissance des Mitteleuropa-Gedankens in Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei vor den Revolutionen von 1989 war konzeptionell verknüpft mit der Vorstellung eines Dritten Weges zwischen West und Ost, zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

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  • Metaphern wie die des Dritten Weges leben von ihrer Suggestivkraft: Es gibt zwei Wege, die in die Irre, und nur einen Weg, der zum Ziel führt. Dieser Weg muss nicht der mittlere Pfad sein, gleichwohl liegt in der Metapher des Dritten Weges die Vorstellung eingeschlossen, dass der Dritte Weg auch der vernünftige, die Extreme vermeidende und insofern dann doch der mittlere Weg ist. In der Geschichte des politischen Denkens ist die Vorstellung immer schon vorhanden gewesen, dass eine politische Ordnung, will sie denn gut und gerecht und auf Dauer gestellt sein, die Extreme zu vermeiden und den mittleren Weg zu suchen hat. Schon bei Aristoteles war es die Mitte, die sowohl Stabilität wie auch Glückseligkeit in einem politischen Gemeinwesen zu garantieren schien. Das bedeutete zum einen, dass nicht die reinen Verfassungsformen, seien es Monarchie, Aristokratie oder Demokratie, dazu angetan waren, eine gute Ordnung zu begründen. Hingegen waren es die Mischformen, genauer gesagt die Mischform aus Demokratie und Oligarchie, die Stabilität und Gerechtigkeit eines politischen Gemeinwesens verbürgten. Zum anderen musste eine solche Ordnung auf den "mittleren Schichten" aufruhen. Weder die Armen noch die Reichen alleine sollten ein politisches Gemeinwesen regieren und beherrschen. Seit Aristoteles ist es mithin der Topos der Mitte, der eine historische Vernünftigkeit und eine politische Plausibilität für sich beansprucht, die der Metapher vom Dritten Weg zusätzliche Suggestivkraft verleihen.

    Der Dritte Weg ist ein Unterscheidungsbegriff, der einen politischen Handlungsraum abzustecken sucht. Die äußeren Grenzen dieses Handlungsraumes werden von den diskredierten oder erschöpften Extremen markiert. Im Zentrum befindet sich die alternative, neue Option, die sich von ihren alten, falschen Konkurrenten abgrenzt. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Utopie, ja auch nicht um eine grundlegend neue Vision, sondern die neue Handlungsoption sucht dem pragmatisch Notwendigen und dem politisch Machbaren eine Perspektive zu geben. Insofern ist die Metapher auch immer Teil eines strategischen Begriffsmanagements, das politische Abgrenzung und soziale Orientierung, evolutionären Wandel und moderierenden Politikentwurf anzeigen soll. Das Ziel der diskursiven Einführung und semantischen Besetzung der Metapher besteht damit zugleich in der Veränderung der Parameter öffentlicher Diskurse und in der Gewinnung von Deutungshoheit über das öffentliche Räsonnement.