3D-Illustration von Gehirnzellen

2.2.2018 | Von:
Christoph Kehl

Entgrenzungen zwischen Mensch und Maschine, oder: Können Roboter zu guter Pflege beitragen?

Die jüngsten Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) sind zweifelsohne beeindruckend: Dass Computer im Schach dem Menschen bereits seit Jahrzehnten haushoch überlegen sind, ist inzwischen Normalität. Dass aber ein KI-System fähig ist, im wesentlich komplexeren und kaum berechenbaren Go-Spiel in kürzester Zeit eine Spielstärke zu erreichen, die den weltbesten Spielern nicht den Hauch einer Chance lässt – wie jüngst geschehen –, galt bis vor Kurzem noch als undenkbar.

Algorithmen steuern immer mehr Arbeits- und Lebensbereiche, von der Internetsuche über die computergestützte Befundung in der Medizin bis zu Finanztransaktionen. In der Regel handelt es sich dabei um hochspezialisierte Softwareagenten, die in einer rein virtuellen Umwelt agieren. Es wird aber auch an "intelligenten" Systemen gearbeitet, die fähig sind, sich in der analogen Welt zu bewegen, in diese einzugreifen und mit Menschen in physischen Kontakt zu treten. Maschinen dieser Art haben das Potenzial, das Mensch-Technik-Verhältnis ganz neu zu definieren: Insofern Technik nämlich beginnt, autonom zu agieren und damit ein einfaches Denken in Zweck-Mittel-Relationen zu untergraben (wie es für die Anwendung herkömmlicher Werkzeuge maßgeblich ist), wird auch die Abgrenzung zwischen dem Menschen und den von ihm geschaffenen Arbeitsmitteln immer unschärfer. Dieses Phänomen wird im Folgenden als Mensch-Maschine-Entgrenzung bezeichnet.

Die gesellschaftliche Brisanz des Themas rückt zunehmend in das politische Bewusstsein. So sah sich das Europäische Parlament 2016 veranlasst, der EU-Kommission zivilrechtliche Regelungen im Bereich Robotik zu empfehlen.[1] Im Bundestag waren "Künstliche Intelligenz" und "Robotik" Thema verschiedener Anhörungen, darüber hinaus wurde das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) damit beauftragt, die technologischen Grundlagen sowie gesellschaftlichen Perspektiven dieser Entwicklung zu untersuchen. Im Folgenden werden Ergebnisse und Überlegungen aus dem dazugehörigen TAB-Projekt vorgestellt, das sich in der Sondierungsphase mit technologischen und visionären Aspekten der Mensch-Maschine-Entgrenzung[2] befasste und in der Vertiefungsphase die gesellschaftlichen Herausforderungen der Entwicklung näher bestimmte, und zwar am Beispiel eines konkreten Anwendungskontextes – der Pflege.

Zwischen Vision und Wirklichkeit

Vor allem die Entwicklungen in zwei Technologiefeldern – der Robotik und den Neurotechnologien – tragen dazu bei, dass die ehemals scharfen Trennlinien zwischen Mensch und Maschine immer mehr verschwimmen.

Fortschritte in der Robotik machen es inzwischen möglich, auch komplexe menschliche Handlungsabläufe maschinell nachzubilden. Während der klassische Industrieroboter auf die Automatisierung repetitiver industrieller Prozesse festgelegt ist und seine Dienste aus Sicherheitsgründen weitgehend abgeschottet von Menschen vollbringt, eröffnen sich für moderne Serviceroboter vielfältige Anwendungsperspektiven auch außerhalb industrieller Fertigungshallen – seien es einfache Aufgaben in Privathaushalten (in denen Staubsaugerroboter bereits millionenfach in Anwendung sind) oder komplexe, auch personenbezogene Dienstleistungen im Pflegebereich. Möglich gemacht haben diesen Schritt in die Alltagswelt insbesondere folgende Merkmale, mit denen sich Serviceroboter von klassischen Industrierobotern abgrenzen lassen: hardwareseitig die Leichtbauweise, die – ergänzt um komplexe Sensorik und Aktorik – eine immer engere Interaktion mit dem Menschen ermöglicht; softwareseitig die Realisierung von hochentwickelten Lern- und Planungsverfahren (auf Basis von KI und Maschinellem Lernen), welche die Systeme befähigen sollen, nicht nur ein festgelegtes Handlungsprogramm abzuspulen, sondern sich auch unter neuen oder sich verändernden Bedingungen weitgehend autonom zurechtzufinden. Die Servicerobotik gilt inzwischen als zukunftsweisender Wachstumsmarkt, dessen weltweites Volumen der etablierten Industrierobotik laut Prognosen in wenigen Jahren den Rang ablaufen könnte.[3]

Sorgt die Robotik auf der einen Seite dafür, dass Maschinen in ihren Handlungsmöglichkeiten immer menschenähnlicher werden, eröffnen die Fortschritte auf dem Gebiet der Neurotechnologien auf der anderen ganz neue Optionen, mit dem Menschen technologisch zu interagieren. Schon zum klinischen Standardrepertoire gehören stimulierende Systeme, die elektrische Impulse an das Gehirn übertragen – etwa sensorische Neuroprothesen wie das Cochlea-Implantat, mit dem sich Einschränkungen des Hörsinns über die gezielte Stimulation der entsprechenden Nervenfasern technisch kompensieren lassen. Daneben wird aber auch intensiv an ableitenden Anwendungen geforscht, mit dem Ziel, Signale aus dem Nervensystem zu gewinnen und zur Steuerung etwa von künstlichen Gliedmaßen zu verwenden. Dabei macht man sich zunutze, dass gedankliche Aktivität elektrische Potenziale erzeugt, die sowohl invasiv (mittels implantierter Mikroelektrodensonden) als auch nichtinvasiv (mittels auf der Kopfhaut fixierter Elektroden) detektierbar sind. Beide Herangehensweisen haben ihre spezifischen Limitationen: Die nichtinvasive Datengewinnung leidet an einer eher schlechten Signalqualität und kommt somit nur für die binäre Steuerung einfacher Kommunikationssysteme in Betracht.[4] Mit invasiven Ableitmethoden sind zwar theoretisch höhere Datenraten erreichbar, was die Feinsteuerung künstlicher Gliedmaßen in den Bereich des technisch Möglichen rückt – einschränkende Faktoren sind hier aber die noch sehr begrenzte Langzeitstabilität der implantierten Sonden, die aufgrund der Fremdkörperreaktion des Gehirns (Einkapselung) in der Regel nach kurzer Zeit ihre Funktion verlieren.

Auch wenn die Datenableitung aus dem Gehirn und damit die intuitive Gedankensteuerung komplexer Apparaturen noch nicht über das experimentelle Stadium hinausgekommen ist, zeichnen sich bereits weitere Anwendungsperspektiven ab. Sollte es dereinst gelingen, durch Integration von ableitenden und stimulierenden Schnittstellen ein stabiles bidirektionales Feedbacksystem zu etablieren, ließen sich "fühlende" Handprothesen realisieren, die dem Nutzer während des Greifprozesses eine sensorische Rückmeldung geben. Auf die Spitze getrieben wird die Mensch-Maschine-Entgrenzung schließlich durch die Kombination neurotechnologischer Anwendungen mit Robotertechnologie – etwa im Form "intelligenter", sich selbst steuernder Implantate oder roboterisierter Gliedmaßen –, wodurch autonom agierende maschinelle Systeme quasi untrennbar mit dem Menschen verschmelzen. Klar ist, dass in einer solchen Konstellation nicht mehr eindeutig ist, wer wen kontrolliert: der Mensch die Maschine oder umgekehrt?

Das visionäre Potenzial dieser Entwicklungen steht außer Frage. Sowohl die Fortschritte in der Robotik als auch den Neurotechnologien werden auf gesellschaftlicher Ebene entsprechend durch weitreichende Zukunftsvorstellungen begleitet, die interessanterweise wiederum an ältere, kulturell äußerst wirkmächtige Motive anknüpfen.[5] Da wäre zum einen die Vision einer (neuro-)technologischen Optimierung des Menschen (Human Enhancement),[6] die Anfang des 20. Jahrhunderts, im Zuge biologisch-evolutionären Denkens, erstmals auf den Plan trat.[7] Zum anderen wird derzeit auch intensiv über die Möglichkeit diskutiert, dass Roboter den Menschen in nicht allzu ferner Zukunft an Intelligenz überflügeln und wahlweise unterjochen oder in eine glorreiche Zukunft führen könnten. Auch diese Idee reicht mindestens hundert Jahre zurück und wurde erstmals in Karel Čapeks dystopischem Drama "R.U.R. – Rossum’s Universal Robots" (1920) ausformuliert. Angetrieben und befeuert werden diese visionären Debatten seither maßgeblich von publikumswirksamer Science-Fiction, in der verschiedene Spielarten dieser Entgrenzungsvisionen plakativ ausgemalt werden.[8]

Dass Hybride aus Menschen und Maschinen offensichtlich keine bloße Zukunftsvision mehr sind, macht bereits die Tatsache deutlich, dass derzeit etwa 30.000 Menschen in Deutschland ein Cochlea-Implantat tragen. Dennoch stellt sich die Frage, inwiefern die erwähnten futuristischen Visionen als maßgebliche Referenzpunkte für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Entgrenzungsdynamik taugen. Um es kurz zu machen: Auf Basis einer nüchternen Bewertung der Leistungsfähigkeit der zugrundeliegenden Technologien kommt die TAB-Studie zum Ergebnis, dass größere Zweifel angebracht sind.[9] So sind die etablierten neurotechnologischen Eingriffe in das Gehirn mit teils erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden, die nur zur Kompensation schwerer körperlicher Defizite ethisch gerechtfertigt erscheinen. Gegen die breitere Anwendung bei Gesunden spricht vor allem, dass die technologisch erreichbaren Zusatzfähigkeiten (z.B. Sinneserweiterungen wie das Hören von Ultraschall mittels Cochlea-Implantat) absehbar keinen wirklichen Nutzen versprechen, wie er für eine Optimierung des Menschen erforderlich wäre. Auch die Servicerobotik befindet sich derzeit in einem Entwicklungsstadium, das jeglichen Gedanken an eine "Machtübernahme" intelligenter Maschinen ins Reich der Science-Fiction verbannt. Die Autonomie der verfügbaren Systeme ist noch äußerst beschränkt und wird bereits durch einfache Manipulationsaufgaben – beispielsweise das Erkennen und Greifen von gängigen Haushaltsgegenständen unter realen Bedingungen – auf eine harte Probe gestellt. Wann – und ob überhaupt – eine starke KI realisierbar ist, die der menschlichen Intelligenz gleichkommt, ist eine Frage, über die sich nach wie vor nur spekulieren lässt.

Fußnoten

1.
Vgl. Europäisches Parlament, Bericht mit Empfehlungen an die Kommission zu zivilrechtlichen Regelungen im Bereich Robotik (2015/2103(INL)), Brüssel 2017.
2.
Vgl. Christoph Kehl/Christopher Coenen, Technologien und Visionen der Mensch-Maschine-Entgrenzung. Sachstandsbericht zum TA-Projekt "Mensch-Maschine-Entgrenzungen: zwischen künstlicher Intelligenz und Human Enhancement". Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, Berlin 2016.
3.
Vgl. Expertenkommission Forschung und Innovation, Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2016, Berlin 2016, S. 53.
4.
Bahnbrechend sind diesbezüglich vor allem die Arbeiten von Niels Bierbaumer in Tübingen, dem es kürzlich gelungen ist, mittels einer Gehirn-Computer-Schnittstelle mit komplett gelähmten Locked-In-Patienten zu kommunizieren. Vgl. Ujwal Chaudhary et al., Brain–Computer Interface–Based Communication in the Completely Locked-In State, in: PLOS Biology 1/2017, S. 1–25.
5.
Vgl. Kehl/Coenen (Anm. 2), S. 33ff.
6.
Vgl. dazu die Beiträge zum Thema "Der Neue Mensch" in Aus Politik und Zeitgeschichte 37–38/2016.
7.
Vgl. John D. Bernal, The World, the Flesh and the Devil. An Inquiry into the Future of the Three Enemies of the Rational Soul, London 1929.
8.
Siehe dazu auch den Beitrag von Ingo Irsigler und Dominik Orth in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Vgl. Kehl/Coenen (Anm. 2), S. 140ff.
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Autor: Christoph Kehl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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