3D-Illustration von Gehirnzellen

2.2.2018 | Von:
Ingo Irsigler
Dominik Orth

Zwischen Menschwerdung und Weltherrschaft: Künstliche Intelligenz im Film

"I know that you and Frank were planning to disconnect me, and I’m afraid that’s something I cannot allow to happen." – Dieses Zitat aus Stanley Kubricks "2001 – A Space Odyssey" (1968) stammt – das Verb disconnect verweist unmissverständlich darauf – nicht von einer menschlichen Figur. Vielmehr weigert sich mit diesen Worten HAL 9000, der Bordcomputer des Raumschiffs "Discovery 1", dem Astronauten Dave, der eine kurze Bergungsmission im All unternommen hatte, wieder Zugang zum Raumschiff zu gewähren. Doch Hal[1] ist mehr als ein Computer: Er (oder sollte man schreiben: es?) gilt als "brain and central nervous system of the ship", wie es im Film heißt, ist also eine Künstliche Intelligenz (KI). Diese steuert den gesamten Schiffsablauf, verantwortet die Öffnung und Schließung der Zugangsluken und kann verhindern, dass Dave wieder an Bord gelangt. Das eingangs genannte Zitat markiert einerseits einen entscheidenden Wendepunkt innerhalb dieses Kino-Klassikers, gleichzeitig steht es beispielhaft für eines der zentralen Handlungselemente von Spielfilmen, die das Thema Künstliche Intelligenz aufgreifen: Die Übernahme der Kontrolle durch die KI, die gleichsam einen Kontrollverlust des Menschen über die Technik bedeutet. Technik und Mensch sind in solchen Narrationen zu Gegenspielern geworden.

Während es Dave aus "2001 – A Space Odyssey" dennoch gelingt, Hal und somit die von einer Künstlichen Intelligenz ausgehende Bedrohung ab- und damit also auszuschalten, zeigt ein Blick auf die Filmgeschichte der vergangenen Jahrzehnte, dass sich nicht immer das Menschliche durchsetzt: So gelingt es der KI in Filmen der "The Matrix"-Trilogie (1999/2003) oder "Terminator"-Reihe (ab 1984), die Kontrolle über die Menschen (ja sogar die Menschheit) dauerhaft zu übernehmen, während die mit artifizieller Intelligenz ausgestatteten Roboter und künstlichen Menschen in "Blade Runner" (1982) oder "A.I. – Artificial Intelligence" (2001) danach streben, menschlicher (teilweise sogar zu "echten" Menschen) zu werden.

Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, wie vielgestaltig filmische Fiktionen das Thema der Künstlichen Intelligenz ausgestalten. Trotz dieser Vielzahl an Varianten folgen viele "KI-Filme" – wie wir im Folgenden anhand ausgewählter Beispiele aufzeigen werden – ähnlichen Handlungsmustern und enthalten ähnliche erzählerische Elemente, die den Filmen ein reflexives Potenzial einschreiben. Denn auf welche Art und Weise Künstliche Intelligenz auch thematisiert wird: Vielfach verweisen die Filme auf Technikreflexionen hinsichtlich der KI in der realen Welt und positionieren sich implizit dazu, indem Möglichkeiten, vor allem aber Gefahren und Grenzen der Künstlichen Intelligenz im Modus der Fiktion ausgelotet werden.

Zwei Grundformen Künstlicher Intelligenz im Spielfilm

Grundsätzlich sind zwei Hauptthemen von KI-Filmen zu unterscheiden, die divergierenden Handlungsmustern folgen: Diese Themen können mit den Begriffen "Körper-KI" einerseits und "Hyper-KI" andererseits bezeichnet werden. Unter "Körper-KI" verstehen wir, dass ein Roboter oder ein anderes künstlich hergestelltes Wesen ein eigenes Bewusstsein implementiert bekommt oder selbstständig aus- und weitergebildet hat. Eine solche "Körper-KI", wie sie etwa der Replikant Roy Batty aus Ridley Scotts "Blade Runner", der Roboterjunge David aus Steven Spielbergs "A.I. – Artificial Intelligence" oder Ava aus Alex Garlands "Ex Machina" (2014) besitzen, ist demnach körpergebunden, es handelt sich um menschenähnliche Entitäten. Typisches Handlungsmuster für entsprechende Filme ist, dass diese technisch erzeugten Wesen die Intention haben, humaner zu werden.

Ein anderes Ziel hingegen verfolgen die als "Hyper-KI" zu bezeichnenden Technologien, die körperlos und somit körperungebunden sind und sich nicht nur dadurch "über" die Menschheit erheben. Sie sind nicht an die Grenzen eines menschenähnlichen Körpers gebunden und versuchen zumeist, aus unterschiedlichen Motiven, die Kontrolle über die Menschen zu erlangen. Welcher Stellenwert diesen Intelligenzen in der jeweiligen erzählten Welt zugesprochen wird, zeigt sich bereits in der Namensgebung: Einige Künstliche Intelligenzen sind mit personifizierenden Namen versehen, wie etwa "V.I.K.I." in Alex Proyas’ "I, Robot" (2004) oder "Samantha" in Spike Jonzes "Her" (2013); anderen ist hingegen ihr technologischer Hintergrund durch ihre Bezeichnung eingeschrieben, wie dem "Master Control Program" in Steven Lisbergers "Tron" (1982) oder der KI "Skynet" aus der "Terminator"-Reihe. Während durch die menschenähnliche Namensgebung versucht wird, den technologischen Intelligenzen einen menschlichen Charakter zu verleihen und sie damit verharmlost werden, ergibt sich aus den technologisch orientierten Bezeichnungen die Zielsetzung der KI: Das "Master Control Program" will umfassend kontrollieren, und "Skynet" unterscheidet sich durch eine übergeordnete Vernetzung von menschlichen Intelligenzen.

Die zwei Grundformen Künstlicher Intelligenz sind an bestimmte narrative Formen geknüpft, das heißt: Filme, die jeweils eines der Hauptthemen aufgreifen, verfügen zum einen über ähnliche Handlungsmuster und laufen zum anderen auf divergierende Zielsetzungen zu: "Menschwerdung" ("Körper-KI") versus "Kontrolle über Menschen" ("Hyper-KI"). Damit einhergehend werden in den unterschiedlichen Themenkomplexen verschiedene Formen und Funktionen von Künstlicher Intelligenz aufgegriffen, die gesellschaftliche Chancen und Risiken innovativer Technologien kritisch reflektieren.

Fußnoten

1.
Die unterschiedlichen Schreibweisen (nur Großbuchstaben oder – wie ein Name – nur mit dem ersten Buchstaben groß geschrieben) verweisen auf die unterschiedliche Aussprache im Film. Zumeist wird die KI mit "Hal" als Name zusammenhängend ausgesprochen. Nur eingangs ist von HAL die Rede, wobei jeder Buchstabe einzeln ausgesprochen und so der maschinelle Kontext betont wird. Mit der Redeweise als Name geht eine Personifizierung der Technologie einher, wodurch der Bezug zur Intelligenz der Technologie (im Gegensatz zu einer "dummen" Maschine) betont wird. Gleichzeitig ist der Name wegen der auf Aussprache-Ebene vorhandenen Ähnlichkeit zum englischen Wort hell (Hölle) negativ konnotiert.
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Autoren: Ingo Irsigler, Dominik Orth für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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