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26.5.2002 | Von:
Hugo C. F. Mansilla

Fortgesetzte Umweltzerstörung in Lateinamerika trotz des Diskurses der nachhaltigen Entwicklung?

Der lateinamerikanische Kontinent leidet unter den verschiedenartigsten Formen ökologischer Beeinträchtigung. Die Abholzung der Regenwälder führt zu einer grenzenlosen Bodendegradierung und Desertifikation.

I. Die augenblickliche Lage

Wie zahlreiche Regionen der Erde leidet der lateinamerikanische Subkontinent unter verschiedenartigen Formen ökologischer Beeinträchtigung. Das Ausmaß und die Intensität dieser Phänomene, die mehrheitlich durch den Menschen verursacht worden sind, haben in den letzten Jahrzehnten gewaltig zugenommen. Die gegenwärtige Gestalt und der jetzige Rhythmus der Umweltzerstörung wären höchstwahrscheinlich ohne die massive Verwendung der fortgeschrittenen Technologie, ohne die planmäßige Erschließung aller Landesteile und ohne die wachsende Inwertsetzung aller natürlichen Ressourcen nicht möglich gewesen. Das bedeutet, dass durchaus moderne Erscheinungen, wie ein relativ einfacher Zugang zum technischen Instrumentarium oder staatlich geförderte Entwicklungsprogramme zur Ausdehnung der Agrargrenze ihren jeweiligen und gewichtigen Beitrag zur Zerstörung natürlicher Ökosysteme geleistet haben. Die Entwicklung in den letzten dreißig Jahren ist als unheilvoll zu bezeichnen, paradoxerweise seit es ein kollektives Bewußtsein ökologischer Gefährdungen gibt. Für die tropischen Regenwälder sind die letzten Jahre ab etwa 1992 (Earth Summit in Rio de Janeiro) verhängnisvoll gewesen. Ein Kausalzusammenhang zwischen beiden Phänomenen wird hier selbstredend nicht unterstellt, eher eine parallele Entfaltung. [1]

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  • Als besonders gravierend hat sich die Vernichtung des natürlichen Vegetationsmantels erwiesen, die in einer früher kaum vorstellbaren Reichweite und Schnelligkeit grenzenlose Bodendegradierung und Desertifikation mit sich gebracht hat. Zugleich sind Letztere aufs engste mit Problemen weltweiter Bedeutung verbunden, unter denen die langsame aber stetige Veränderung des globalen Klimas (Treibhauseffekt), die immer größer werdende Verwüstung von Agrarböden, die schnelle Verringerung der Biodiversität und die wahrscheinliche Verunsicherung des Energiepotentials des ganzen Planeten hervorzuheben sind [2] .

    Das Ausmaß und die Intensität der ökologischen Probleme haben auch mit vernachlässigten soziokulturellen und politischen Aspekten zu tun, welche deswegen einer eingehenderen Berücksichtigung bedürfen. Falsche oder ungenügende Umweltpolitiken können unabsehbare Umweltschäden verursachen oder verschlimmern; ferner kann eine weitverbreitete Mentalität die angemessene Wahrnehmung ökologischer Beeinträchtigungen verhindern. Letzteres stellt wahrscheinlich eines der grundlegendsten Probleme des heutigen Lateinamerika dar und wird im Folgenden näher erläutert.

    Um die soziokulturellen Aspekte der Umweltprobleme besser verstehen zu können, ist ein Blick auf einige Praktiken der Vergangenheit sinnvoll. In Mexiko und im Andenraum geschah während der spanischen Kolonialzeit die Prospektion von Erzen (vor allem Silber) durch rücksichtsloses Abbrennen des Vegetationsmantels auf allen Bergkämmen und Abhängen überall dort, wo es einen Verdacht auf Silberadern gab. Die Vernichtung von Wald und Busch in den ökologisch sehr prekären Gebirgsgegenden verursachte nach wenigen Jahrzehnten die irreversible Erodierung ausgedehnter Regionen, was noch heute in Mexiko, Peru und Bolivien sichtbar ist. Der Kahlschag bei den extrem fragilen Wäldern der Gebirgszonen wurde auch dadurch unterstützt, dass Holz beim Bergbau großzügig für den Bau von Balken und Abstützungen der Stollen verwendet wurde. Jahrhundertelang war Holz die Hauptenergiequelle für alle mit dem Bergbau verbundenen Aktivitäten.

    Jahrhundertelang basierte die Wirtschaft mehrerer lateinamerikanischer Länder auf einer "Rente", die ausschließlich aus der rücksichtslosen Ausbeutung der Naturressourcen gewonnen wurde und die nunmehr zu Ende geht. Zu diesem Problem kommt hinzu, dass die meisten Agrarböden Lateinamerikas nahrungsarm und äußerst verwundar sind, dass eine außergewöhnliche Überausbeutung derselben festzustellen ist und dass die Produktivität der meisten Landstriche auch unter Verhältnissen einer sehr schonenden Nutzung betont niedrig ausfällt.

    Fußnoten

    1.
    Diese Arbeit wurde durch eine großzügige Forschungsbeihilfe der Stiftung Weltgesellschaft (Zürich) gefördert.
    2.
    Zu den aktuellen Problemen der Bodendegradierung und Desertifikation vgl. Stiftung Entwicklung und Frieden, Ingomar Hauchler/Dirk Messer/Franz Nuscheler (Hrsg.), Globale Trends 1998. Fakten, Analysen, Prognosen, Frankfurt/M. 1997, S. 243 ff.