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26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

Der Beitrag versucht, die Entstehung von Soziokultur, aber auch deren Bedingungen zu problematisieren. Ausgehend von einem reformierten Kulturpolitikbegriff wird beispielsweise die Organisation soziokultureller Zentren nachgezeichnet.

I. Von der Geschichte zur Perspektive

Soziokultur ist eine problematische Größe, sowohl vor dem Hintergrund ihrer Geschichte als auch vor dem ihrer Zukunftsaussicht, denn sie entzieht sich einer eindeutigen Beschreibung. Beide Dimensionen werden oft unzureichend in Beziehung gesetzt, doch scheint ihre kritische Zusammenschau immer dringlicher. Gehen wir davon aus, dass die Geschichte dessen, was wir als Soziokultur bezeichnen, wie jegliche Geschichte eine Erkenntnisqualität besitzt, dann stehen Gegenwart und Zukunft mit ihr in einem wichtigen Verhältnis. Dieses Verhältnis zeichnet sich zunächst durch eine Brüchigkeit aus, denn Geschichte ist zum einen der Versuch einer (Re-)Konstruktion des Vergangenen (und somit Verlorenen), zum anderen verlangt sie aber auch ein bestimmtes Erkenntnisinteresse. "Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet", schreibt Walter Benjamin, "muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn auszustreuen, wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt." [1] Hinter Geschichte verbirgt sich ein unermüdlicher Wille zur Erkenntnis, aber gleichzeitig auch ein Wille zur Kritik, denn jede Erkenntnis wird von einem Standpunkt bestimmt. Nach Ortega y Gasset ist die Perspektive eine entscheidende Komponente der Wirklichkeit [2] . Schließlich verkörpert sich in der Geschichte auch ein Wille zur Macht, zur Festschreibung im wahrsten Sinne, die das Kommende prägt.

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  • Eine "Geschichte der Soziokultur" gibt es noch nicht, wohl aber propädeutische (einführende) und systematische Versuche, etwas über deren Wesen auszusagen. Das mag unter anderem daran liegen, dass sie ein notwendig zurückhaltendes Verhältnis zu Traditionsbildungen hat, aber auch an ihrem praktischen Erfolg, der den analytischen Blick gleichsam erst nach sich zieht. Aus durch und durch kritischen Impulsen geboren und in der Gegenwart agierend, ist das kritische Prinzip selbst Gegenstand des suchenden Rückblickes geworden. Je stärker dabei nach dem Warum des Erfolges, nach zeitgeschichtlichen, aber auch historischen Wurzeln soziokulturellen Denkens gefragt wird, um so bedeutsamer kann die geschichtliche Rekonstruktion für die Gestalt zukünftiger Praxis oder Theorie sein. Eine Theorie der Soziokultur, wie sie in allgemeiner Form für die Subkultur existiert [3] , steht freilich ebenfalls noch aus. Eines aber ist gewiss: Wo Geschichte entsteht - und sie entsteht zwangsläufig -, entstehen Fragen an Vergangenheit und Zukunft, insbesondere bei jenen, denen die Zeitzeugenschaft in großen Teilen verwehrt blieb. Je produktiver dabei die Arbeit an der Geschichte aufgefasst wird, desto vielgestaltiger wird diese sein, desto vielgestaltiger werden auch die Erkenntnisse sein, die in die Diskussion um konzeptionelle Neubestimmungen Eingang finden.

    Die folgenden Gedanken, die einen Überblick über Geschichte und Perspektiven der Soziokultur zu geben versuchen, wollen zugleich ein Impuls zu einer gründlichen und differenzierten Auseinandersetzung mit Konzepten, Geschichte und bisheriger Praxis sein. Sie gehen davon aus, dass Soziokultur trotz definitorischer Schwierigkeiten als ein Prinzip der Moderne beschrieben werden kann, dessen Ausformungen diskurs- und bewegungsabhängig sind.

    Fußnoten

    1.
    Walter Benjamin, Allegorien kultureller Erfahrung, Leipzig 1984, S. 78
    2.
    Vgl. José Ortega y Gasset, Die Aufgabe unserer Zeit (1923), Gesammelte Werke, Bd. 2, Augsburg 1996, S. 137
    3.
    Vgl. Rolf Schwendter, Theorie der Subkultur (1973), Frankfurt am Main 1978.