APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Elmar Wiesendahl

Keine Lust mehr auf Parteien. Zur Abwendung Jugendlicher von den Parteien

Die politischen Parteien leiden unter dem Ausbleiben von Jungmitgliedern. Der Beginn dieser fatalen Entwicklung lässt sich bis in die siebziger Jahre zurückverfolgen.

I. Einleitung

"Eine Partei ohne Jugend ist eine Partei ohne Zukunft." So ist der jugendpolitische Beschluss des SPD-Parteitags in Münster aus dem Jahre 1988 betitelt. Wenn diese Aussage zutrifft, und davon ist wohl auszugehen, dann ist es um die Zukunft der Parteien nicht gut bestellt. Denn sie sind an chronischem Nachwuchsmangel erkrankt, ohne entfernt eine Vorstellung davon zu besitzen, wie an den verloren gegangenen Kontakt zur Jugend wieder angeknüpft werden könnte. Im Gegenteil treten sie hilflos auf der Stelle. Dabei ist die Jungmitgliederkrise schon so alt, dass bereits vor zehn Jahren alarmierende Hiobsbotschaften in die Welt gesetzt wurden [1] .

  • PDF-Icon PDF-Version: 111 KB





  • Die in immer kürzeren Zeitabständen abgehaltenen "Jugend"-Parteitage offenbaren nur, wie sehr sich die Parteien in "Jetzt machen wir mal wieder auf jugendlich"-Inszenierungen erschöpfen, ohne dass sich Jugendliche merklich davon angesprochen fühlten. Die Jugendorganisationen werden für solche "Events" als Staffage benutzt, ohne sich noch nach draußen glaubwürdig als Sprachrohr und nach drinnen als verlängerter Arm der Jugend darstellen zu können. Noch peinlicher und anbiederischer wirken die Parteien dann, wenn ihre Altvorderen vor Kameras in Internet-Cafes surfen oder sich auf einer Technoparty tanzend unter das Jungvolk mischen. Teure in den letzten Jahren durchgeführte Werbekampagnen der Parteien ließen die Jugendlichen ebenfalls kalt, so dass die überlebensnotwendige Frischblutzufuhr weiter ausbleibt.

    Umso dringlicher ist es, das gegenwärtige Ausmaß der Krise aufzuzeigen und die Hintergründe auszuleuchten. Ob überhaupt und was gegen die Nachwuchskrise zu unternehmen wäre, bleibt nämlich solange ungewiss, wie nicht geklärt ist, welche Ursachen die verstockten Beziehungsprobleme zwischen Jugendlichen und Parteien haben könnten. Diese sind undurchsichtig genug und lassen sich sicherlich nicht auf ein paar wenige gleichgerichtete Wirkfaktoren zurückführen. Möglich ist ja immerhin, dass sich die Ursachen bei den Parteien selbst oder aber bei den Jugendlichen und ihrem gesellschaftlichen Umfeld auffinden lassen [2] . Auch handelt es sich beim Verfall jugendlicher Parteimitgliedschaft um einen langwierigen Prozess, der sich nicht losgelöst von zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Wandlungshintergründen ausloten lässt. Auf diesem Felde ist aber brauchbarer sozialwissenschaftlicher Rat ziemlich rar, weil die kontroversen Erklärungsansätze unbeantwortet lassen, ob dieser Prozess noch aufhaltbar oder gar umkehrbar ist und was in diesem Falle von den Parteien getan werden müsste.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. hierzu Richard Meng, Auf der Suche nach der (fast) verlorenen Jugend, in: Frankfurter Rundschau vom 15.9.1989, S. 3.
    2.
    Zum komplexen Erklärungshintergrund vgl. Elmar Wiesendahl, Der Marsch aus den Institutionen. Zur Organisationsschwäche politischer Parteien in den achtziger Jahren, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 21/90, S. 10 ff.