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Szenarien zur Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials in Deutschland


26.5.2002
Prognosen zur Entwicklung der Arbeitskräfteentwicklung haben sich in ihrer langen Tradition als treffsicher erwiesen. Ein Grund dafür ist der verlässliche demographische Hintergrund.

I. Vorbemerkung



Prognosen zur voraussichtlichen Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials haben in Deutschland eine lange Tradition. Eine erste Szenarien-Welle lässt sich für die zweite Hälfte der siebziger Jahre ausmachen, als sich alle namhaften Wirtschaftsforschungsinstitute mit der Herausforderung der geburtenstarken Jahrgänge befassten, die in den Jahren zwischen 1977 und 1987 das Arbeitskräfteangebot spürbar erhöhten. Vorausgesagt wurde damals, dass schwaches Wirtschaftswachstum zu unerträglich hohen Arbeitslosenquoten führen müsste. Größenordnungen von zwei bis drei Millionen Arbeitslosen wurden für diesen Fall für die achtziger Jahre angekündigt. Die Medien sprachen von Horrorprognosen und die meisten mochten nicht daran glauben, dass so etwas wirklich passieren könnte [1] . Längst wissen wir, dass es im Verlauf der achtziger Jahre wirklich so gekommen ist, und im früheren Bundesgebiet wurde die Grenze von drei Millionen Arbeitslosen tatsächlich überschritten, wenn auch erst 1997.

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  • Bezüglich der Vorhersagen zu Beginn des neuen Jahrtausends ist die Skepsis erneut groß. Diesmal möchten viele nicht daran glauben, dass es zu einem demographisch bedingten Rückgang der Arbeitslosigkeit kommen wird. Anders als damals liefern heute die geburtenschwachen Jahrgänge den zentralen Angelpunkt der Warnprognosen. Wieder gibt es unter dem Eindruck dieser Herausforderung eine Reihe von Vorausberechnungen [2] , die jetzt Arbeitsmarktengpässe voraussagen. Erneut wenden sich viele ungläubig ab, negieren den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Arbeitskräfteentwicklung und sehen statt dessen die Probleme mehr in einer mangelnden Arbeitsmarktflexibilität: entweder im unflexiblen Beschäftigungssystem und damit auf der Nachfragseite des Arbeitsmarktes oder auf seiner Angebotsseite in mangelnder Mobilität sowie nicht passgenauer Qualifikation der Arbeitskräfte. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung etwa weist in seinem jüngsten Jahresgutachten ausdrücklich darauf hin [3] und fügt für die langfristige Perspektive hinzu: "Darauf zu vertrauen, dass sich die Probleme am Arbeitsmarkt durch den im Vergleich zu den neunziger Jahren neuen Entlastungseffekt von der Arbeitsangebotsseite her und durch eine günstigere Konjunktur sozusagen von selbst lösen, wäre riskant und nicht verantwortungsgerecht. Die langfristige Reduzierung des Erwerbspersonenpotenzials durch die demographische Entwicklung allein wird es nicht richten, zumal eine höhere Erwerbsneigung diesen Effekt zumindest in Teilen konterkarieren kann." [4]

    Was das zurückliegende Jahrzehnt betrifft, wurden in dieser polaren Diskussion die demographischen Veränderungen meist nicht in ihrer vollen Bandbreite wahrgenommen, obwohl sie einen wichtigen Erklärungsbeitrag für die Arbeitsmarktentwicklung lieferten. So wurde die nach 1987 im Inland einsetzende Tendenz abnehmender Jahrgangsstärken durch Zuwanderung von außen völlig überlagert. Migration für sich betrachtet, erhöhte in Westdeutschland zwischen 1988 und 1996 die Zahl der Arbeitssuchenden um gut 2,8 Millionen Personen [5] . Das waren Zuzüge aus dem Ausland, aber auch Binnenwanderungen aus den neuen in die alten Bundesländer als Reaktion auf den Zusammenbruch nicht mehr wettbewerbsfähiger Produktionsstrukturen in Ostdeutschland. Angesichts von bereits 2,2 Millionen registrierten Arbeitslosen im Jahr 1988 ist kaum eine wirtschaftliche Dynamik vorstellbar, die angesichts der migrationsbedingten Potenzialerhöhung eine rasche Rückkehr zur Vollbeschäftigung ermöglicht hätte. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen lag 1996 mit knapp 2,8 Millionen sogar noch höher als acht Jahre zu-vor. Ursächlich für die Arbeitsmarktproblematik waren also sicher nicht nur systemisch angelegte Immobilitäten und Inflexibilitäten, sondern auch der enorme Zuwachs der Arbeitsuchenden, den das Beschäftigungssystem so rasch nicht aufnehmen konnte.

    Diese umfassende Sicht behält auch in die Zukunft gerichtet ihre Gültigkeit. Die anschließenden Ausführungen beschränken sich allerdings auf eine systematische Beantwortung der Frage, in welchem Ausmaß der demographische Wandel die Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials prägt. Dabei werden die Möglichkeiten eines konsequenten Ausschöpfens inländischer Personal-Ressourcen ebenso aufgezeigt wie der Einfluss permanenter Zuwanderung von außen. Schließlich soll die Option eines allmählichen Geburtenanstiegs den Blickwinkel weiten.

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    Fußnoten

    1. Vgl. Dieter Mertens, Zukünftig keine Vollbeschäftigung mehr?, in: Der Spiegel, Nr. 49/1982, S. 34 ff.
    2. Vgl. Johann Fuchs/Manfred Thon, Potentialprojektion bis 2040. Nach 2010 sinkt das Angebot an Arbeitskräften, in: IAB-Kurzbericht, Nr. 4 vom 20. 5. 1999 (IAB = Institut für Arbeitsmark- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit Nürnberg); Erika Schulz, Migration und Arbeitskräfteangebot in Deutschland bis 2050, in: DIW-Wochenbericht, Nr. 48/2000; Bernd Hof, Auswirkungen und Konsequenzen der demographischen Entwicklung für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung, Gutachten im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V., Köln 2001.
    3. Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 2000/01. Chancen auf einen höheren Wachstumspfad, Wiesbaden 2000, Ziffer 132 ff.
    4. Ebd., Ziffer 411.
    5. Vgl. Bernd Hof/Ralf May, Struktureffekte der Arbeitskräfte-Entwicklung in Ost- und Westdeutschland zwischen 1988 und 1996, in: iw-trends, (1997) 4.