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Editorial


26.5.2002
Ist durch Deutschland wirklich ein Ruck gegangen? Als der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog einen solchen anmahnte, herrschte im Land ein Klima geistiger Unbeweglichkeit.

Einleitung



Ist durch Deutschland wirklich ein Ruck gegangen? Als der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog einen solchen in seiner berühmten "Ruck-Rede" im Berliner Hotel Adlon anmahnte, herrschte im Land ein Klima geistiger Unbeweglichkeit. Herzogs Kritik an der Vollkaskomentalität unserer Gesellschaft stieß bei der politischen Elite auf wenig Resonanz. Erst mit dem Wahlsieg von Gerhard Schröder und dem Umzug von Bonn nach Berlin kam auch Bewegung in den Reformstau. Das Land bewegt sich offenbar doch. "Berliner Republik" - das ist kein Kampfbegriff mehr, sondern es gibt sie. Die rot-grüne Bundesregierung hat manches angestoßen, was längst überfällig war. Aber wirklich anders hat es die Schröder-Regierung im Vergleich zu ihrer Vorgängerin auch nicht gemacht, wie Max A. Höfer feststellt. Neue Ideen seien Mangelware. Zu viele auswärtige Lösungen würden kopiert, anstatt selbst innovativ zu werden. Die großen Herausforderungen wie die Harmonisierung der Sozialsysteme in Europa kommen auf die Berliner Republik erst noch zu, wie der Autor meint.

Steckt das benötigte Innovationspotential in der Jugend? Sie gilt gemeinhin als dynamisch und kreativ. Ihr gehört die Zukunft. Wie sie sich eine solche vorstellt, machen vier junge Autoren deutlich. Ihre Sichtweisen weichen in vielem von gängigen Vorstellungen ab. Die "Youngster" wollen Denkanstöße geben und Motor von Veränderungen sein. Ihrer Meinung nach ruckt Deutschland, wie Daniel Dettling in seinem Essay behauptet. Im Gegensatz zu Höfer sieht er zahlreiche Veränderungen, die sich in Begriffen wie Globalisierung, Digitalisierung, Wandel der Arbeitsgesellschaft und Individualisierung manifestieren. Es stelle sich die Frage, wie die Politik - und hier insbesondere die Parteien - auf diese Herausforderungen reagieren und damit umgehen. Gefragt sei eine aktive Bürger- und Beteiligungsdemokratie.

Die Zukunft lässt sich nicht ohne eine stärkere Beteiligung der Bürger gestalten - die aktive Bürgergesellschaft ist also das Ziel. Aus welchen Elementen sie sich zusammensetzt, beschreibt Christopher Gohl. Bürgergesellschaft ist nicht identisch mit Zivilgesellschaft. Sie ist umfassender, schließt Staat und Wirtschaft mit ein und beantwortet die Frage nach politischer Steuerung neu, wie der Autor betont. Für ihn besteht die Bürgergesellschaft aus komplexer Mehrebenendemokratie, Partizipation, Solidarität und Vielfalt. Nach Ansicht der in dieser Ausgabe zu Worte kommenden jüngeren Autoren sollte die Berliner Republik diesen Prinzipien verpflichtet sein.

Die Verwirklichung dieser Prinzipien wird auch im Bereich von Bildung und Wirtschaft angemahnt. So muss nach Volker Spies die Wissens- und Informationsgesellschaft die Informiertheit des Bürgers fördern und als politische Ressource nutzen. Der Autor bricht auch eine Lanze für die Universitäten, die nicht so "verrottet" seien, wie es die Öffentlichkeit oft wahrnehme. Da es bei der neuen Informations- und Wissensexplosion Verlierer und Gewinner gebe, sei eine Debatte über Chancengleichheit notwendig. Eine weitere Herausforderung für das Bildungssystem entstehe durch die Einwanderung.

Ein Wahrzeichen der Bonner Republik ist der "Rheinische Kapitalismus". Seine auf dem Prinzip des korporatistischen Interessenausgleichs beruhende Philosophie reiche für die Bewältigung der Zukunft nicht mehr aus und müsse weiterentwickelt werden, wie Lars Castellucci diagnostiziert. Es bedürfe eines Zusammenwirkens von Markt, Staat und Zivilgesellschaft. Alle müssten sich dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen. Einen wichtigen Pfeiler für die Zukunft der Arbeitsgesellschaft bilden dabei lokale Initiativen und soziale Netzwerke.