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26.5.2002 | Von:
Christopher Gohl

Bürgergesellschaft als politische Zielperspektive

IV. Bürgergesellschaft als Horizont der Lebenswelten

Unter den Bedingungen der reflexiven Moderne ist die Herrschaft über das eigene Leben die Lebensaufgabe des Einzelnen schlechthin. Das Recht der Menschen, ihr Leben in Selbstbestimmung zu ordnen und die Ligaturen ihrer Wahl einzugehen, steht im Zentrum des bürgergesellschaftlichen Modells.

1. Der Mensch als Bürger



Bürgergesellschaft als antitotalitäres Projekt zu konzipieren ist ein wichtiges Erbe der mittelosteuropäischen Revolution von 1989 [21] . Die Bürgergesellschaft ist ein Arrangement, das zuerst dem Menschen und seinem Selbstausdruck dient, keiner nationalistischen, historisch-materialistischen oder sonstigen Sicht der Dinge. Nach Vaclav Havel lebt der Einzelne "in Wahrheit", indem er Beziehungen zu den "Schichten seines Zuhauses" unterhält: Familien, Freundeskreise, Nachbarschaften, Bezirke und Gemeinden, Kirchen, Vereine, Regionen, Nationen und letztlich der weltweite Zivilisationskreis. Diese Schichten sind "Ur-Orte", wo sich Mensch-Sein verwirklicht [22] . Bürgergesellschaft verbindet diese Orte als politische Gemeinschaft, sie ist "der verbindende Horizont der Lebenswelten", die Arena der politischen Auseinandersetzung (Havel nennt solch politische Integration das Bürgerprinzip). Bürger der Bürgergesellschaft sind wir dort, wo wir einander als gleichberechtigte Fremde, nämlich als Bewohner unserer je eigenen Lebenswelten, begegnen können (Nassehi spricht zu Recht vom "bürgerlichen Privileg der Fremdheit" [23] ).

Alain Touraine definiert als Aufgabe der liberalen Demokratie, sich "nach unten zu wenden" und "das Recht des Einzelnen institutionell zu garantieren, sich als Subjekt, mit einer eigenen Lebenserzählung zu begründen und anerkannt zu werden" [24] . In der Konsequenz erfordert das die Abkehr vom nationalen Prinzip (das Menschen nur über den Nationalstaat integriere, so Havel) und einen subsidiären, partizipationsorientierten, vielfältigen und offenen Aufbau des politischen Gemeinwesens: Big Citizenship statt Big Government.

2. Verantwortung und Selbstsorge



Bürgergesellschaften verfassen und schützen zwar in erster Linie Lebenswelten, stellen aber auch eigene politische Anforderungen. Sie sind kein von traditionell verstandenen Bürgertätigkeiten oder vom Verantwortungsdiskurs freier Raum. Aber statt national begründete Forderungen an den Bürger zu erheben, wird davon ausgegangen, dass die Ausübung von Verantwortung ein menschliches Grundbedürfnis sei. Helmut Klages etwa erkennt als Motor des bürgerschaftlichen Engagements das "Grundbedürfnis" von Menschen, "Subjekt ihres eigenen Handelns zu sein" [25] . Heiner Keupp weist in diesem Zusammenhang auf die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation hin, wo es heißt: "Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selbst Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben, sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die allen ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen." [26]

Das Arrangement solcher Bedingungen ist ein politisches Projekt: "Eine Polis, in der sich jeder auf die richtige Art um sich selbst kümmern würde, wäre eine Polis, die gut funktionierte; sie fände darin das ethische Prinzip ihrer Beständigkeit," so Michel Focault [27] . Sein Konzept der "Selbstsorge" meint, "auf sich selbst zu achten", "sich selbst um etwas zu kümmern". Gerade diese Beschäftigung mit der eigenen Wirklichkeit, die den Kampf gegen in Herrschaftszuständen gefrorene Machtbeziehungen einschließt, machen den Erfolg der Bürgergesellschaft und das neue Regelvertrauen in sie aus.

Fußnoten

21.
Vgl. Winfried Thaa, Die Wiedergeburt des Politischen - Zivilgesellschaft und Legitimitätskonflikt in den Revolutionen von 1989, Opladen 1996.
22.
Vaclav Havel, Sommermeditationen, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 25.
23.
Armin Nassehi, Die funktional differenzierte Gesellschaft, in: A. Pongs (Anm. 1), S. 193.
24.
Alain Touraine, Loblied auf die Zivilgesellschaft, in: Die Zeit vom 9. 12. 1999.
25.
Helmut Klages, Engagement und Engagementpotential in Deutschland. Erkenntnisse der empirischen Forschung, in: Ulrich Beck (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000, S. 151-170.
26.
H. Keupp (Anm. 15).
27.
Michel Focault, Freiheit und Selbstsorge, Frankfurt/M. 1985, S. 15.