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26.5.2002 | Von:
Christopher Gohl

Bürgergesellschaft als politische Zielperspektive

VI. Die Verantwortungsgesellschaft als Generationenperspektive

Den kulturellen, politischen und sozialen Umbrüchen wird nur eine veränderte Sprache und verändertes Denken gerecht. Umzudenken wird die Zeit einer ganzen Generation brauchen - jener jungen Generation, die seit 1989 in manchem Sinn "postmodern", zumindest "reflexiv modern" sozialisiert wurde. Das Modell der Bürgergesellschaft kann dabei als Bezugspunkt, Maßstab und Zielperspektive dienen, weil sie aus den Umbrüchen unserer Zeit heraus auf die Herausforderungen der Zukunft hin orientiert werden kann. Die dringlichste Aufgabe der jungen Generation ist, eine Gesellschaft zu bauen, die Gerechtigkeit und Freiheit nicht wie heute auf Kosten kommender Generationen verwirklicht, sondern mit Langfristigkeit vereinbart. Die umfassende Bürgergesellschaft ist in vielerlei Hinsicht jene nachhaltig lebende und wirtschaftende Verantwortungsgesellschaft, die die junge Generation zum Leitbild der Berliner Republik erheben sollte.

1. Erfordernisse nachhaltiger Politik



Um zu nachhaltiger Politik fähig zu sein, braucht ein politisches System drei Ressourcen: a) die Absicht, b) das kulturelle Vermögen und Wissen und c) die Instrumente zur Umsetzung nachhaltiger Politik.

a) Die Absicht: Wo Menschen und ihre Zukunftschancen der Maßstab allen Handelns sind, daher kamen schon in der Vergangenheit die entscheidenden Impulse für eine Politik der Zivilisationsverantwortung: aus der Gesellschaft der Bürger. Frauen-, Friedens- oder Ökologiebewegung bieten Beispiele.

b) Das kulturelle Vermögen und Wissen: Die selbstreflexive demokratische Kultur der Bürgergesellschaft ist der Nährboden von Verantwortungskapital und Zivilisationsverantwortung. Sie verfügt mindestens über folgende Trümpfe:

- Der fortwährende, problemnahe Dialog über Bedürfnisse und Handlungsoptionen, Wünsche und Wirklichkeit bedeutet eine hohe Bedürfnissensibilität (Etzioni: responsiveness [31] ) sowohl in Richtung Mensch als Bürger als auch in Richtung Herausforderungen.

- Demokratie als Praxis gleichberechtigten, letztlich kooperativen Streits fördert den kreativen Wettbewerb zwischen vielen (dezentral ausprobierten, informationstechnisch vernetzten) Lösungsmodellen, also eine kontinuierlich von sich selbst lernende Gesellschaft.

- Gemeinsames Handeln und gemeinsame Probleme fördern die Einsicht, dass wir voneinander abhängen (Solidarität als self-reliance).

c) Die Instrumente zur Umsetzung: Politische Steuerung und vor allem auch breiter Bewusstseinswandel sind als dezentral-partizipative Selbststeuerung von Betroffenen/Beteiligten effektiver als zentrale Steuerung. Viele bedürfnissensible und problemscharfe kleine Lösungen sind besser als der Versuch, Bedürfnisse und Probleme mit einer großen unscharfen Lösung zu beantworten.

2. Verantwortungskapital und Zivilisationsverantwortung



So wie der Markt Wohlstand und der Staat Sicherheit und Ordnung hervorbringen sollen, bildet eine politische Kultur der Selbstreflexivität etwas aus, was man als Verantwortungskapital bezeichnen kann. Das Verantwortungskapital einer Gesellschaft ist ihre Fähigkeit zu verantworteter Politik. Es bedeutet das Vermögen, sowohl Verantwortungen zu formulieren als auch sie umzusetzen. Es entsteht also, wo Menschen das Vermögen haben, auf Herausforderungen zu antworten. Mehr Verantwortungskapital entsteht, wo mehr Menschen wissen, wie man sich kümmert und sorgt. Wie das soziale Kapital einer Gesellschaft bleibt es lokal gebunden, kann also nicht an der Börse von New York gehandelt werden. "Bürger sein" erfordert ein Maß an Verantwortungsfähigkeit, das das traditionelle Parteiensystem eines repräsentativen Systems wie in Deutschland strukturell nicht produzieren kann (wie nicht zuletzt die Kohl-Affäre bewies). Produktionsort von Verantwortungskapital ist also die selbst-verantwortliche Bürgergesellschaft: "Ihr Selbstverständnis ist . . . als ein Subjekt der Zivilisationsverantwortung für eine zunehmend mit sich selbst konfrontierte Weltrisikogesellschaft weiterzuentwickeln." [32]

Impulse, Vermögen und Instrumente für Zivilisationsverantwortung sind Ressourcen der Bürgergesellschaft. Eine umfassend verstandene Bürgergesellschaft bedeutet ein Primat des Menschen vor Macht und Money und der Ideen vor der Ideologie sowie ein Primat der vielen kleinen, im Wettbewerb stehenden direkten Lösungen vor der einen großen, repräsentativen Endlösung. Der Bau starker Bürgergesellschaften sollte die erste Generationenaufgabe des 21. Jahrhunderts werden.

Fußnoten

31.
Amitai Etzioni, The Active Society. A Theory of Societal and Political Processes, New York 1968.
32.
H. Kleger (Anm. 28), S. 172.