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26.5.2002 | Von:
Lars Castellucci

Zur Zukunft des "Rheinischen Kapitalismus"

Wahrzeichen der Bonner Republik ist der "Rheinische Kapitalismus". Seine auf dem Prinzip des korporatistischen Interessenausgleichs beruhende Philosophie reicht für die Zukunftsbewältigung nicht mehr aus, meint Lars Castellucci.

I. Einleitung

Der Begriff "Rheinischer Kapitalismus" umschreibt das Wirtschaftsmodell der "alten" Bundesrepublik. Gemeint ist - in Abgrenzung zu Wirtschaftsordnungen angelsächsischer oder asiatischer Ausformung - ein System korporatistischer, auf Konsens zielender Strukturen, die sich innerhalb eines demokratischen und die freie Marktordnung schützenden Rechtsstaates konstituieren und darauf gerichtet sind, breite Bevölkerungsschichten über einen ausgebauten Sozialstaat an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung teilhaben zu lassen. "Wohlstand für alle" hieß dies in Ludwig Erhards prägnanter Formel.

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  • Die Zäsur von 1989/90 bedeutete den Wegfall einer Systemkonkurrenz, der nicht ohne Folgen für die Institutionen des Rheinischen Kapitalismus blieb. Die Herstellung der "inneren Einheit" Deutschlands bezeichnet eine neue Herausforderung. Hinzu kommen die vielschichtigen Auswirkungen globaler Megatrends wie der Technisierung, der Internationalisierung, der Individualisierung und der demographischen Entwicklung. Die Anpassungsreformen der neunziger Jahre zielten mit wenigen Ausnahmen eher auf Abbau denn auf Umbau.

    Die Zeitschrift "The Economist" verkündete zum Ausklang des Jahrhunderts das Ende des Rheinischen Kapitalismus und das Heraufziehen eines neuen Modells, des shareholder capitalism, in dem die Interessen der Aktionäre im Mittelpunkt stehen. Symbol dieses Wandels: die "feindliche Übernahme" der Mannesmann AG durch die britische Vodafone. Europa sei auf dem (besten) Weg "to be just another United States". Die ZEIT-Reformwerkstatt hielt kurz darauf dagegen: Die Vereinigten Staaten seien mit der Bundesrepublik kaum zu vergleichen, und "schon gar nicht könnten die Deutschen den US-Kapitalismus nachahmen" [1] .

    Die Debatte über ein neues Leitbild zur Orientierung für die weitere sozioökonomische Entwicklung ist in vollem Gange. Auch Begriffe wie "Dritter Weg" der Sozialdemokratie oder "Neue Soziale Marktwirtschaft" künden hiervon.

    Dieser Beitrag knüpft an diese Debatte an.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. What is Europe?, in: The Economist vom 12. Februar 2000; Uwe Jean Heuser, Markt, aber fair, in: Die Zeit vom 24. 2. 2000, S. 47.