Afrika Bambaataa - Konzert in London
23.2.2018 | Von:
Jeffrey O.G. Ogbar

Rapkultur und Politik. Eine US-amerikanische Geschichte

HipHop setzt sich laut traditioneller Definition aus vier Elementen zusammen, die von vier Rollen verkörpert werden: dem DJ (oder Turntablist), dem Rapper (oder Master of Ceremony, im Folgenden MC), dem B-Boy/B-Girl (oder Breakdancer) und dem Graffiti-Writer. Historisch gehen diese vier Elemente auf die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wirren der frühen 1970er Jahre und die South Bronx in New York City zurück. Offiziell erfasst wurden sie im November 1973 von der ersten HipHop-Organisation, der Universal Zulu Nation. Der Name dieser Organisation – in erster Linie eine Art Kulturverein junger Leute – spiegelt den fundamentalen politischen Einfluss und die kulturelle Wirkung der Black-Power-Bewegung wider, die ihren Höhepunkt erlebte, als sich HipHop noch im Anfangsstadium befand.

Black Power und HipHop

Wie alle kulturellen Phänomene geht HipHop auf eine Reihe komplexer und vielschichtiger Entwicklungen zurück, zu denen über die Musik hinaus der kühne, respektlose Stil, das Selbstbewusstsein und die Prahlerei gehörten, die den zu jener Zeit berühmtesten Schwarzen der Welt auszeichneten: den Schwergewichtschampion Muhammad Ali.

Ali, sichtbarstes Mitglied der größten schwarzen nationalistischen Organisation in den Vereinigten Staaten, der Nation of Islam, trat als Schüler von deren Sprecher Malcolm X in Erscheinung. Hellsichtig merkte dieser an, dass Ali dadurch, dass er Champion geworden war, die weit verbreiteten Darstellungen von Schwarzen als Menschen ohne Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Kampfgeist ad absurdum führe. Denn der Boxkämpfer sei "das genaue Gegenteil von allem, was charakteristisch für das Neger-Image war. Er behauptete, er sei der Größte." Ali bereitete den Urhebern von popkulturellen Karikaturen des unterwürfigen Schwarzen Kopfzerbrechen, weil "es nun Schwarze gab, die die Straße entlang gingen und behaupteten ‚Ich bin der Größte‘".[1]

Dem HipHop-Forscher Imani Perry zufolge verkörperte Ali "eine der Grundvoraussetzungen für das explosionsartige Vordringen des HipHop, einer künstlerischen Variante traditioneller schwarzer Kulturformen, in die amerikanische Popkultur".[2] Der Zeitgeist, der unter jungen Schwarzen in den Vereinigten Staaten der frühen 1970er Jahre herrschte, war derart, dass sie nicht nur explizit das Schwarzsein feierten, sondern auch von Ali inspiriertes Selbstvertrauen, großspuriges Auftreten sowie Respektlosigkeit gegenüber kulturellen Konventionen an den Tag legten. Im Verbund mit der breiter gefassten Ästhetik der Black Arts, einer Bewegung, zu der verschiedene Musikgenres zählten, war Ali das Erfolgsrezept für die kulturelle Grundlage des HipHop, auch wenn die neue Kunstform nicht explizit politisch engagiert war.

Tatsächlich wurde HipHop auch von afroamerikanischen Musikgenres mit langer Tradition beeinflusst, von Jazz über Rock und Disco bis hin zu Funk. Doch was hier von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde, war mehr als Musik. Wie der Kulturwissenschaftler Reiland Rabaka schreibt, "haben HipHopper, wenngleich unbewusst, sowohl die kulturelle Ästhetik als auch die konservative, liberale und radikale Politik früherer afroamerikanischer Kulturästhetik sowie anderer gesellschaftspolitischer Bewegungen geerbt". Tatsächlich ging es bei dieser neuesten Erscheinungsform schwarzer Kulturproduktion um mehr als Gesang und Tanz. Unter Anspielung auf Amiri Barakas klassische Studie über afroamerikanische Musik, "Blues People" von 1963, merkt Rabaka an, dass "schwarze Musik schon immer mehr als nur Musik gewesen ist. Sie ist die Musik der Ausgegrenzten und Verstoßenen, die (…) dunklen Rhythmen des Hervortretens aus den Schattenseiten von und den Verbannungen in Amerika."[3]

Diese Vorstellung, dass schwarze Musik die Erfahrungen Schwarzer anspricht – sich durch unwirtlichen Raum zu bewegen, gegen Ignoranz und Hass anzukämpfen und sich zugleich Freiräume für Freude und Schönheit zu erkämpfen –, macht HipHop gewissermaßen von Natur aus politisch. Das Zelebrieren von schwarzer Freude, Kreativität, Erneuerung und schwarzem Menschsein in einer darauf fokussierten Kunstform ist ein subversiver, gegenhegemonialer politischer Akt. Aus diesem Grund ist HipHop seit seinen Anfängen mit der Black Community verbunden.

Afroamerikaner teilen mehr als jede andere Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten eine politische Prägung. Während Weiße politische Verhaltensmuster zeigen, die sich traditionell je nach Wohnort, Bildungsniveau, Alter und Geschlecht deutlich voneinander unterscheiden, wählen Afroamerikaner in ihrer überwältigenden Mehrheit links von der Mitte.[4] Politikwissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als "verknüpftes Schicksal": Demzufolge ist für Afroamerikaner die ökonomische, kulturelle und soziale Landschaft der Nation so stark von Rassenzugehörigkeit beeinflusst, dass die Black Community nicht entlang unterschiedlicher Interessen in Klassen-, regionale oder geschlechtsspezifische Gruppierungen zerfällt.

Mögen schwarze Milliardäre wie die TV-Moderatorin Oprah Winfrey und der Unternehmer Robert Johnson von Steuerentlastungen für Reiche profitieren, so sind sie doch davon überzeugt, dass Sozialleistungen für die Schwächsten der Gesellschaft dem Allgemeinwohl dienen, wie bessere Bildungschancen, ein umfangreicherer Zugang zur Gesundheitsversorgung, ein höherer Mindestlohn und ein Ende der Masseninhaftierung. Andere links von der Mitte angesiedelte politische Ziele wie Umweltschutz, das Recht auf Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe mögen keine Kernanliegen der Black Community sein. Sie lehnt sie aber auch nicht in einer Intensität ab, die ihre Unterstützung progressiver Politik allgemein gefährden könnte.[5]

Vor diesem Hintergrund kann es kaum überraschen, dass sich politische Äußerungen in einer populären schwarzen Kunstform grundsätzlich an einer Politik links der Mitte ausrichten und zuweilen sogar über den typischen Liberalismus hinausgehen, wie er vom Gros der schwarzen politischen Klasse befürwortet wird. Dennoch war Rap anfangs zum großen Teil apolitische Partymusik mit prahlerischem Duktus und eher spärlich geäußerter Gesellschaftskritik, obwohl er in kommerziellen Bereichen ausschließlich von schwarzen Rappern und DJs verkörpert wurde.

Fußnoten

1.
Malcolm X Talks About Muhammad Ali, 12.2.2012, http://www.youtube.com/watch?v=46IT7oihgtY«.
2.
Imani Perry, Prophets of the Hood: Politics and Poetics in HipHop, Durham 2004, S. 58.
3.
Reiland Rabaka, Hip Hop’s Inheritance: From the Harlem Renaissance to the HipHop Feminist Movement, New York 2011, S. 4f.
4.
Vgl. David A. Bositis, Blacks and the 2004 Democratic National Convention, Joint Center for Political and Economic Studies, Washington, D.C. 2004, S. 9; ders., The Black Vote in 2004, Joint Center for Political and Economic Studies, Washington, D.C. 2005; R.W. Apple Jr., G.O.P. Tries Hard to Win Black Votes, But Recent History Works Against It, 19.9.1996, http://www.nytimes.com/1996/09/19/us/gop-tries-hard-to-win-black-votes-but-recent-history-works-against-it.html«; Frank Newport, Race, Ethnicity Split Democratic Vote Patterns, 31.1.2008, http://news.gallup.com/poll/104062/Gallup-Analysis-Race-Ethnicity-Split-Democratic-Vote-Patterns.aspx«.
5.
Vgl. Michael C. Dawson, African American Political Opinion: Volatility in the Reagan-Bush Era, in: Hanes Walton, Jr. (Hrsg.), African American Power and Politics, New York 1997, S. 135–153; Claudine Gay/Katherine Tate, Doubly Bound: The Impact of Gender and Race on the Politics of Black Women, in: Political Psychology 1/1998, S. 169–184; Paula S. Rothenberg, Race, Class, and Gender in the United States: An Integrated Study, New York 1995.
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Autor: Jeffrey O.G. Ogbar für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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