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23.2.2018 | Von:
Martin Seeliger

Rap und Gegenidentitäten in der Migrationsgesellschaft

Bereits an den Titeln wichtiger Alben wird deutlich: Ob Advanced Chemistry’s "Fremd im eigenen Land" (1992), B-Tight’s "Der Neger" (2002) oder Celo und Abdis "Diaspora" (2017) – Fremdheit und Migration sind ein zentraler Bezugspunkt deutscher Rapmusik. Der vorliegende Text nähert sich diesem Themenkomplex in drei Schritten: Zunächst wird die deutsche Einwanderungsgeschichte im Zusammenhang mit der Adaption von Rap als Kulturform aus den Vereinigten Staaten ab Anfang der 1980er Jahre rekonstruiert und herausgearbeitet, warum im Rap migrantische Identitäten eher sichtbar werden als in anderen Bereichen. Daraufhin wird der Krisendiskurs über gesellschaftliche Integration und dessen Wechselwirkungen mit den im Subgenre des Gangsta-Rap vorherrschenden Images diskutiert, bevor abschließend nach dem Potenzial von Rap für den Zusammenhalt der (Post-)Migrationsgesellschaft gefragt wird.[1]

Historische Zusammenhänge von Rap und Migration

Um die Ursprünge von Rap in Deutschland zu verstehen, ist die Geschichte bis zu den Tagen des sogenannten Wirtschaftswunders zurückzuverfolgen. Die Restauration der westdeutschen Ökonomie nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte unter maßgeblicher Beteiligung ausländischer Arbeiter, die im Rahmen einer Reihe von Anwerbeabkommen mit Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Portugal und Jugoslawien ins Land eingeladen wurden.

Das vor allem für die Periode der wohlstandsgesättigten Nachkriegsprosperität vorherrschende Bild einer egalitären Bundesrepublik überlagert in der Rückschau die Kultur- und Verteilungskonflikte, die die Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte bereits in dieser Zeit auslöste. Die randständige soziale Position der sogenannten Gastarbeiter spiegelte sich nicht nur in ihrer Unterbringung abseits der bei Deutschen beliebten Wohngebiete wider. Gesellschaftliche Ausgrenzung brach sich immer wieder auch im Rahmen manifester Konflikte Bahn. Beispielsweise folgten auf eine Ausgabe der "Bild"-Zeitung 1966 mit dem Titel "Gastarbeiter fleißiger als deutsche Arbeiter?" Warnstreiks in zahlreichen Betrieben. Integration in den Arbeitsmarkt erfolgte – dies zeigte anschaulich Günter Wallraff in seiner bekannten Reportage, für die er in die Undercover-Rolle des türkischen Arbeiters "Ali" schlüpfte[2] – in Form prekärer und häufig gefährlicher Beschäftigung. Und auch in den bildungspolitischen Debatten der Zeit spielten Migranten wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle. Daran, wie fragwürdig diese Entwicklung unter humanitären Aspekten erscheint, erinnerte der Schriftsteller Max Frisch mit den Worten "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen".[3]

Anfang der 1970er Jahre spitzte sich die Situation weiter zu: Im Kontext wirtschaftlicher Stagnation wurden "Gastarbeiter" in der öffentlichen Wahrnehmung zu "Ausländern", die weiterhin – teils kommunalpolitisch gesteuert, teils bedingt durch ein geringes Mietniveau – in speziellen Quartieren unterkamen und damit relativ isoliert vom Rest der Gesellschaft lebten. Den Beginn der 1980er Jahre markiert der Soziologe Rainer Geißler als Beginn einer "Abwehrphase" der deutschen Integrationspolitik.[4] Der öffentliche Diskurs drehte sich zunehmend um "Ausländerfluten" und "volle Boote" und wurde angeheizt durch rechtspopulistische Beiträge wie das sogenannte Heidelberger Manifest von 1981, in dem eine Reihe deutscher Hochschullehrer vor einer "Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von Millionen von Ausländern und ihren Familien" und einer "Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums" warnte.

Der Zeitpunkt, zu dem Rap seinen Weg aus den USA in die Bundesrepublik fand, fiel nicht zufällig in diese Phase der deutschen Einwanderungsgeschichte. Eine wichtige Erklärung liefern in diesem Zusammenhang die Soziologen Malte Friedrich und Gabriele Klein mit ihrer Untersuchung zu Rap als "glokaler Kulturform", in der sie die Verbreitung des Genres aus den Vereinigten Staaten in praktisch alle Teile der Welt rekonstruieren: Indem Jugendliche Rap hören oder sich selbst am Schreiben und Intonieren entsprechender Texte versuchen, beziehen sie sich auf einen Ursprungsmythos, der seinen Anfang in der New Yorker Bronx der 1970er Jahre findet.[5]

Ein grundlegender Ausgangspunkt ergibt sich hier aus der gesellschaftlichen Randständigkeit schwarzer Jugendlicher, die aufgrund ihres sozialen Status nicht nur von vielen Aktivitäten ausgeschlossen waren, sondern auch über geringe wirtschaftliche Mittel verfügten. Unter diesen Bedingungen war die Beteiligung an der HipHop-Kultur nicht nur unter materiellen Aspekten wenig voraussetzungsreich – zum Rappen benötigt man schließlich weder Instrumente noch einen eigenen Probenraum. Sie stellte gleichzeitig einen Ort dar, an dem die Jugendlichen ihre Randständigkeitserfahrungen sowohl untereinander als auch gegenüber der Mehrheitsgesellschaft thematisieren konnten. Vor diesem Hintergrund bot die in den US-amerikanischen Rapsongs dargestellte soziale Wirklichkeit auch für jugendliche Migrantinnen und Migranten in Deutschland eine attraktive Identifikationsfläche. Es scheint bemerkenswert, dass die ersten deutschen Rapsongs keineswegs in deutscher, sondern gemäß der elterlichen Herkunft etwa in türkischer, jugoslawischer oder auch italienischer Sprache geschrieben wurden.[6]

Eine weitere Wendung nahm die Geschichte des Genres in Deutschland Anfang der 1990er Jahre. Nachdem die "Ausländerpolitik"[7] im Anschluss an die deutsche Wiedervereinigung und unter Bedingungen der rassistischen Ausschreitungen von Rostock, Mölln, Solingen und Hoyerswerda erneut in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung geraten war, spiegelten sich diese Entwicklungen in einer offensiven Selbstbehauptung migrantischer Protagonisten im Bereich der HipHop-Kultur wider. Beispielhaft ist hier die bereits eingangs erwähnte Gruppe Advanced Chemistry mit ihrem Album "Fremd im eigenen Land" zu nennen, aus dem der folgende Textauszug aus dem gleichnamigen Song stammt:

Ich habe einen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf

Dies bedingt, dass ich mir oft die Haare rauf

Jetzt mal ohne Spaß: Ärger hab’ ich zuhauf

Obwohl ich langsam Auto fahre und niemals sauf

(All das Gerede von europäischem Zusammenschluss)

Fahr’ ich zur Grenze mit dem Zug oder einem Bus

Frag’ ich mich, warum ich der Einzige bin, der sich ausweisen muss

Identität beweisen muss!

Ist es so ungewöhnlich, wenn ein Afro-Deutscher seine Sprache spricht

Und nicht so blass ist im Gesicht?

Das Problem sind die Ideen im System

(Ein echter Deutscher muss auch richtig deutsch aussehen)

Blaue Augen, blondes Haar, keine Gefahr

Gab’s da nicht ’ne Zeit wo’s schon mal so war?

"Gehst du mal später zurück in deine Heimat?"

Wohin? nach Heidelberg? Wo ich ein Heim hab?

"Nein du weißt, was ich mein …"

Komm lass es sein, ich kenn diese Fragen, seitdem ich klein

Bin, in diesem Land vor zwei Jahrzehnten gebor’n

Doch frag’ ich mich manchmal: Was hab ich hier verlor’n?


Doch während die Bundesregierung 1992 das Asylrecht verschärfte und die öffentliche Diskussion schließlich im Totem eines "Scheiterns der multikulturellen Gesellschaft" mündete,[8] verschob sich auch der inhaltliche Schwerpunkt deutscher Rapmusik: Mit dem Durchbruch der Fantastischen Vier erlebte der Rap in Deutschland eine wesentliche Abweichung von der US-amerikanischen Ursprungserzählung. Das "Mainstreaming", das Rap in der Folge ins Zentrum der deutschen Populärkultur rückte, kam zum Preis einer Vernachlässigung seiner originären Herkunft: den migrantischen Milieus.[9] "Dass Gastarbeiterkinder die ersten waren, die ihre Reime auf Türkisch kickten, dass die Szene in Deutschland von Jugendlichen türkischer, kurdischer, jugoslawischer oder afrodeutscher Abstammung aufgebaut wurde, all das passt nicht so gut zu der Erzählung von den deutschen Kindern in den Reihenhäusern, die in die Fußstapfen der großen Dichter und Denker treten."[10] Neben den klassischen Rap migrantischer Prägung trat eine stärker an der "Mitte der Gesellschaft" orientierte Ausdrucksform, wie sie etwa Künstler wie Blumentopf oder EinsZwo verfolgen.[11]

Dennoch ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Einwanderungsgeschichte seitdem weiterhin ein zentraler Bestandteil deutscher Rapmusik. Einen neuen Höhepunkt erreichte die migrantische Präsenz in den Bildwelten des Rap mit dem Aufstieg von Gangsta-Rap als Subgenre deutscher HipHop-Kultur. Nachdem Künstler wie Moses Pelham oder Kool Savas dieser Entwicklung durch explizite (wenn auch stilistisch übertriebene) Texte bereits seit einigen Jahren Vorschub geleistet hatten, setzten nach der Jahrtausendwende Rapper wie der Frankfurter Azad oder der Durchbruch des Labels Aggro Berlin eine Entwicklung in Gang, im Zuge derer Gangsta-Rap heute als das wohl populärste Genre moderner deutscher Popmusik gelten kann.

Integrationsgeschichtlich verlief der Aufstieg des Gangsta-Rap erneut parallel zu einer Zuspitzung des öffentlichen Diskurses um Migration im Anschluss an die Terroranschläge des 11. September 2001. In der Diskussion über Ursachen und Konsequenzen des Anschlags sowie über ähnliche Ereignisse, wie den 2008 verhinderten Mordanschlag auf den dänischen Zeichner Kurt Vestergaard im Zuge des Streits um die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen, kam es zu einer Verquickung von Einwanderungskritik und Islamophobie. Nach dieser Lesart nehmen vor allem arabische Migranten und deren Nachkommen nicht mehr nur Arbeitsplätze weg, sondern stellen darüber hinaus auch ein Risiko für die öffentliche Sicherheit dar. Vor diesem Hintergrund mehrte sich in der bereits zuvor vom damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU im Bundestag Friedrich Merz unter dem Begriff der "Leitkultur" initiierten Diskussion auch die Kritik an islamischen Kulturpraktiken wie dem Tragen eines Kopftuchs oder der Vollverschleierung.[12]

Einen weiteren Höhepunkt erreichte diese Auseinandersetzung mit dem Beitrag Thilo Sarrazins, der 2010 in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" die Rolle muslimischer Einwanderer für Zusammenleben und Standortpolitik in Deutschland problematisierte. In einem Interview fasste Sarrazin seine integrationspolitische Linie zusammen und erklärte, er müsse niemanden "anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert".[13] Als Sachbuch-Bestseller des Jahres wurde "Deutschland schafft sich ab" zur zentralen Referenzgröße eines "populistisch vorgetragenen Sozialdarwinismus",[14] der sich politisch seitdem in den Rufen nach einer neuen Hardliner-Politik manifestiert.

Fußnoten

1.
Die Darstellungen beruhen auf meinen früheren Arbeiten zum Thema. Vgl. Marc Dietrich/Martin Seeliger (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap. Sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen, Bielefeld 2012; dies. (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap II. Popkultur als Kampf um Anerkenung und Integration, Bielefeld 2017.
2.
Vgl. Günter Wallraff, Ganz unten, Köln 1985.
3.
Max Frisch, Überfremdung 1, in: ders., Öffentlichkeit als Partner, Frankfurt/M. 1967, S. 100–104, hier S. 100.
4.
Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Wiesbaden 2006, S. 235.
5.
Vgl. Malte Friedrich/Gabriele Klein, Is This Real? Die Kultur des HipHop, Frankfurt/M. 2003. Siehe auch den Beitrag von Jeffrey O.G. Ogbar in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. Hannes Loh, Deutschrap zwischen Ghetto-Talk und rechter Vereinnahmung, in: Klaus Neumann-Braun/Birgit Richard (Hrsg.), Coolhunters. Jugendkulturen zwischen Medien und Markt, Frankfurt/M. 2005, S. 111–126. Aufgrund der relativ geringen Aufmerksamkeit, die der HipHop-Kultur in ihren Anfängen in deutschen Medien zuteilwurde, kann in der gängigen Literatur kaum auf Originalquellen zurückgegriffen werden. Da weder Tonträger produziert wurden noch HipHop-Medien existierten, die die Entwicklungen hätten dokumentieren können, bleiben wir bei der historischen Auseinandersetzung heute fast ausschließlich auf Überlieferungen der oral history angewiesen. Vgl. ders./Sascha Verlan, 25 Jahre HipHop in Deutschland, Höfen 2006, S. 161.
7.
Dietrich Thränhardt, Deutsche – Ausländer, in: Stephan Lessenich/Frank Nullmeier (Hrsg.), Deutschland. Eine gespaltene Gesellschaft, Bonn 2006, S. 273–294, hier S. 276.
8.
Der Spiegel 16/1997, Titel.
9.
Vgl. Loh (Anm. 6), S. 113.
10.
Ders./Murat Güngör, Fear of a Kanak Planet – HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap, Höfen 2002, S. 122.
11.
Vgl. ebd.
12.
Die Verbindung feministischer und xenophober Argumente erscheint hier nicht zuletzt deswegen bemerkenswert, weil sie – der Sache gegenüber eher untypisch – in aller Regel nicht von einem feministischen, sondern (rechts-)konservativen Standpunkt aus erfolgt.
13.
Frank Berberich/Thilo Sarrazin, Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistung zur Metropole der Eliten, in: Lettre International 86/2009, S. 197–201, hier S. 200f.
14.
Wolfgang Benz, Anmerkungen zur Entstehung und Tradition des Feindbildes Islam, in: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Verhärtete Fronten. Der schwere Weg zu einer vernünftigen Islamkritik, Wiesbaden 2012, S. 15–23, hier S. 15.
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Autor: Martin Seeliger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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