Afrika Bambaataa - Konzert in London

23.2.2018 | Von:
Fabian Wolbring

"Ich bin mehr Gangster als mein Gangster-Image". Zum Verhältnis von Gangsta-Rap und Kriminalität

"Gangster-Rapper auch im wahren Leben ein Gangster" – mit dieser Schlagzeile betitelte die "Bild"-Zeitung am 17. Juni 2017 einen Bericht über den mehrfach vorbestraften Mohammed Ch., der bei einem Handgemenge zwischen zwei Männergruppen eine Pistole zog und auf sein Gegenüber schoss.[1] Die Formulierung mag überraschen: Wieso lautet der Titel nicht etwa "Vier Verletzte bei Schießerei in Oer-Erkenschwick"? Offensichtlich verspricht die Bezugnahme auf den Gangsta-Rap und sein Verhältnis zu "echter" Kriminalität den größeren Leseanreiz. Schließlich beschäftigt die Frage, ob und inwieweit Gangsta-Rapperinnen und Gangsta-Rapper, also solche, die sich in ihren Raps als Kriminelle inszenieren, tatsächlich auch kriminelle Handlungen vollziehen, nicht nur einen großen Teil der Raphörerschaft, sondern auch Eltern, Schulen, Bundesprüfstellen, Polizei, Justiz und viele mehr. Sie geht einher mit der grundsätzlichen Frage nach der Authentizität von Rapperinnen und Rappern, die auch in der akademischen Auseinandersetzung mit Rap zu den meist diskutierten zählt.[2]

Authentizitätsanspruch und Rap-Persona

Mit der Gattung Rap verbindet sich für die Rezipienten offenbar grundsätzlich ein impliziter Authentizitätsanspruch, nach dem im Rap beziehungsweise durch Rap getätigten Äußerungen ein nicht gänzlich fiktiver Status unterstellt wird. Dabei wird zumeist wohl ein "weiter" Authentizitätsanspruch angenommen, der nicht zwangsläufig verlangt, dass die ausgestellten Handlungen tatsächlich so stattgefunden haben, sondern "nur", dass prinzipiell das ausgestellte einem lebensweltlichen Verhalten des Rappers oder der Rapperin nahekommt und vertretene Positionen und geäußerte Meinungen seinen oder ihren tatsächlichen Ansichten entsprechen.[3] Ein ähnlicher Anspruch findet sich durchaus auch in anderen popkulturellen Zusammenhängen.[4] Da im Gangsta-Rap allerdings besonders bedrohliche, aggressive und nicht zuletzt kriminelle Haltungen ausgestellt werden, erscheint die Frage nach deren Glaubwürdigkeit ungleich relevanter.

Der Authentizitätsanspruch ist an ein spezifisches Autorschaftsmodell gekoppelt, das sich wesentlich von aktuellen Autorschaftsmodellen in Theater und Literatur unterscheidet. Rapperinnen und Rapper gelten hier nicht nur gleichzeitig als Verfasser ihrer Texte und als Performer des Sprechgesangs,[5] sondern darüber hinaus auch als die durch den Rap erzählenden und in ihm sprechhandelnden Akteure. Die durch den selbstgewählten Rapnamen bezeichnete Rolle erweist sich als konstante Persona, also eine ursprünglich textkonstituierte "Maske"[6] mit lebenswirklicher Relevanz. Konstant ist sie, weil sie normalerweise in allen Raps angenommen wird; lebenswirklich relevant ist sie, weil sie nicht auf die Textwelt beziehungsweise Aufführungssituation beschränkt bleibt, sondern auch in sozialen Kontexten zum Einsatz kommt.

Unter ihrem Pseudonym, also als Rap-Persona, treten Rapperinnen und Rapper auch in Talkshows und Unterhaltungssendungen auf und werden in Interviews entsprechend adressiert. Das gilt auch für Mohammed Ch., der in der Berichterstattung zumeist mit seinem Rapnamen Hamad 45 bezeichnet wird, obwohl er als Rapper zuvor kaum bekannt war, mit "Mundpropaganda" aus dem Jahr 2014 nur ein einziges, independent veröffentlichtes Album vorweisen kann und vermutlich eher hobbymäßig rappt. Die Rap-Persona ist damit durchaus als soziale Rolle im Sinne des Soziologen Erving Goffman einzuschätzen, das heißt als eine, die nur in bestimmten lebenswirklichen Bereichen bekleidet wird und grundsätzlich für bestimmte Personengruppen intendiert ist, die aber dennoch als "authentische", also zu vertretende Rolle dem Menschen zugeordnet bleibt.[7]

Der grundsätzliche Authentizitätsanspruch im Gangsta-Rap bedeutet nicht, dass die Mehrheit der Rezipienten alle Gangsta-Rapper für gleichermaßen authentisch hält. Vielmehr ermöglicht er erst, die Glaubwürdigkeit der getätigten Äußerungen und die Authentizität der Rolle sinnvoll zu hinterfragen. Schauspielern vorzuwerfen, sie seien ganz anders als die von ihnen verkörperten Rollen, oder Romanautorinnen, sie seien überhaupt nicht so, wie ihre Erzählinstanzen es vermuten ließen, erscheint offensichtlich wenig zielführend und lässt auf eine reichlich naive Rezeptionshaltung schließen. Im Umgang mit Gangsta-Rap ist das Hinterfragen der Authentizität indes gang und gäbe.

So gefallen sich auch die Mainstream-Medien darin, Gangsta-Rapper als "Maulhelden" oder heimliche Spießer und damit als unauthentisch zu enttarnen und zu diskreditieren. Andererseits inszenieren sie die Gangsta-Rapper auch gerne als akute, lebenswirkliche Bedrohung. In der eingangs zitierten "Bild"-Schlagzeile klingt beides an, nämlich sowohl "Hier ist nun (endlich) einmal ein Gangsta-Rapper, der wirklich kriminell ist" als auch "Vorsicht, Gangsta-Rapper können tatsächlich gefährlich sein".[8]

Fußnoten

1.
Das Zitat im Titel des Beitrags stammt aus dem indizierten Song "Mitten in der Nacht" von Bushido aus dem Jahr 2014.
2.
Vgl. etwa Ayla Güler Saied, Rap in Deutschland. Musik als Interaktionsmedium zwischen Partykultur und urbanen Anerkennungskämpfen, Bielefeld 2012; Gabriele Klein/Malte Friedrich, Is This Real? Die Kultur des HipHop, Frankfurt/M. 2003; Stefanie Menrath, Represent What …: Performativität von Identitäten im HipHop, Hamburg 2001.
3.
Vgl. Fabian Wolbring, Die Poetik des deutschsprachigen Rap, Göttingen 2015, S. 155ff.; Angelika Baier, "Ich muss meinen Namen in den Himmel schreiben": Narration und Selbstkonstitution im deutschsprachigen Rap, Tübingen 2012, S. 105ff.
4.
Der Poptheoretiker Simon Frith bezeichnet diese Rezeptionshaltung etwa als ein poptypisches "measuring [of] the performers’ ‚truth‘ to the experiences or feelings they are describing". Vgl. ders., Towards an Aesthetic of Popular Music, in: Richard Leppert/Susan McClary (Hrsg.), Music and Society: The Politics of Composition, Performance, and Reception, Cambridge 1987, S. 133–150, hier S. 136.
5.
Vgl. zum Fremdinterpretationstabu im Rap Wolbring (Anm. 3), S. 147ff.
6.
Rüdiger Zymner, Lyrik. Umriss und Begriff, Paderborn 2009, S. 19.
7.
Vgl. Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 1959, S. 45ff.
8.
Vgl. zu einem entsprechenden Umgang mit Gangsta-Rapper Bero Bass in der Nachrichtensendung "Guten Abend RTL" Fabian Wolbring, Authentizität im Rap, in: Corinna Schlicht (Hrsg.), Identität, Oberhausen 2010, S. 166–181, S. 272f. (Literaturverzeichnis).
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Autor: Fabian Wolbring für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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