Afrika Bambaataa - Konzert in London

23.2.2018 | Von:
Fabian Wolbring

"Ich bin mehr Gangster als mein Gangster-Image". Zum Verhältnis von Gangsta-Rap und Kriminalität

Voyeurismus und Rapgossip im digitalen Zeitalter

Offenbar gewinnt der Gangsta-Rap durch sein vermeintliches Authentizitätsversprechen für viele seiner Fans an Spannung, Brisanz und damit an Attraktivität.[9] Der Gangster ist als subversiver Outlaw gerade für pubertierende Jungen eine gefragte Identitätsfigur, weil er wie kaum eine andere Rolle Souveränität verkörpert. In ihm kulminieren die topisch etablierten und zumeist positiv besetzten Attribute von Hypermaskulinität, Authentizität, Wettbewerbsorientierung und Ghettobezug, wie auch aggressive, antisoziale, hedonistische und prahlerische Verhaltensweisen. Sein Gewalt- und Kriminalitätspotenzial eignet sich ideal, um eine durch Unangemessenheit gesteigerte Coolness zu inszenieren.[10] Gangsta-Rapper können sich im Schonraum ihrer textgenerierten Welten sprachlich als bedrohlich wie auch akut bedroht inszenieren und gleichzeitig im raptypischen Vortragsstil eine große Gelassenheit zum Ausdruck bringen.

Durch den Authentizitätsanspruch im Rap kann eine "zu Unrecht" ausgestellte Gangster-Attitude allerdings als "Ranganmaßung" aufgefasst werden. Textexterne Authentizitätsbelege gewinnen daher gerade im digitalen Zeitalter an Relevanz. Ein von den Mainstream-Medien attestiertes Verbrechen kann dabei einer Karriere als Gangsta-Rapper einen großen Schub verleihen. So hatte Giwar H.s spektakulärer Goldraub 2009 sicher Einfluss auf seinen späteren Erfolg als nunmehr erwiesen authentischer Gangsta-Rapper Xatar.[11] Auch Mohammed Ch. erfährt erst durch die Schießerei in den einschlägigen Foren und sozialen Netzwerken größere Beachtung.

In den vergangenen Jahren haben Gossip-Formate wie die Website "Rapupdate", das Blog-Magazin "Spit-TV" oder die Youtube-Kanäle "Hiphopticker" und "Rap Slap" großen Anteil an der Verbreitung von Tratsch und Gerüchten zu deutschsprachigen Rapacts. Dabei generieren besonders die vielen beefs (Fehden) zwischen Gangsta-Rappern Aufmerksamkeit, wohl weil sie ein besonderes Eskalationspotenzial versprechen. Vielfach erscheinen die Rezipienten weniger als Fans der Akteure denn als Voyeure, die sich von Konflikten unterhalten fühlen. Durch neue und neueste Medientechnologien erfährt der Voyeurismus dabei eine neue Qualität. So konnte man etwa im Livestream verfolgen, wie Rapper Animus (bürgerlich Mousa A.) in Begleitung einiger Hells Angels nach Berlin fuhr, um dort seinen ehemaligen Mentor Fler (bürgerlich Patrick L.) zu verprügeln.[12]

Der soziale Druck auf Gangsta-Rapper, textexterne Belege für ihren Status als Gangster zu liefern, scheint zu wachsen. So veröffentlichen sie neben ihrer Musik zunehmend Internet-Content etwa in Form von langen Video-Interviews oder Blogs, durch den nicht zuletzt ihre Authentizität belegt werden soll. Aktuelle Durchstarter im deutschsprachigen Gangsta-Rap wie die 187 Strassenbande oder die KMN-Gang dokumentieren entsprechend ihre Haftaufenthalte oder Gerichtsprozesse. Zugleich erscheinen auch immer mehr Amateurvideos von Fans oder Passanten, die die Akteure auch ohne deren Genehmigung in lebenswirklichen Kontexten zeigen.[13]

Zur Schießerei in Oer-Erkenschwick ist ebenfalls ein Internetvideo im Umlauf, das Anwohner mit dem Handy gefilmt hatten und das im Netz vielfach geteilt und kommentiert wurde. Für die digitale Rapcommunity ist dabei vor allem spannend, dass der Beschossene, Ali M., ein Cousin von Arafat Abou-Chaker sein soll, dem prominentesten Vertreter des mafiös agierenden Abou-Chaker-Clans aus Berlin und engen Vertrauten von Gangsta-Rap-Ikone Bushido. Die "Bild"-Zeitung erklärte Ali M. daher kurzerhand zum "Bushido-Kumpel" und den Vorfall zum Beginn eines "Rapper-Krieg[es]".[14]

Bushido: Ingebegriff authentischen Gangsta-Raps

Anis Mohamed Youssef Ferchichi schuf und besetzte mit Bushido den medialen Prototyp des authentischen Gangsta-Rappers in Deutschland. Während sich Gangsta-Rap in den USA spätestens mit dem großen Erfolg des N.W.A-Albums "Straight Outta Compton" 1988 im Mainstream etablieren konnte und seither den amerikanischen Rap in Gänze dominiert, zeichnete sich der deutschsprachige Rap der 1990er Jahre insgesamt noch durch eine gewisse Seichtigkeit aus. Rapgruppen aus der bürgerlichen Mitte wie die Fantastischen Vier oder Fettes Brot bestimmten das Bild des Rap im Mainstream.[15]

Erst mit den großen Erfolgen des Labels Aggro Berlin Anfang der 2000er Jahre erhielt der amerikanische Gangsta-Rap ein populäres deutschsprachiges Äquivalent,[16] und Ferchichi/Bushido wurde der kommerziell erfolgreichste Rapact dieser Ära. Als Deutsch-Libanese prägt er mit seiner Rap-Persona maßgeblich das stereotype Bild des Gangsta-Rappers in Deutschland als krimineller, arabischstämmiger Migrant, das der Sprachwissenschaftler Arnulf Deppermann wie folgt charakterisiert: "Sein Habitus ist gekennzeichnet durch Gewaltbereitschaft, Kleinkriminalität, die Orientierung an machistischen Idealen von Ehre, Mut und physischer Stärke und durch das Streben nach Statussymbolen plakativer Männlichkeit (BMW, Pitbull, Handy, Goldketten). Er lebt bildungsfern und im Widerspruch zu pädagogischen und staatlichen Institutionen sowie durch formale Qualifikationen geregelten Bildungswegen. Stattdessen verlässt er sich auf die lokalen, ethnischen Netzwerke des Ghettos und auf die ‚Straßenschläue‘, die er im täglichen Überlebenskampf im Großstadtdschungel erworben hat."[17]

Dieses migrantische Gangster-Ideal erscheint als deutsche Variante des afroamerikanischen "Badd Nigga", einer sehr viel älteren idealisierten Vorstellung des "schwarzen Mannes" als Outlaw, der die Wertvorstellungen der weißen Mehrheitsgesellschaft geflissentlich ignoriert beziehungsweise "sich im vollen Bewusstsein gegen alle Tabus und Gesetze des ‚weißen‘ Mannes auflehnt".[18]

Auch 15 Jahre nach seinem modellbildenden Debüt-Album "Carlo Cokxxx Nutten" (zusammen mit Fler) bleibt Ferchichi/Bushido einer der populärsten deutschsprachigen Rapacts und veröffentlichte mit "Black Friday" das zweiterfolgreichste deutschsprachige Rapalbum 2017.[19] Sein markantestes Alleinstellungsmerkmal ist dabei gerade die offensiv ausgestellte und medial belegte Nähe zum organisierten Verbrechen. Im Video zu "Mitten in der Nacht" posieren etwa Unterweltgrößen wie Kadir Padir, der ehemalige Präsident der Berliner Hells Angels. Auch wird szeneintern gemutmaßt, Ferchichi/Bushido habe Messerattacken gegen andere Rapper wie Fler und Kay One in Auftrag gegeben.[20]

Wohl aufgrund dieser drastischen Bedrohlichkeit gelang es Ferchichi/Bushido bislang nicht, sein Image als Gangsta-Rapper abzulegen und sich als "gewöhnlicher" Popstar zu resozialisieren. Hierzu unternahm er in den vergangenen Jahren durchaus zahlreiche Anläufe, wie 2011 das Peter-Maffay-Feature "Erwachsen sein", seine dialogsuchende Dankesrede für den Integrations-Bambi[21] oder seine jüngste Single-Veröffentlichung "Papa", die offenbar seine Kinder adressiert und diesen erklärt, dass er lediglich in der Vergangenheit kriminell gehandelt habe und nur, weil ihn seine prekären Umstände dazu gezwungen hätten:

Doch weil Papa in sein’n Liedern böse Sachen sagt

Denkt die ganze Nachbarschaft, dass er auch böse Sachen macht

Aber Papa sagt die Sachen, die er sagt

Nur damit er nicht mehr tun muss, was Papa früher tat

Papa hatte keine Wahl, nahm sich alles auf die falsche Art

Ich war auf mich allein gestellt, als ich in eurem Alter war


Damit scheint Ferchichi/Bushido sich von den problematischen Inhalten seiner Texte distanzieren zu wollen, ohne sie als Unwahrheiten erscheinen zu lassen. 2013 veröffentlichte er mit Marcus Staiger gar das ambitionierte Integrationsbuch "Auch wir sind Deutschland. Ohne uns geht nicht. Ohne euch auch nicht", in dem er in der Rolle des "Anti-Sarrazin" aufritt,[22] also als konstruktiver Vermittler zwischen der "bürgerlichen deutschen Mitte" und der amorphen Gruppe der "Unterschichtsmigranten", und sich dabei selbst explizit beiden Lagern zuordnet. Im Vergleich zu seiner Autobiografie von 2008 war das Buch allerdings ein kommerzieller Misserfolg.[23]

In diesem Zusammenhang erscheint der Sachverhalt bemerkenswert, dass der Gesellschaftskommentar unter dem bürgerlichen Namen veröffentlicht wurde, die Biografie indes unter dem Rappernamen Bushido. Privatperson und Rap-Persona vermischen sich anscheinend untrennbar beziehungsweise unentrinnbar. So berichtet Ferchichi/Bushido in "Auch wir sind Deutschland", er habe sogar schon ein offizielles Schreiben vom Gericht erhalten, das an Bushido adressiert gewesen sei.[24]

Fußnoten

9.
Vgl. etwa Hans-Georg Soeffner, Gewalt als Faszinosum, in: ders./Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.),Gewalt: Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme, Frankfurt/M. 2004, S. 62–86.
10.
Vgl. zu den spezifischen Formen von Coolness im Rap Wolbring (Anm. 3), S. 434ff.
11.
Vgl. Peter Schran, Heldenkult am Stadtrand – Wie Gangster zu Vorbildern werden, WDR-Fernsehfilm, 24.9.2010.
12.
Vgl. o.A., Animus über seinen Hausbesuch bei Fler: "Er hat angefangen mit Flaschen zu schmeißen!", 28.4.2016, http://www.spit-tv.de/behind-the-scenes/animus-ueber-seinen-hausbesuch-bei-fler-er-hat-angefangen-mit-flaschen-zu-schmeissen«. Siehe auch Martin Seeliger/Marc Dietrich, Gangsta-Rap-Analyse als Gesellschaftsanalyse, in: dies. (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap II. Popkultur als Kampf um Anerkennung und Integration, Bielefeld 2017, S. 7–36.
13.
Zu Kollegahs Angriff auf einen Fan, der ihm bei einem Konzert in Leipzig die Brille vom Gesicht nahm, existieren etwa mehrere entsprechende Amateurvideos. Vgl. etwa Hiphopticker, Kollegah schlägt Fan K.O. in Leipzig: Videos, Hintergrund & Reaktionen, 19.3.2017, http://www.youtube.com/watch?v=p32zG2pWVTs«.
14.
Michael Engelberg/Andreas Wegener, Nach Schuss auf Bushido-Kumpel. Gangsta-Rapper auf der Anklagebank, 20.12.2017, http://www.bild.de/-54251648.bild.html«.
15.
Hannes Loh bezeichnet die große Präsenz der Mittelschicht sowohl aufseiten der Produzenten wie der Rezipienten in den 1990er Jahren abfällig als "deutsche[n] Sonderweg", da sie so in anderen Sprach- und Kulturräumen nicht zu beobachten sei. Vgl. Hannes Loh, Deutschrap zwischen Ghetto-Talk und rechter Vereinnahmung, in: Klaus Neumann-Braun/Birgit Richard (Hrsg.), Coolhunters. Jugendkulturen zwischen Medien und Markt, Frankfurt/M. 2005, S. 111–129, hier S. 113.
16.
Vgl. hierzu die Einschätzung von Anja Käckenmeister, Warum so wenig Frauen rappen – Ursachen, Hintergründe, Antworten, Saarbrücken 2008, S. 45: "Doch als im Jahr 2002 plötzlich die Künstler des Labels Aggro Berlin durch extrem harte Texte auf sich aufmerksam machten und aus dem Untergrund in den Mainstream vorstießen, teilt sich die Nation aufgrund einer bis dahin nie dagewesenen Kontroversität in zwei Lager. Während die einen die veröffentlichten Tonträger als ersten richtigen deutschen HipHop lobten, da sich die Künstler mit realen Themen aus sozialen Brennpunkten auseinandersetzen, kritisieren die Gegner vor allem die sexistischen, Gewalt verherrlichenden Texte."
17.
Arnulf Deppermann, Was sprichst du?, in: Neumann-Braun/Richard (Anm. 15), S. 67–83, hier S. 72.
18.
Michael Rappe, Under Construction. Kontextbezogene Analyse afroamerikanischer Popmusik, Bd. 1, Köln 2010, S. 64. Vgl. auch Kimiko Leibnitz/Marc Dietrich, Schlaglichter auf das Gangster-Motiv in der amerikanischen Populärkultur, in: Marc Dietrich/Martin Seeliger (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap. Sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen, Bielefeld 2012, S. 309–345.
19.
Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Offizielle Deutsche Charts, Top 100 Album-Jahrescharts, 3.1.2018, http://www.offiziellecharts.de/charts/album-jahr«.
20.
Vgl. Jörn Hasselmann, Rapper Fler nach TV-Auftritt mit Messer angegriffen, 29.11.2007, http://www.tagesspiegel.de/1107574.html«; Steffen Hallaschka/Kenneth Glöckler, Stern TV, RTL, 9.10.2013.
21.
Siehe http://www.youtube.com/watch?v=59SddbQFfgE«.
22.
Das Buch sollte ursprünglich in Anspielung auf Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab" den Titel "Deutschland schafft das" tragen.
23.
Bushido/Lars Amend, Bushido, München 2008.
24.
Anis Mohamed Youssef Ferchichi/Marcus Staiger, Auch wir sind Deutschland. Ohne uns geht nicht. Ohne euch auch nicht, München 2013, S. 80.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Fabian Wolbring für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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