Afrika Bambaataa - Konzert in London

23.2.2018 | Von:
Fabian Wolbring

"Ich bin mehr Gangster als mein Gangster-Image". Zum Verhältnis von Gangsta-Rap und Kriminalität

Kollegah: Prototyp eines liberalen Authentizitätskonzepts

Der kommerziell erfolgreichste deutschsprachige Rapper der vergangenen Jahre ist unbestritten Kollegah (bürgerlich Felix Blume). Sein 2014 erschienenes Album "King" brach diverse Streaming- und Downloadrekorde in Deutschland und verkaufte sich über 300.000 Mal.[25] Sein aktuelles Album "Jung Brutal Gutaussehend 3", das er zusammen mit Farid Bang veröffentlicht hat, wurde nicht nur das kommerziell erfolgreichste deutschsprachige Rapalbum, sondern das vierterfolgreichste Album 2017 in Deutschland überhaupt (nach Helene Fischer, Ed Sheeran und den Toten Hosen)[26] – und das, obwohl es erst im Dezember erschien.

Auch Blume/Kollegah verwendet in seinen Texten typische Elemente des Gangsta-Rap. Anders als bei Bushido wird der Persona Kollegah bei Weitem nicht von allen Rezipienten ein lebenswirklich zu vertretender Anspruch zugeschrieben. Viele betrachten das Image des hypermaskulinen, omnipotenten Zuhälters und Drogendealers als offen artifiziell und beinahe parodistisch. Der liberalere Umgang mit der Persona Kollegah erklärt sich zum Teil wohl daraus, dass dessen wesentlicher Unterhaltungswert in seinen vielsilbig gereimten Punchlines gesehen wird, also in Rapzeilen, die wortspielerische Pointen generieren.

So rappt Kollegah etwa im Song "30", er sei "der Boss mit Diamantenkette, der die Glock zieht und dir durch den Kopf schießt wie Gedankengänge". Durch diesen wortspielerischen Umgang mit der exzessiven Gewaltbehauptung wird einerseits durch die Unangemessenheit die Coolness der Figur erhöht, anderseits lässt sie die Aussage auch als unernst erscheinen. Die Komik hält die Position des Sprechers zu den behandelten Gegenständen offen. Das offensichtlich Unernste kann sowohl als ironische und damit gegenteilig intendierte Äußerung gedeutet werden, als auch als scherzhafte Übertreibung der tatsächlich vertretenen Position oder gar als völlig bedeutungsloser Spaß.

Kollegah wird dabei von vielen eher als Battle-Rapper denn als Gangsta-Rapper rubriziert, also als jemand, der in seinen Raps (fiktive) Gegner auf möglichst originelle und unterhaltsame Art beleidigt. In dieser Untergattung des Rap wird der Authentizitätsanspruch tendenziell liberaler gehandelt. Insbesondere in Online-Battle-Foren, in denen auch Blume/Kollegah seine Karriere begann, wie dem Video Battle Turnier oder dem Juliens Blog Battle, treten die Teilnehmer inzwischen in absurden Rollen auf, die schwerlich einem lebensweltlichen Authentizitätsanspruch genügen.[27]

Die Offenheit der Rollenauslegung und Rezeptionshaltung erleichtert es Rezipienten aus dem bürgerlichen Milieu, ihren Kollegah-Konsum zu "rechtfertigen", da sie die ausgestellte Haltung als unernst abtun können, selbst wenn sie die Figur des Gangsters heimlich fasziniert. Dies mag ein Grund dafür sein, dass Kollegah auch und gerade an Gymnasien populär ist. Blume spielt dabei offensichtlich bewusst mit der Ambivalenz seiner Rolle und variiert in unterschiedlichen Kontexten ihre Inszenierung. Tritt er in Mainstreamformaten auf, etwa beim Radio-Sender 1Live oder bis 2015 bei Stefan Raabs "TV-Total", betont er die Manieriertheit und den fiktiven Status seiner Rolle, indem er zum Beispiel über sein Jurastudium spricht. Dass er offensichtlich kein arabischstämmiger Migrant ist, scheint seiner Mainstreamadaptierbarkeit durchaus dienlich zu sein. Gleichzeitig bemüht er sich in rapspezifischeren Kontexten explizit darum, die Angemessenheit und Authentizität seiner Rolle zu belegen.

So ließ er etwa bereits 2008 einen offiziellen Urteilsbeschluss des Amtsgerichts Simmern in der "Bravo HipHop" abdrucken, durch den seine Verurteilung wegen Besitz und Handel mit Betäubungsmitteln belegt und somit seine Rap-Persona verifiziert werden sollte.[28] Auch von Blume/Kollegah ist ein Hausbesuch bei Fler durch einen inzwischen gelöschten Videoblog dokumentiert.[29]

In diesen Kontexten verhilft ihm sein marokkanischstämmiger Rappartner Farid Bang (bürgerlich Hamed El Abdellaoui) zu mehr "Migrantenauthentizität". Beide sind zudem dafür bekannt, in Battle-Raps statt namenloser Gegner andere Rapacts zu dissen, also zu beleidigen, wodurch sich die Brisanz der Texte drastisch erhöht. Auf dem aktuellen Album wagen sie sich dabei sogar an Bushido ran, weshalb die Rapcommunity bereits auf dessen Reaktion gespannt ist und vielfach wohl auch auf eine gewalttätige Eskalation hofft. Auch Hamad 45 wird in einer Line erwähnt, allerdings nicht in einem Diss, sondern als Referenz für ein doppeldeutiges Wortspiel: "Ich bin Shootingstar so wie Hamad aus Essen." Die Erwähnung zeigt, dass die Persona Hamad 45 als authentische, migrantische Gangster-Figur endgültig im deutschsprachgien Rapdiskurs angekommen ist.

Fußnoten

25.
Vgl. Selfmade Records, Pressemitteilung, 19.5.2014, http://www.facebook.com/SelfmadeRecords/posts/10152010254205059?fref=nf«.
26.
Vgl. GfK (Anm. 19).
27.
So rappt etwa Spongebozz im Spongebob-Schwammkopf-Kostüm oder der Rapper Entetainment mit Entenmaske.
28.
Vgl. Bravo HipHop Special 21/2008, S. 26f.
29.
Vgl. Spit-TV, Farid Bang, Kollegah & Majoe besuchen Fler in Berlin, 27.1.2014, http://www.spit-tv.de/neu/farid-bang-kollegah-majoe-besuchen-fler-in-berlin«.
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