Afrika Bambaataa - Konzert in London

23.2.2018 | Von:
Fabian Wolbring

"Ich bin mehr Gangster als mein Gangster-Image". Zum Verhältnis von Gangsta-Rap und Kriminalität

Resümee

Offensichtlich sind Gangster und Gangsta-Rapper zweierlei. Wer wirklich kriminelle Handlungen vollführt, wird in der Regel um Diskretion bemüht sein und nicht öffentlich davon berichten. Von den Zigtausenden von Jugendlichen, die im Amateurbereich Gangsta-Raps verfassen, entsprechen wohl nur die allerwenigsten den Anforderungen an einen echten Gangster. Medienwirksame Vorfälle wie die Schießerei in Oer-Erkenschwick bleiben die Ausnahme. Erfahrungsgemäß kann in den wenigen Fällen, in denen kriminelles Verhalten und Gangsta-Rap korrelieren, zudem nicht davon ausgegangen werden, dass Letzterer ursächlich verantwortlich für Ersteres wäre.

Meine Erfahrungen mit Rapworkshops in sozialen Brennpunkten sprechen vielmehr dafür, dass das engagierte Rappen Jugendliche eher von antisozialem Verhalten abhält oder auch ablenkt, schon allein weil es zeitintensiv ist. Für manche ist es sogar eine Möglichkeit, alternativ zu kriminellen Handlungen durch eine durchaus anspruchsvolle lyrische Sprachpraxis einen realen Statusgewinn im sozialen Brennpunkt zu erzielen. Häufig ist Gangsta-Rap zudem eine der wenigen Möglichkeiten, um mit auffälligen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Mir ist allerdings auch ein Fall bekannt, bei dem ein Jugendlicher aus wohlsituierten Verhältnissen als etwa 13-Jähriger begann, Gangsta-Raps zu produzieren, in der Folge, wohl aus einem Erwartungsdruck heraus, den Kontakt zum (klein)kriminellen Milieu suchte und inzwischen eine Gefängnisstrafe verbüßt. Gerade der neue Voyeurismus im digitalen Zeitalter erhöht den Druck auf die Gangsta-Rapper massiv, ihren Behauptungen gerecht zu werden und den textgenerierten Images lebenswirklich zu entsprechen.

Auch die diskursive Idealisierung und Bagatellisierung von Gewalt, Kriminalität und Sexismus bleibt bedenklich, auch wenn die Akteure selbst dem ausgestellten Lebensstil nicht wirklich entsprechen. Besonders brisant erscheint mir dabei, dass das Stereotyp des kriminellen Migranten stark popularisiert und plausibilisiert wird. Es hat womöglich entscheidenden Anteil am gesellschaftlichen Rechtsruck und lässt zudem eine kriminelle Laufbahn für Migranten als legitime Karriereoption erscheinen.

Der empörte "Moralismus", der sich seitens der Mainstream-Medien im Umgang mit Gangsta-Rap häufig beobachten lässt,[30] das Genre und damit zuweilen auch Rap schlechthin häufig ungeprüft und monokausal zur Ursache von Gewalttätigkeit und Verwahrlosung stilisiert, erscheint mir dennoch überzogen. Teilweise wird der Rapbezug hier geradezu konstruiert, etwa wenn die "Bild"-Zeitung in ihrem Porträt des Attentäters Anders Breivik betont, dieser sei als Jugendlicher "HipHop-Fan" gewesen.[31] Meines Erachtens sollte anstelle der Dämonisierung eher der Dialog zu den Protagonisten gesucht werden. Dieser muss dabei keineswegs unkritisch ausfallen.

Fußnoten

30.
Vgl. etwa Tony Mitchell, HipHop und die Aborigines: Die moderne Corroboree, in: Karin Bock/Stefan Meier/Gunter Süss (Hrsg.), HipHop Meets Academia, Bielefeld 2007, S. 39–59, hier S. 43: "Diese Inszenierungen bieten Politikern und Experten Anlass, solche Musikformen für einen vermeintlich schlechten Moralzustand der Jugend verantwortlich zu machen."
31.
O.A., Anders Behring Breivik: Das kranke Hirn eines Muttersöhnchens, 26.7.2011, http://www.bild.de/-19046534.bild.html«.
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