Afrika Bambaataa - Konzert in London
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23.2.2018 | Von:
Fabian Wolbring

"Ich bin mehr Gangster als mein Gangster-Image". Zum Verhältnis von Gangsta-Rap und Kriminalität

"Gangster-Rapper auch im wahren Leben ein Gangster" – mit dieser Schlagzeile betitelte die "Bild"-Zeitung am 17. Juni 2017 einen Bericht über den mehrfach vorbestraften Mohammed Ch., der bei einem Handgemenge zwischen zwei Männergruppen eine Pistole zog und auf sein Gegenüber schoss.[1] Die Formulierung mag überraschen: Wieso lautet der Titel nicht etwa "Vier Verletzte bei Schießerei in Oer-Erkenschwick"? Offensichtlich verspricht die Bezugnahme auf den Gangsta-Rap und sein Verhältnis zu "echter" Kriminalität den größeren Leseanreiz. Schließlich beschäftigt die Frage, ob und inwieweit Gangsta-Rapperinnen und Gangsta-Rapper, also solche, die sich in ihren Raps als Kriminelle inszenieren, tatsächlich auch kriminelle Handlungen vollziehen, nicht nur einen großen Teil der Raphörerschaft, sondern auch Eltern, Schulen, Bundesprüfstellen, Polizei, Justiz und viele mehr. Sie geht einher mit der grundsätzlichen Frage nach der Authentizität von Rapperinnen und Rappern, die auch in der akademischen Auseinandersetzung mit Rap zu den meist diskutierten zählt.[2]

Authentizitätsanspruch und Rap-Persona

Mit der Gattung Rap verbindet sich für die Rezipienten offenbar grundsätzlich ein impliziter Authentizitätsanspruch, nach dem im Rap beziehungsweise durch Rap getätigten Äußerungen ein nicht gänzlich fiktiver Status unterstellt wird. Dabei wird zumeist wohl ein "weiter" Authentizitätsanspruch angenommen, der nicht zwangsläufig verlangt, dass die ausgestellten Handlungen tatsächlich so stattgefunden haben, sondern "nur", dass prinzipiell das ausgestellte einem lebensweltlichen Verhalten des Rappers oder der Rapperin nahekommt und vertretene Positionen und geäußerte Meinungen seinen oder ihren tatsächlichen Ansichten entsprechen.[3] Ein ähnlicher Anspruch findet sich durchaus auch in anderen popkulturellen Zusammenhängen.[4] Da im Gangsta-Rap allerdings besonders bedrohliche, aggressive und nicht zuletzt kriminelle Haltungen ausgestellt werden, erscheint die Frage nach deren Glaubwürdigkeit ungleich relevanter.

Der Authentizitätsanspruch ist an ein spezifisches Autorschaftsmodell gekoppelt, das sich wesentlich von aktuellen Autorschaftsmodellen in Theater und Literatur unterscheidet. Rapperinnen und Rapper gelten hier nicht nur gleichzeitig als Verfasser ihrer Texte und als Performer des Sprechgesangs,[5] sondern darüber hinaus auch als die durch den Rap erzählenden und in ihm sprechhandelnden Akteure. Die durch den selbstgewählten Rapnamen bezeichnete Rolle erweist sich als konstante Persona, also eine ursprünglich textkonstituierte "Maske"[6] mit lebenswirklicher Relevanz. Konstant ist sie, weil sie normalerweise in allen Raps angenommen wird; lebenswirklich relevant ist sie, weil sie nicht auf die Textwelt beziehungsweise Aufführungssituation beschränkt bleibt, sondern auch in sozialen Kontexten zum Einsatz kommt.

Unter ihrem Pseudonym, also als Rap-Persona, treten Rapperinnen und Rapper auch in Talkshows und Unterhaltungssendungen auf und werden in Interviews entsprechend adressiert. Das gilt auch für Mohammed Ch., der in der Berichterstattung zumeist mit seinem Rapnamen Hamad 45 bezeichnet wird, obwohl er als Rapper zuvor kaum bekannt war, mit "Mundpropaganda" aus dem Jahr 2014 nur ein einziges, independent veröffentlichtes Album vorweisen kann und vermutlich eher hobbymäßig rappt. Die Rap-Persona ist damit durchaus als soziale Rolle im Sinne des Soziologen Erving Goffman einzuschätzen, das heißt als eine, die nur in bestimmten lebenswirklichen Bereichen bekleidet wird und grundsätzlich für bestimmte Personengruppen intendiert ist, die aber dennoch als "authentische", also zu vertretende Rolle dem Menschen zugeordnet bleibt.[7]

Der grundsätzliche Authentizitätsanspruch im Gangsta-Rap bedeutet nicht, dass die Mehrheit der Rezipienten alle Gangsta-Rapper für gleichermaßen authentisch hält. Vielmehr ermöglicht er erst, die Glaubwürdigkeit der getätigten Äußerungen und die Authentizität der Rolle sinnvoll zu hinterfragen. Schauspielern vorzuwerfen, sie seien ganz anders als die von ihnen verkörperten Rollen, oder Romanautorinnen, sie seien überhaupt nicht so, wie ihre Erzählinstanzen es vermuten ließen, erscheint offensichtlich wenig zielführend und lässt auf eine reichlich naive Rezeptionshaltung schließen. Im Umgang mit Gangsta-Rap ist das Hinterfragen der Authentizität indes gang und gäbe.

So gefallen sich auch die Mainstream-Medien darin, Gangsta-Rapper als "Maulhelden" oder heimliche Spießer und damit als unauthentisch zu enttarnen und zu diskreditieren. Andererseits inszenieren sie die Gangsta-Rapper auch gerne als akute, lebenswirkliche Bedrohung. In der eingangs zitierten "Bild"-Schlagzeile klingt beides an, nämlich sowohl "Hier ist nun (endlich) einmal ein Gangsta-Rapper, der wirklich kriminell ist" als auch "Vorsicht, Gangsta-Rapper können tatsächlich gefährlich sein".[8]

Voyeurismus und Rapgossip im digitalen Zeitalter

Offenbar gewinnt der Gangsta-Rap durch sein vermeintliches Authentizitätsversprechen für viele seiner Fans an Spannung, Brisanz und damit an Attraktivität.[9] Der Gangster ist als subversiver Outlaw gerade für pubertierende Jungen eine gefragte Identitätsfigur, weil er wie kaum eine andere Rolle Souveränität verkörpert. In ihm kulminieren die topisch etablierten und zumeist positiv besetzten Attribute von Hypermaskulinität, Authentizität, Wettbewerbsorientierung und Ghettobezug, wie auch aggressive, antisoziale, hedonistische und prahlerische Verhaltensweisen. Sein Gewalt- und Kriminalitätspotenzial eignet sich ideal, um eine durch Unangemessenheit gesteigerte Coolness zu inszenieren.[10] Gangsta-Rapper können sich im Schonraum ihrer textgenerierten Welten sprachlich als bedrohlich wie auch akut bedroht inszenieren und gleichzeitig im raptypischen Vortragsstil eine große Gelassenheit zum Ausdruck bringen.

Durch den Authentizitätsanspruch im Rap kann eine "zu Unrecht" ausgestellte Gangster-Attitude allerdings als "Ranganmaßung" aufgefasst werden. Textexterne Authentizitätsbelege gewinnen daher gerade im digitalen Zeitalter an Relevanz. Ein von den Mainstream-Medien attestiertes Verbrechen kann dabei einer Karriere als Gangsta-Rapper einen großen Schub verleihen. So hatte Giwar H.s spektakulärer Goldraub 2009 sicher Einfluss auf seinen späteren Erfolg als nunmehr erwiesen authentischer Gangsta-Rapper Xatar.[11] Auch Mohammed Ch. erfährt erst durch die Schießerei in den einschlägigen Foren und sozialen Netzwerken größere Beachtung.

In den vergangenen Jahren haben Gossip-Formate wie die Website "Rapupdate", das Blog-Magazin "Spit-TV" oder die Youtube-Kanäle "Hiphopticker" und "Rap Slap" großen Anteil an der Verbreitung von Tratsch und Gerüchten zu deutschsprachigen Rapacts. Dabei generieren besonders die vielen beefs (Fehden) zwischen Gangsta-Rappern Aufmerksamkeit, wohl weil sie ein besonderes Eskalationspotenzial versprechen. Vielfach erscheinen die Rezipienten weniger als Fans der Akteure denn als Voyeure, die sich von Konflikten unterhalten fühlen. Durch neue und neueste Medientechnologien erfährt der Voyeurismus dabei eine neue Qualität. So konnte man etwa im Livestream verfolgen, wie Rapper Animus (bürgerlich Mousa A.) in Begleitung einiger Hells Angels nach Berlin fuhr, um dort seinen ehemaligen Mentor Fler (bürgerlich Patrick L.) zu verprügeln.[12]

Der soziale Druck auf Gangsta-Rapper, textexterne Belege für ihren Status als Gangster zu liefern, scheint zu wachsen. So veröffentlichen sie neben ihrer Musik zunehmend Internet-Content etwa in Form von langen Video-Interviews oder Blogs, durch den nicht zuletzt ihre Authentizität belegt werden soll. Aktuelle Durchstarter im deutschsprachigen Gangsta-Rap wie die 187 Strassenbande oder die KMN-Gang dokumentieren entsprechend ihre Haftaufenthalte oder Gerichtsprozesse. Zugleich erscheinen auch immer mehr Amateurvideos von Fans oder Passanten, die die Akteure auch ohne deren Genehmigung in lebenswirklichen Kontexten zeigen.[13]

Zur Schießerei in Oer-Erkenschwick ist ebenfalls ein Internetvideo im Umlauf, das Anwohner mit dem Handy gefilmt hatten und das im Netz vielfach geteilt und kommentiert wurde. Für die digitale Rapcommunity ist dabei vor allem spannend, dass der Beschossene, Ali M., ein Cousin von Arafat Abou-Chaker sein soll, dem prominentesten Vertreter des mafiös agierenden Abou-Chaker-Clans aus Berlin und engen Vertrauten von Gangsta-Rap-Ikone Bushido. Die "Bild"-Zeitung erklärte Ali M. daher kurzerhand zum "Bushido-Kumpel" und den Vorfall zum Beginn eines "Rapper-Krieg[es]".[14]

Bushido: Ingebegriff authentischen Gangsta-Raps

Anis Mohamed Youssef Ferchichi schuf und besetzte mit Bushido den medialen Prototyp des authentischen Gangsta-Rappers in Deutschland. Während sich Gangsta-Rap in den USA spätestens mit dem großen Erfolg des N.W.A-Albums "Straight Outta Compton" 1988 im Mainstream etablieren konnte und seither den amerikanischen Rap in Gänze dominiert, zeichnete sich der deutschsprachige Rap der 1990er Jahre insgesamt noch durch eine gewisse Seichtigkeit aus. Rapgruppen aus der bürgerlichen Mitte wie die Fantastischen Vier oder Fettes Brot bestimmten das Bild des Rap im Mainstream.[15]

Erst mit den großen Erfolgen des Labels Aggro Berlin Anfang der 2000er Jahre erhielt der amerikanische Gangsta-Rap ein populäres deutschsprachiges Äquivalent,[16] und Ferchichi/Bushido wurde der kommerziell erfolgreichste Rapact dieser Ära. Als Deutsch-Libanese prägt er mit seiner Rap-Persona maßgeblich das stereotype Bild des Gangsta-Rappers in Deutschland als krimineller, arabischstämmiger Migrant, das der Sprachwissenschaftler Arnulf Deppermann wie folgt charakterisiert: "Sein Habitus ist gekennzeichnet durch Gewaltbereitschaft, Kleinkriminalität, die Orientierung an machistischen Idealen von Ehre, Mut und physischer Stärke und durch das Streben nach Statussymbolen plakativer Männlichkeit (BMW, Pitbull, Handy, Goldketten). Er lebt bildungsfern und im Widerspruch zu pädagogischen und staatlichen Institutionen sowie durch formale Qualifikationen geregelten Bildungswegen. Stattdessen verlässt er sich auf die lokalen, ethnischen Netzwerke des Ghettos und auf die ‚Straßenschläue‘, die er im täglichen Überlebenskampf im Großstadtdschungel erworben hat."[17]

Dieses migrantische Gangster-Ideal erscheint als deutsche Variante des afroamerikanischen "Badd Nigga", einer sehr viel älteren idealisierten Vorstellung des "schwarzen Mannes" als Outlaw, der die Wertvorstellungen der weißen Mehrheitsgesellschaft geflissentlich ignoriert beziehungsweise "sich im vollen Bewusstsein gegen alle Tabus und Gesetze des ‚weißen‘ Mannes auflehnt".[18]

Auch 15 Jahre nach seinem modellbildenden Debüt-Album "Carlo Cokxxx Nutten" (zusammen mit Fler) bleibt Ferchichi/Bushido einer der populärsten deutschsprachigen Rapacts und veröffentlichte mit "Black Friday" das zweiterfolgreichste deutschsprachige Rapalbum 2017.[19] Sein markantestes Alleinstellungsmerkmal ist dabei gerade die offensiv ausgestellte und medial belegte Nähe zum organisierten Verbrechen. Im Video zu "Mitten in der Nacht" posieren etwa Unterweltgrößen wie Kadir Padir, der ehemalige Präsident der Berliner Hells Angels. Auch wird szeneintern gemutmaßt, Ferchichi/Bushido habe Messerattacken gegen andere Rapper wie Fler und Kay One in Auftrag gegeben.[20]

Wohl aufgrund dieser drastischen Bedrohlichkeit gelang es Ferchichi/Bushido bislang nicht, sein Image als Gangsta-Rapper abzulegen und sich als "gewöhnlicher" Popstar zu resozialisieren. Hierzu unternahm er in den vergangenen Jahren durchaus zahlreiche Anläufe, wie 2011 das Peter-Maffay-Feature "Erwachsen sein", seine dialogsuchende Dankesrede für den Integrations-Bambi[21] oder seine jüngste Single-Veröffentlichung "Papa", die offenbar seine Kinder adressiert und diesen erklärt, dass er lediglich in der Vergangenheit kriminell gehandelt habe und nur, weil ihn seine prekären Umstände dazu gezwungen hätten:

Doch weil Papa in sein’n Liedern böse Sachen sagt

Denkt die ganze Nachbarschaft, dass er auch böse Sachen macht

Aber Papa sagt die Sachen, die er sagt

Nur damit er nicht mehr tun muss, was Papa früher tat

Papa hatte keine Wahl, nahm sich alles auf die falsche Art

Ich war auf mich allein gestellt, als ich in eurem Alter war


Damit scheint Ferchichi/Bushido sich von den problematischen Inhalten seiner Texte distanzieren zu wollen, ohne sie als Unwahrheiten erscheinen zu lassen. 2013 veröffentlichte er mit Marcus Staiger gar das ambitionierte Integrationsbuch "Auch wir sind Deutschland. Ohne uns geht nicht. Ohne euch auch nicht", in dem er in der Rolle des "Anti-Sarrazin" aufritt,[22] also als konstruktiver Vermittler zwischen der "bürgerlichen deutschen Mitte" und der amorphen Gruppe der "Unterschichtsmigranten", und sich dabei selbst explizit beiden Lagern zuordnet. Im Vergleich zu seiner Autobiografie von 2008 war das Buch allerdings ein kommerzieller Misserfolg.[23]

In diesem Zusammenhang erscheint der Sachverhalt bemerkenswert, dass der Gesellschaftskommentar unter dem bürgerlichen Namen veröffentlicht wurde, die Biografie indes unter dem Rappernamen Bushido. Privatperson und Rap-Persona vermischen sich anscheinend untrennbar beziehungsweise unentrinnbar. So berichtet Ferchichi/Bushido in "Auch wir sind Deutschland", er habe sogar schon ein offizielles Schreiben vom Gericht erhalten, das an Bushido adressiert gewesen sei.[24]

Kollegah: Prototyp eines liberalen Authentizitätskonzepts

Der kommerziell erfolgreichste deutschsprachige Rapper der vergangenen Jahre ist unbestritten Kollegah (bürgerlich Felix Blume). Sein 2014 erschienenes Album "King" brach diverse Streaming- und Downloadrekorde in Deutschland und verkaufte sich über 300.000 Mal.[25] Sein aktuelles Album "Jung Brutal Gutaussehend 3", das er zusammen mit Farid Bang veröffentlicht hat, wurde nicht nur das kommerziell erfolgreichste deutschsprachige Rapalbum, sondern das vierterfolgreichste Album 2017 in Deutschland überhaupt (nach Helene Fischer, Ed Sheeran und den Toten Hosen)[26] – und das, obwohl es erst im Dezember erschien.

Auch Blume/Kollegah verwendet in seinen Texten typische Elemente des Gangsta-Rap. Anders als bei Bushido wird der Persona Kollegah bei Weitem nicht von allen Rezipienten ein lebenswirklich zu vertretender Anspruch zugeschrieben. Viele betrachten das Image des hypermaskulinen, omnipotenten Zuhälters und Drogendealers als offen artifiziell und beinahe parodistisch. Der liberalere Umgang mit der Persona Kollegah erklärt sich zum Teil wohl daraus, dass dessen wesentlicher Unterhaltungswert in seinen vielsilbig gereimten Punchlines gesehen wird, also in Rapzeilen, die wortspielerische Pointen generieren.

So rappt Kollegah etwa im Song "30", er sei "der Boss mit Diamantenkette, der die Glock zieht und dir durch den Kopf schießt wie Gedankengänge". Durch diesen wortspielerischen Umgang mit der exzessiven Gewaltbehauptung wird einerseits durch die Unangemessenheit die Coolness der Figur erhöht, anderseits lässt sie die Aussage auch als unernst erscheinen. Die Komik hält die Position des Sprechers zu den behandelten Gegenständen offen. Das offensichtlich Unernste kann sowohl als ironische und damit gegenteilig intendierte Äußerung gedeutet werden, als auch als scherzhafte Übertreibung der tatsächlich vertretenen Position oder gar als völlig bedeutungsloser Spaß.

Kollegah wird dabei von vielen eher als Battle-Rapper denn als Gangsta-Rapper rubriziert, also als jemand, der in seinen Raps (fiktive) Gegner auf möglichst originelle und unterhaltsame Art beleidigt. In dieser Untergattung des Rap wird der Authentizitätsanspruch tendenziell liberaler gehandelt. Insbesondere in Online-Battle-Foren, in denen auch Blume/Kollegah seine Karriere begann, wie dem Video Battle Turnier oder dem Juliens Blog Battle, treten die Teilnehmer inzwischen in absurden Rollen auf, die schwerlich einem lebensweltlichen Authentizitätsanspruch genügen.[27]

Die Offenheit der Rollenauslegung und Rezeptionshaltung erleichtert es Rezipienten aus dem bürgerlichen Milieu, ihren Kollegah-Konsum zu "rechtfertigen", da sie die ausgestellte Haltung als unernst abtun können, selbst wenn sie die Figur des Gangsters heimlich fasziniert. Dies mag ein Grund dafür sein, dass Kollegah auch und gerade an Gymnasien populär ist. Blume spielt dabei offensichtlich bewusst mit der Ambivalenz seiner Rolle und variiert in unterschiedlichen Kontexten ihre Inszenierung. Tritt er in Mainstreamformaten auf, etwa beim Radio-Sender 1Live oder bis 2015 bei Stefan Raabs "TV-Total", betont er die Manieriertheit und den fiktiven Status seiner Rolle, indem er zum Beispiel über sein Jurastudium spricht. Dass er offensichtlich kein arabischstämmiger Migrant ist, scheint seiner Mainstreamadaptierbarkeit durchaus dienlich zu sein. Gleichzeitig bemüht er sich in rapspezifischeren Kontexten explizit darum, die Angemessenheit und Authentizität seiner Rolle zu belegen.

So ließ er etwa bereits 2008 einen offiziellen Urteilsbeschluss des Amtsgerichts Simmern in der "Bravo HipHop" abdrucken, durch den seine Verurteilung wegen Besitz und Handel mit Betäubungsmitteln belegt und somit seine Rap-Persona verifiziert werden sollte.[28] Auch von Blume/Kollegah ist ein Hausbesuch bei Fler durch einen inzwischen gelöschten Videoblog dokumentiert.[29]

In diesen Kontexten verhilft ihm sein marokkanischstämmiger Rappartner Farid Bang (bürgerlich Hamed El Abdellaoui) zu mehr "Migrantenauthentizität". Beide sind zudem dafür bekannt, in Battle-Raps statt namenloser Gegner andere Rapacts zu dissen, also zu beleidigen, wodurch sich die Brisanz der Texte drastisch erhöht. Auf dem aktuellen Album wagen sie sich dabei sogar an Bushido ran, weshalb die Rapcommunity bereits auf dessen Reaktion gespannt ist und vielfach wohl auch auf eine gewalttätige Eskalation hofft. Auch Hamad 45 wird in einer Line erwähnt, allerdings nicht in einem Diss, sondern als Referenz für ein doppeldeutiges Wortspiel: "Ich bin Shootingstar so wie Hamad aus Essen." Die Erwähnung zeigt, dass die Persona Hamad 45 als authentische, migrantische Gangster-Figur endgültig im deutschsprachgien Rapdiskurs angekommen ist.

Resümee

Offensichtlich sind Gangster und Gangsta-Rapper zweierlei. Wer wirklich kriminelle Handlungen vollführt, wird in der Regel um Diskretion bemüht sein und nicht öffentlich davon berichten. Von den Zigtausenden von Jugendlichen, die im Amateurbereich Gangsta-Raps verfassen, entsprechen wohl nur die allerwenigsten den Anforderungen an einen echten Gangster. Medienwirksame Vorfälle wie die Schießerei in Oer-Erkenschwick bleiben die Ausnahme. Erfahrungsgemäß kann in den wenigen Fällen, in denen kriminelles Verhalten und Gangsta-Rap korrelieren, zudem nicht davon ausgegangen werden, dass Letzterer ursächlich verantwortlich für Ersteres wäre.

Meine Erfahrungen mit Rapworkshops in sozialen Brennpunkten sprechen vielmehr dafür, dass das engagierte Rappen Jugendliche eher von antisozialem Verhalten abhält oder auch ablenkt, schon allein weil es zeitintensiv ist. Für manche ist es sogar eine Möglichkeit, alternativ zu kriminellen Handlungen durch eine durchaus anspruchsvolle lyrische Sprachpraxis einen realen Statusgewinn im sozialen Brennpunkt zu erzielen. Häufig ist Gangsta-Rap zudem eine der wenigen Möglichkeiten, um mit auffälligen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Mir ist allerdings auch ein Fall bekannt, bei dem ein Jugendlicher aus wohlsituierten Verhältnissen als etwa 13-Jähriger begann, Gangsta-Raps zu produzieren, in der Folge, wohl aus einem Erwartungsdruck heraus, den Kontakt zum (klein)kriminellen Milieu suchte und inzwischen eine Gefängnisstrafe verbüßt. Gerade der neue Voyeurismus im digitalen Zeitalter erhöht den Druck auf die Gangsta-Rapper massiv, ihren Behauptungen gerecht zu werden und den textgenerierten Images lebenswirklich zu entsprechen.

Auch die diskursive Idealisierung und Bagatellisierung von Gewalt, Kriminalität und Sexismus bleibt bedenklich, auch wenn die Akteure selbst dem ausgestellten Lebensstil nicht wirklich entsprechen. Besonders brisant erscheint mir dabei, dass das Stereotyp des kriminellen Migranten stark popularisiert und plausibilisiert wird. Es hat womöglich entscheidenden Anteil am gesellschaftlichen Rechtsruck und lässt zudem eine kriminelle Laufbahn für Migranten als legitime Karriereoption erscheinen.

Der empörte "Moralismus", der sich seitens der Mainstream-Medien im Umgang mit Gangsta-Rap häufig beobachten lässt,[30] das Genre und damit zuweilen auch Rap schlechthin häufig ungeprüft und monokausal zur Ursache von Gewalttätigkeit und Verwahrlosung stilisiert, erscheint mir dennoch überzogen. Teilweise wird der Rapbezug hier geradezu konstruiert, etwa wenn die "Bild"-Zeitung in ihrem Porträt des Attentäters Anders Breivik betont, dieser sei als Jugendlicher "HipHop-Fan" gewesen.[31] Meines Erachtens sollte anstelle der Dämonisierung eher der Dialog zu den Protagonisten gesucht werden. Dieser muss dabei keineswegs unkritisch ausfallen.
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Fußnoten

1.
Das Zitat im Titel des Beitrags stammt aus dem indizierten Song "Mitten in der Nacht" von Bushido aus dem Jahr 2014.
2.
Vgl. etwa Ayla Güler Saied, Rap in Deutschland. Musik als Interaktionsmedium zwischen Partykultur und urbanen Anerkennungskämpfen, Bielefeld 2012; Gabriele Klein/Malte Friedrich, Is This Real? Die Kultur des HipHop, Frankfurt/M. 2003; Stefanie Menrath, Represent What …: Performativität von Identitäten im HipHop, Hamburg 2001.
3.
Vgl. Fabian Wolbring, Die Poetik des deutschsprachigen Rap, Göttingen 2015, S. 155ff.; Angelika Baier, "Ich muss meinen Namen in den Himmel schreiben": Narration und Selbstkonstitution im deutschsprachigen Rap, Tübingen 2012, S. 105ff.
4.
Der Poptheoretiker Simon Frith bezeichnet diese Rezeptionshaltung etwa als ein poptypisches "measuring [of] the performers’ ‚truth‘ to the experiences or feelings they are describing". Vgl. ders., Towards an Aesthetic of Popular Music, in: Richard Leppert/Susan McClary (Hrsg.), Music and Society: The Politics of Composition, Performance, and Reception, Cambridge 1987, S. 133–150, hier S. 136.
5.
Vgl. zum Fremdinterpretationstabu im Rap Wolbring (Anm. 3), S. 147ff.
6.
Rüdiger Zymner, Lyrik. Umriss und Begriff, Paderborn 2009, S. 19.
7.
Vgl. Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 1959, S. 45ff.
8.
Vgl. zu einem entsprechenden Umgang mit Gangsta-Rapper Bero Bass in der Nachrichtensendung "Guten Abend RTL" Fabian Wolbring, Authentizität im Rap, in: Corinna Schlicht (Hrsg.), Identität, Oberhausen 2010, S. 166–181, S. 272f. (Literaturverzeichnis).
9.
Vgl. etwa Hans-Georg Soeffner, Gewalt als Faszinosum, in: ders./Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.),Gewalt: Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme, Frankfurt/M. 2004, S. 62–86.
10.
Vgl. zu den spezifischen Formen von Coolness im Rap Wolbring (Anm. 3), S. 434ff.
11.
Vgl. Peter Schran, Heldenkult am Stadtrand – Wie Gangster zu Vorbildern werden, WDR-Fernsehfilm, 24.9.2010.
12.
Vgl. o.A., Animus über seinen Hausbesuch bei Fler: "Er hat angefangen mit Flaschen zu schmeißen!", 28.4.2016, http://www.spit-tv.de/behind-the-scenes/animus-ueber-seinen-hausbesuch-bei-fler-er-hat-angefangen-mit-flaschen-zu-schmeissen«. Siehe auch Martin Seeliger/Marc Dietrich, Gangsta-Rap-Analyse als Gesellschaftsanalyse, in: dies. (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap II. Popkultur als Kampf um Anerkennung und Integration, Bielefeld 2017, S. 7–36.
13.
Zu Kollegahs Angriff auf einen Fan, der ihm bei einem Konzert in Leipzig die Brille vom Gesicht nahm, existieren etwa mehrere entsprechende Amateurvideos. Vgl. etwa Hiphopticker, Kollegah schlägt Fan K.O. in Leipzig: Videos, Hintergrund & Reaktionen, 19.3.2017, http://www.youtube.com/watch?v=p32zG2pWVTs«.
14.
Michael Engelberg/Andreas Wegener, Nach Schuss auf Bushido-Kumpel. Gangsta-Rapper auf der Anklagebank, 20.12.2017, http://www.bild.de/-54251648.bild.html«.
15.
Hannes Loh bezeichnet die große Präsenz der Mittelschicht sowohl aufseiten der Produzenten wie der Rezipienten in den 1990er Jahren abfällig als "deutsche[n] Sonderweg", da sie so in anderen Sprach- und Kulturräumen nicht zu beobachten sei. Vgl. Hannes Loh, Deutschrap zwischen Ghetto-Talk und rechter Vereinnahmung, in: Klaus Neumann-Braun/Birgit Richard (Hrsg.), Coolhunters. Jugendkulturen zwischen Medien und Markt, Frankfurt/M. 2005, S. 111–129, hier S. 113.
16.
Vgl. hierzu die Einschätzung von Anja Käckenmeister, Warum so wenig Frauen rappen – Ursachen, Hintergründe, Antworten, Saarbrücken 2008, S. 45: "Doch als im Jahr 2002 plötzlich die Künstler des Labels Aggro Berlin durch extrem harte Texte auf sich aufmerksam machten und aus dem Untergrund in den Mainstream vorstießen, teilt sich die Nation aufgrund einer bis dahin nie dagewesenen Kontroversität in zwei Lager. Während die einen die veröffentlichten Tonträger als ersten richtigen deutschen HipHop lobten, da sich die Künstler mit realen Themen aus sozialen Brennpunkten auseinandersetzen, kritisieren die Gegner vor allem die sexistischen, Gewalt verherrlichenden Texte."
17.
Arnulf Deppermann, Was sprichst du?, in: Neumann-Braun/Richard (Anm. 15), S. 67–83, hier S. 72.
18.
Michael Rappe, Under Construction. Kontextbezogene Analyse afroamerikanischer Popmusik, Bd. 1, Köln 2010, S. 64. Vgl. auch Kimiko Leibnitz/Marc Dietrich, Schlaglichter auf das Gangster-Motiv in der amerikanischen Populärkultur, in: Marc Dietrich/Martin Seeliger (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap. Sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen, Bielefeld 2012, S. 309–345.
19.
Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Offizielle Deutsche Charts, Top 100 Album-Jahrescharts, 3.1.2018, http://www.offiziellecharts.de/charts/album-jahr«.
20.
Vgl. Jörn Hasselmann, Rapper Fler nach TV-Auftritt mit Messer angegriffen, 29.11.2007, http://www.tagesspiegel.de/1107574.html«; Steffen Hallaschka/Kenneth Glöckler, Stern TV, RTL, 9.10.2013.
21.
Siehe http://www.youtube.com/watch?v=59SddbQFfgE«.
22.
Das Buch sollte ursprünglich in Anspielung auf Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab" den Titel "Deutschland schafft das" tragen.
23.
Bushido/Lars Amend, Bushido, München 2008.
24.
Anis Mohamed Youssef Ferchichi/Marcus Staiger, Auch wir sind Deutschland. Ohne uns geht nicht. Ohne euch auch nicht, München 2013, S. 80.
25.
Vgl. Selfmade Records, Pressemitteilung, 19.5.2014, http://www.facebook.com/SelfmadeRecords/posts/10152010254205059?fref=nf«.
26.
Vgl. GfK (Anm. 19).
27.
So rappt etwa Spongebozz im Spongebob-Schwammkopf-Kostüm oder der Rapper Entetainment mit Entenmaske.
28.
Vgl. Bravo HipHop Special 21/2008, S. 26f.
29.
Vgl. Spit-TV, Farid Bang, Kollegah & Majoe besuchen Fler in Berlin, 27.1.2014, http://www.spit-tv.de/neu/farid-bang-kollegah-majoe-besuchen-fler-in-berlin«.
30.
Vgl. etwa Tony Mitchell, HipHop und die Aborigines: Die moderne Corroboree, in: Karin Bock/Stefan Meier/Gunter Süss (Hrsg.), HipHop Meets Academia, Bielefeld 2007, S. 39–59, hier S. 43: "Diese Inszenierungen bieten Politikern und Experten Anlass, solche Musikformen für einen vermeintlich schlechten Moralzustand der Jugend verantwortlich zu machen."
31.
O.A., Anders Behring Breivik: Das kranke Hirn eines Muttersöhnchens, 26.7.2011, http://www.bild.de/-19046534.bild.html«.
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