Afrika Bambaataa - Konzert in London

23.2.2018 | Von:
Marcus Staiger

Antisemitismus im deutschen Rap - Essay

Die deutsche Presse ist sich sicher: Deutscher Rap hat ein Antisemitismusproblem, und die noch nicht restlos integrierten Immigranten aus den vorwiegend muslimischen Teilen dieser Welt gleich mit. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema deutlich zugenommen. Die meisten Beiträge wiederholen sich und bringen dabei einiges durcheinander.

So wird beispielsweise immer wieder betont, dass nicht nur Personen mit Migrationshintergrund latent anfällig für antisemitisches Gedankengut seien, aber dennoch im selben Atemzug nachgefragt, ob Deutschland ein importiertes Antisemitismusproblem habe. Anhand von zwei bis drei gebetsmühlenartig zitierten Textzeilen wird versucht zu belegen, dass ein ganzes Musikgenre tendenziell antisemitisch sei, und die immer gleichen Experten werden zu den immer gleichen Fragen befragt, wobei sich diejenigen nie äußern, die für die Textzeilen verantwortlich sind. Der Angriff auf einen Rabbiner in Berlin-Steglitz wird ebenso als Beweis für eine neue Qualität des Judenhasses in Deutschland herangezogen wie die Protestaktionen gegen die Entscheidung der USA, ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, als wären Schläge und Proteste dasselbe.

Wenn sich dann wiederum Rapper mit teilweise muslimischem Migrationshintergrund in ungelenkem Antiimperialismus und kritikloser Solidarität mit der palästinensischen Sache zu Wort melden, ist sofort klar: Hier wollen sich Leute dem staatlich auferlegten Kampf gegen Antisemitismus, zu dem in Deutschland Solidarität mit dem Staat Israel gehört, nicht anschließen, was ihnen dann neben einem Antisemitismusvorwurf auch den Tadel einbringt, dass sie sich nicht richtig in die deutsche Wertegemeinschaft integrieren würden. So entsteht eine Zirkelargumentation, die sich immer wieder selbst befeuert und nur der Versicherung des eigenen Standpunktes dient.

Dass auf der Seite der Beschuldigten die gleichen Fehler gemacht werden, macht es nicht besser. Da wird ein regionaler Konflikt, der die meisten Menschen persönlich überhaupt nicht betrifft, zu einer Sache zwischen Muslimen und dem Rest der Welt stilisiert. Da wird der Einwand, mit der deutsch-jüdischen Geschichte nichts zu tun zu haben, mit einem Freifahrtschein für Vorurteile und Ressentiments verwechselt, was dazu führt, dass jüdische Menschen weltweit zur Verantwortung für die Politik eines kleinen Landes im Nahen Osten gezogen werden. Da wird von dunklen Hintermännern des Zinsgeldsystems gesprochen, von Zionisten, die auch für die Bankenkrise, diverse Kriege und den Bau einer Sperranlage zwischen Israel und dem Westjordanland verantwortlich sind. Da wird Kritik an der israelischen Besatzungspolitik durch die Unterstellung torpediert, die Israelis würden aus purer Bosheit und reiner Lust am Töten handeln. Und schließlich wird die Kritik an dieser Art von Kritik als Beleg dafür genommen, dass man sowieso nicht offen über solche Sachen sprechen dürfe in diesem Land, weil die Macht der Zionisten beziehungsweise Juden so groß sei, woraufhin auch hier ein Zirkelschluss entsteht.

Diese verschiedenen Stränge zu entwirren und das eine vom anderen abzugrenzen, wäre die Aufgabe von Medien, Politik und Pädagogik, die allerdings in Deutschland aufgrund der speziellen deutsch-jüdischen Geschichte mit äußerster Vorsicht angegangen wird. Entsprechend verquer und verklemmt wird Antisemitismus diskutiert – Missverständnisse, Unterstellungen und Vorverurteilungen eingeschlossen. Es wäre dringend notwendig, das zu ändern.

Vorstellungen wie jene, dass "die Juden" die Welt beherrschen und etwas ganz Eigenes an sich haben, tauchen immer wieder in deutschsprachigen Raptexten auf. Zugleich werden aufgrund der Vorstellung, dass jeder Jude für die Entscheidungen der israelischen Regierung verantwortlich sei, jüdische Kinder auf dem Schulhof zusammengeschlagen. Was das eine aber mit dem anderen zu tun hat und worin die Gründe für diesen Judenhass zu suchen sind, ist nicht ganz so klar und soll im Folgenden ausgeleuchtet werden.

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Autor: Marcus Staiger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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