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23.2.2018 | Von:
Marcus Staiger

Antisemitismus im deutschen Rap - Essay

Drei Perspektiven und eine Sackgasse

Das Dilemma der medialen Diskussion spiegelt sich in drei älteren Beiträgen wider: Auf der einen Seite tritt eine besorgte Öffentlichkeit auf, die irgendwie fühlt, dass sich eine Art von Antisemitismus neuer Qualität zusammenbraut und sich deshalb mit Inbrunst auf Textzeilen stürzt, die etwa das Wort "Jude" mit "Kokain" und "Börse" in Zusammenhang bringen, und sich an "antiisraelischen" Statements in Rapsongs stört. Auf der anderen Seite steht ein Kommentator, der diese Vorwürfe als verzweifelte Suche nach dem "Bigfoot" abtut und ein Dritter, der das Ganze einzuordnen versucht.

Den Aufschlag macht am 16. April 2012 der Journalist Boris Peltonen in einem Beitrag auf "Welt Online", in dem er anhand von Textzeilen der Rapper Haftbefehl, Celo und Abdi versucht, dem deutschen Rap ein Antisemitismusproblem nachzuweisen.[1] Dabei legt er den Grundstein für das, was die Debatte in den kommenden Jahren so schwierig und verfahren machen wird: Er vermengt die muslimische Herkunft der Protagonisten mit dem Image von Gangsta-Rap und stellt beides in einen direkten Zusammenhang mit dem terroristischen Anschlag eines jungen Franko-Algeriers, der einen Monat zuvor in Toulouse mehrere jüdische Schüler erschossen hat und früher einmal Gangsta-Rapper gewesen sein soll. Er vermengt die persönliche Geschichte des jüdischen Berliners iranischer Herkunft Arye Sharuz Shalicar, der aufgrund seines Jüdisch-Seins von seinen oftmals muslimischen Mitschülern angegriffen und gedemütigt wurde, mit den palästinasolidarischen und antizionistischen Statements von Celo und Abdi. Er erklärt die plumpen Provokationen aus dem Hause Azzlack, die mit den Versatzstücken der gescheiterten deutschen Herrenrasse spielen, als neue Geisteshaltung einer Generation von Einwanderern und Gangsta-Rappern und ist sich sicher, dass Celo und Abdi ihr Album "Hinterhofjargon" nur deshalb so genannt haben, weil man es mit "HJ" abkürzen kann.

Der Journalist Stefan Zehentmeier reagiert einige Tage später auf der Plattform "Vice" mit einer Replik, in der er Peltonen vorwirft, endlich etwas gefunden haben zu wollen, das gar nicht existiere, nämlich "Nazirap von kahlgeschorenen Skinheads".[2] Dabei übersieht er, dass es Peltonen gar nicht um Rechtsrap von sogenannten Biodeutschen geht, sondern explizit um Statements von migrantischen Jugendlichen, und führt diesen Umstand sogar als Beleg dafür an, dass Rap überhaupt nicht rassistisch und antisemitisch sein könne, weil er gerade von migrantischen Jugendlichen gemacht werde.

Wörtlich schreibt er: "Zugleich hat es die HipHop-Bewegung in den Folgejahren geschafft, sich von vielen gesellschaftlichen Mechanismen zu lösen – und zuletzt großflächig eben auch von rassistischen Motiven. Als Parallelkultur wird man nicht nach sozialer Herkunft beurteilt, sondern nach dem, was man kann und zu leisten bereit ist. Nicht nur musikalisch hat sich das Genre geöffnet, es zählen dicke Georgier wie Action Bronson (ebenfalls mit jüdischen Wurzeln) oder ein Kosha Dillz zum Gesamtbild HipHop. Jude zu sein, ist beinahe hip geworden – das demonstriert nicht zuletzt niemand geringerer als Megastar Drake, der in seinem aktuellen Video ‚HYFR‘ mal eben zusammen mit Lil Wayne seine Bar Mitzwa nachfeiert."[3]

Dieser etwas naiven Sichtweise auf Rap als per se antirassistische und weltverbindende Hippiemusik entgegne ich mit dem Hinweis, dass es vielmehr um ein unterschwelliges Problem geht: "Bei den angesprochenen Symptomen [handelt es sich] eher um Begleiterscheinungen und Stimmungen innerhalb der Szene als um einzelne Rhymes und Textpassagen, was wiederum darauf hinweist, dass es sich um ein Gedankengutproblem außerhalb des radikal-künstlerischen Schaffens handelt. Ein Problem, das nicht besser wird, je länger es hinter vorgehaltener Hand und unterhalb der Wahrnehmungsgrenze vor sich hinköchelt. So let’s talk offen."[4]

Mir fallen mehrere Beispiele ein, die durchaus als antisemitisch einzustufen sind: eine Situation während der Dreharbeiten zu der "Rap.de"-Reportage "Juden und Araber in Berlin", in der einer der Interviewten auf die Frage, wie der Nahostkonflikt zu lösen sei, mit den Worten "ein neuer Adolf muss her" antwortet; ein deutschsprachiger Rapper, der im Interview mit "Rap.de" darüber sinniert, dass man Israel ja nicht kritisieren dürfe, weil ansonsten der Mossad möglicherweise eine U-Bahn entgleisen lassen könnte; der Rapper und spätere IS-Kämpfer Deso Dogg, wie er auf einer Bühne am 1. Mai in Berlin-Kreuzberg die Hisbollah-Fahne schwenkt, und die euphorischen Reaktionen des Publikums auf jedes antiisraelische Statement, die weit über die Beifallsbekundungen zu anderen politischen Äußerungen hinausgehen; und selbst im internationalen Rapvergleich ist es durchaus geläufig, sich abfällig über jüdische Menschen zu äußern, so zum Beispiel Ice Cube, der gegen den weißen, jüdischen Manager von Eazy-E hetzte.

All das sind Phänomene, an denen man zwar nicht und vor allem nicht in jedem Einzelfall ein geschlossenes antisemitisches Weltbild festmachen, aber doch durchaus die Tendenz ablesen kann, dass die alten stereotypen Zuschreibungen gegenüber jüdischen Menschen noch immer existieren und sich teilweise auch mit Kritik an der Politik Israels vermischen und in den Köpfen jeder Menge junger Leute herumschwirren. Der fromme Wunsch, offen darüber zu sprechen, um herauszufinden, wie tief sich diese alten Vorurteile bereits eingegraben haben oder wo es sich nur um bloße Provokation handelt, welche Rolle Vertreibung, Geschichte und Kolonialismus dabei spielen und wo man als Erbin und Erbe einer deutsch-jüdischen Geschichte auch eine andere Geschichte anerkennen muss, hat sich bis heute nicht erfüllt.

Was auf diesen Wortwechsel folgte, war jede Menge Kritik und Unmut aus allen möglichen Ecken. Auf der einen Seite beschwerten sich die angesprochenen Rapper, die sich gegen den Antisemitismusverdacht zur Wehr setzten und ihre Statements nur als Kritik an der Politik Israels verstanden wissen wollten. Auf der anderen Seite klagten all jene, die der palästinasolidarischen Position zu viel Verständnis entgegengebracht sahen.

Dabei wurde offensichtlich, dass ein offener Diskurs in Deutschland durch die besondere Ausgangslage eher schwierig werden würde und immer wieder in eine Sackgasse führt, weil er zwei Dinge unablässig miteinander verknüpft, die getrennt voneinander behandelt werden müssten: Antisemitismus an sich, also die Ausgrenzung, Stigmatisierung und Anfeindung von jüdischen Menschen auf der einen Seite und die deutsche Solidarität mit dem Staat Israel auf der anderen Seite. Die Verquickung dieser beiden Themenfelder macht die Diskussion über Rap und Antisemitismus so verworren. Denn dadurch wird der Nahost-Konflikt immer gleich mitverhandelt, an dem sich ganz harte ideologische Grenzen auftun, die in den meisten Fällen – und das ist das Tragische daran – überhaupt nichts mit dem Nahost-Konflikt, sondern immer nur etwas mit dem eigenen Standpunkt zu tun haben.

Fußnoten

1.
Vgl. Boris Peltonen, "Kokain an die Juden von der Börse", 16.4.2012, http://www.welt.de/kultur/musik/article106182968«.
2.
Stefan Zehentmeier, Die hoffnungslose Suche nach deutschem Nazi-Rap, 20.4.2012, http://www.vice.com/de/article/vdnb84/musik-die-hoffnungslose-suche-nach-deutschem-nazi-rap-celo-abdi-fler-welt-online«.
3.
Ebd.
4.
Marcus Staiger, Keiner will was gesagt haben. Antisemitismus im deutschen Rap, in: Spex 339/2012, S. 34, https://archive.is/OHfVS«.
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Autor: Marcus Staiger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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