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23.2.2018 | Von:
Marcus Staiger

Antisemitismus im deutschen Rap - Essay

Bestandsaufnahme

Die Diskussion über Antisemitismus im deutschsprachigen Rap dreht sich überwiegend um gewisse Codes in Raptexten, bei denen allerdings nicht immer klar ist, ob sie seitens der Sprechenden das transportieren sollen, was die Kritisierenden verstehen wollen. Offen zur Schau getragener Judenhass ist in Raptexten äußerst selten. Das einzige offen antijüdische Statement eines deutschsprachigen Top-Ten-Rappers stammt aus einem Song von Haftbefehlt, den dieser als 16-jähriger aufgenommen hat. Darin heißt es:

Ein Grund für die Bullen du bist Moslem du wirst observiert
Du nennst mich Terrorist ich nenne dich Hurensohn
Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum
Habe euch durchschaut und sage das zu eurem Krieg
Ihr wollt nur Waffen verkaufen und die Taschen voll mit Kies

Hierbei ist interessant, wie die eigene Rassismus- und Diskriminierungserfahrung als junger, männlicher, muslimischer Mensch mit der weltpolitischen Lage in Zusammenhang gebracht wird, in der ein US-Präsident genauso als Unterdrücker wahrgenommen wird wie die Offenbacher Polizei und das Judentum, das dafür in Haftung genommen wird, dass im Westjordanland und dem Gazastreifen ein jüdischer Nationalstaat als Besatzungsmacht gegenüber einer überwiegend muslimischen Bevölkerung auftritt.

Jahre später distanzierte sich Haftbefehl in einem Interview von seinem Frühwerk und erklärte: "Ich war dumm. Heute halte ich jede Religion für gleichwertig und gut. Hauptsache, der Mensch glaubt. An Gott. Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht. Es gibt ja auch keine dort. Ich will Ihnen verraten, wie ein 16-jähriger Offenbacher tickt: Für den ist alles, was mächtig ist und reich, aus seiner beschränkten Sicht jüdisch. Er hängt mit anderen 16-Jährigen herum. Sie hassen alles. Deutsche sind für sie Kartoffeln. Davon habe ich mich freigemacht."[5]

Dabei bleibt allerdings die Frage offen, warum gerade "den Juden" diese besondere Macht zugeschrieben wird. Schließlich dürfte die reale Macht der hessischen Landesregierung in Offenbach durchaus greifbarer sein als die herbeifantasierten Machenschaften einer jüdischen Weltverschwörung.

Trotz allem haben gerade diese Bilder in deutschen Raptexten eine lange Halbwertszeit und kommen immer wieder vor. Das liegt zum einen an der besonderen Beschaffenheit von Rapmusik, in der es auch immer wieder darum geht, eine klare Trennlinie zwischen sich und einem imaginierten Gegner zu ziehen. Das Prinzip des Battle-Raps funktioniert eben auch außerhalb der reinen Battle-Rap-Arena und lebt davon, die Welt in schwarz und weiß darzustellen. Damit hat es sehr viel mit anderen popkulturellen Erzählungen wie "Star Wars" gemein, in denen es auch eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse gibt. Allerdings eignet sich dieses Prinzip nicht unbedingt als Grundlage für einen differenzierten Diskurs über das Weltgeschehen.

Zugleich hat sich das Weltbild der Protagonisten vor dem Hintergrund der Moral einer bürgerlichen Gesellschaft geformt, die Krisen und Katastrophen auf individuelles Fehlverhalten zurückführt. Wenn es weltweit zu einer Bankenkrise kommt, wird selten und dann äußerst verhalten nach der Sinnhaftigkeit des ganzen Systems gefragt, sondern eher die exzessive Gier einzelner Banker an den Pranger gestellt. Wenn man dann auch noch seine weltpolitische Bildung aus Youtube-Veröffentlichungen wie "Zeitgeist" oder "Die 13 satanischen Blutlinien" bezieht, wird es nicht unbedingt fortschrittlicher. Und so tauchen auch in deutschsprachigen Raptexten die verschiedenen Formen des Antisemitismus auf, von denen insbesondere drei im HipHop-Kontext relevant sind.[6]

Eine noch eher untergeordnete Rolle spielt der sekundäre Antisemitismus – eine Art Schuldabwehr, bei der mit Blick auf den Holocaust eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird und Juden bezichtigt werden, zum Teil selbst schuld an ihrer Verfolgung gewesen zu sein oder diese inszeniert zu haben, um nun davon zu profitieren und die Deutschen am Gängelband zu führen. Die dazugehörende Vorstellung, dass es sich bei "den Juden" um ein einheitliches Kollektiv handelt, das ein gemeinsames Interesse verfolgt und mit einer ihm zugeschriebenen Macht Einfluss auf den öffentlichen Diskurs nimmt, taucht zum Beispiel im Song "Contraband" von Snaga und Fard auf, wenn Snaga zunächst "kontra Bilderberger, Volksverräter, Hintermänner" sowie "kontra Zins, kontra Schuld, kontra Geduld" wettert. Dass dann auch noch ein "und ja, pro Todesstrafe für Kinderschänder" hinterhergereicht wird, passt in ein Argumentationsmuster, das an die NPD erinnert.

Weitaus prominenter sind im deutschsprachigen Rap Verschwörungstheorien mit antisemitischen Stereotypen. In einer Welt, die oft schwer durchschaubar erscheint, versprechen Verschwörungstheorien Halt und Sinnstiftung, wobei dies kein Privileg der Rapzunft ist: Krisenzeiten sind Verschwörungszeiten, und selbst in der Bundesrepublik ist das Bewusstsein dafür vorhanden, dass die globalen Erschütterungen näher kommen, und mit ihm die Angst. Dann kommen die einen auf die Idee, der "Zustrom" von Millionen von Flüchtlingen sei von den USA organisiert und diene einer großen "Umvolkung", während die anderen meinen, dass ohnehin alles von einer Handvoll Dunkelmänner gesteuert sei. Widersprüche werden konsequent zum Ergebnis eines Fehlverhaltens einiger weniger umgedeutet, sodass die Welt wieder in Gut und Böse organisiert ist.

So funktioniert Popkultur, so funktioniert Populismus und so funktioniert auch Rap stellenweise. Daher ist auch nicht verwunderlich, dass es in politisch angehauchten Rapsongs vor Illuminaten, Rosenkreuzern und anderen Geheimgesellschaften nur so wimmelt. Der Topos der "New World Order" taucht immer wieder auf, das Zinssystem wird als Grund dafür angesehen, warum es mit dem eigentlich für gut befundenen Kapitalismus nicht so richtig läuft, und bis zur jüdischen Weltverschwörung ist es dann nicht mehr weit. Das macht der Rapper Favorite in seinem Song "Sanduhr" in Zusammenarbeit mit Kollegah vor. Dort heißt es einmal: "Ich leih dir Geld, doch nie ohne ’nen jüdischen Zinssatz." Und an anderer Stelle: "Yeah, Freispruch, wie üblich, ich kann hier halt machen, was ich will dank meines jüdischen Anwalts."

Teilweise reicht der Einfluss dieser angeblichen weltumspannenden jüdischen beziehungsweise zionistischen Lobby sogar bis ins lokale Kioskgewerbe, etwa bei Hassan K., wenn er in seinem Song "Juggernaut" einen klassischen Gut-Böse-Gegensatz aufmacht:

Der Zionist bietet mir Whisky an
Ich sage ich trinke nur Wasser
Er macht jährlich Urlaub in Thailand
Und ich geh in die Heimat.

Das Wort "Zionist" ist einer der angesprochenen Codes und in diesem Zusammenhang nur eine schlechte Tarnung für das, was eigentlich gemeint ist: "der" Jude, der das Böse, den Teufel verkörpert und die Menschen zu unreinen Handlungen wie dem Trinken von Alkohol verführen möchte.

Der Begriff "Zionist" wird immer häufiger als Chiffre für "den Juden" genommen, auch weil damit vordergründig eine Kritik an Israel verbunden wird – und hier wird eine saubere Unterscheidung schwierig. Israelbezogene Kritik wird dann als antisemitisch bezeichnet, "wenn sie alle Jüdinnen und Juden weltweit für die israelische Politik verantwortlich macht, die israelische Politik an Maßstäben misst, die an kein anderes demokratisches Land gesetzt werden, oder wenn dem Staat Israel aufgrund seiner jüdischen Selbstdefinition das Existenzrecht abgesprochen wird".[7]

Dieser sogenannte israelbezogene Antisemitismus wird deutschsprachigen Rappern am häufigsten vorgeworfen. Das ist jedoch nicht unbedingt immer gerechtfertigt, auch wenn einigen deutschen Leitmedien der reine Verdacht und die Behauptung, dass es so sei, für ein Urteil vollkommen ausreichen. Dass Antizionismus, Palästinasolidarität und Kritik an der israelischen Politik sehr oft mit israelbezogenem Antisemitismus gleichgesetzt werden, ist für eine offene Diskussion äußerst hinderlich.

Fußnoten

5.
"Ich bin genauso deutsch wie mein Nachbar Marius", 24.11.2014, http://www.welt.de/kultur/pop/article134638230«.
6.
Vgl. z.B. Armin Pfahl-Traughber, Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus, in: APuZ 31/2007, S. 4–11, http://www.bpb.de/30327«.
7.
Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, Widerspruchstoleranz – ein Methodenhandbuch zu antisemitismuskritischer Bildungsarbeit, Berlin 2017, S. 56.
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Autor: Marcus Staiger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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