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23.2.2018 | Von:
Marcus Staiger

Antisemitismus im deutschen Rap - Essay

Fetisch Nahost-Konflikt?

So sehen sich Rapper wie Massiv, dessen Großeltern aus Palästina vertrieben wurden, oder auch palästinensischstämmige Rapper wie Ali Bumaye Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt, weil sie sich in Songs teilweise sehr sentimental mit der Heimat ihrer Eltern und Großeltern beschäftigen und die Missstände der israelischen Besatzungspolitik zur Sprache bringen – zweifellos einseitig, aus Sicht der Betroffenen und Unterlegenen, ohne ausgewogene und differenzierte Betrachtungsweise, aber warum auch nicht? Schließlich handelt es sich bei Rap um Kunst, die radikal und parteiisch sein darf. Dass Differenziertheit aber fehlt, wird den Künstlern in diesem Fall häufig zum Vorwurf gemacht, erst recht wenn sie keine direkten verwandtschaftlichen Verhältnisse in die Region unterhalten.

Allerdings begehen diejenigen, die Kritik an der israelischen Regierung als antisemitisch diffamieren, denselben Fehler im Umkehrschluss, indem sie jeglichen verbalen Angriff auf die Politik Israels als Angriff auf alles Jüdische umdeuten.

Nun kann sicherlich mit einiger Berechtigung gefragt werden, woher die zum Teil geradezu fetischhafte Beschäftigung mit dem Nahost-Konflikt im deutschsprachigen Rap herrührt. Dabei muss in Betracht gezogen werden, dass sich aus Sicht vieler junger Muslime in Deutschland ihre eigenen Erfahrungen und das Schicksal von Millionen von Muslimen im Nahen Osten wie unter einem Brennglas konzentrieren – etwa dass ein Großteil der muslimischen Welt seit über zwei Jahrhunderten immer wieder Erfahrungen mit westlichem Imperialismus machen musste oder dass Muslime in westlichen Ländern um Anerkennung ringen und häufig unter Generalverdacht stehen, alles Mögliche zu sein, nur keine guten Staatsbürger. Die verhaltene Kritik an der israelischen Siedlungs- und Besatzungspolitik vonseiten der Bundesregierung empfinden viele als heuchlerisch und doppelmoralisch, zumal diese sonst sehr schnell dabei ist, die Wahrung der Menschenrechte anzumahnen, wenn es ihr in den Kram passt. Diese Art empfundener Ungerechtigkeit sowie die damit einher gehende Provokation samt den hysterischen Reaktionen der Öffentlichkeit machen es wohl so interessant, das Thema immer wieder aufs Neue in Raptexten zu verarbeiten.

Es sei einmal dahingestellt, inwieweit es sich bei solchen Texten tatsächlich um selbst erfahrenes Unrecht, ein Gefühl oder sonstige künstlerische Aneignung handelt, ob und inwieweit eine eingehende Beschäftigung mit dem Thema erfolgt ist oder es sich schlicht um einen Trend handelt. Das Urteil der deutschen Öffentlichkeit fällt durchweg negativ aus: Den Protagonisten werden antisemitische Tendenzen unterstellt, und die mangelnde Israelsolidarität wird als Mangel an Fähigkeit und Willen ausgelegt, sich in den deutschen Wertekonsens zu integrieren. Und an dieser Stelle geht es dann auch nicht mehr um den Nahost-Konflikt an sich, um eine sachliche Beurteilung dessen, was dort passiert und wie das in den Songtexten auftaucht, sondern nur noch darum, welche Position man dazu einzunehmen hat.

"Das zeigt, dass wir in Deutschland nie darüber sprechen, was hier im Nahen Osten wirklich stattfindet, sondern immer nur über uns", sagt Tsafrir Cohen, der Leiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv, dazu. "Das ist alles so selbstzentriert und hat überhaupt nichts mit der Zukunft des Landes Israel zu tun, sondern nur damit, wie wir selbst mit der Nazivergangenheit umgehen. Mit der Frage: Wer sind wir? Das Problem ist aber zu groß, um sich nur mit sich selbst zu beschäftigen, weil Deutschland ja auch Einfluss auf diese Region hat."[8]

Was tun?

An dieser Stelle müsste ein vollkommen neuer Denkansatz her, vor allem auch, wenn es tatsächlich darum geht, das Aufflackern eines neuen Antisemitismus im Keim zu ersticken und man es nicht nur bei staatstragenden Lippenbekenntnissen belassen will. Denn so sehr sich auch das offizielle Deutschland hinter den israelischen Staat und die jüdische Gemeinde stellt, so wenig sich auch die Lage der arabischen Welt im Allgemeinen und die Lage der Palästinenser im Speziellen unter den realen Machtbedingungen der Welt verändert, so bedrohlich ist auch die Situation für jüdische Menschen mitunter im Alltag.

Zwar spielen Homophobie und Sexismus im Rap immer noch eine bedeutend größere Rolle und sind dies auch gesamtgesellschaftlich die wohl dringlicheren Problemfelder, die es zu bearbeiten gilt. Aber nimmt man Rap als Spiegel von Debatten und Gedanken, die gesellschaftlich und besonders unter Jugendlichen verbreitet sind, so ist das Phänomen eben vorhanden.

Das Beharren darauf, dass es sich bei antisemitischen Äußerungen und Übergriffen um einen besonderen Tabubruch handelt, der sich in Deutschland einfach nicht gehört, ist wenig zielführend, geht es dabei doch um Diskriminierung und Rassismus. Solange der Eindruck vermittelt wird, dass es sich hier um eine exklusive Diskriminierung handelt, die aufgrund des exklusiven deutsch-jüdischen Verhältnisses auch exklusiv geahndet wird, und andere Rassismuserfahrungen in diesem Land nicht dieselbe Anerkennung erfahren (siehe NSU-Komplex), solange werden sich gewisse Bevölkerungsschichten nicht davon angesprochen fühlen. Den Horror des Holocaust als Menschheitskatastrophe zu vermitteln, aus dem die gesamte Menschheit ihre Lehren zu ziehen hat, wäre die adäquate Antwort einer Gesellschaft, die sich ernsthaft mit Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung auseinandersetzt.

Denn betrachtet man Rap nicht nur als Spiegel der Gesellschaft, sondern auch als Möglichkeit, die eigene Lebenswelt und Erfahrung sichtbar zu machen, so bietet sich hier die Chance für eine umfassende und ehrliche Diskussion. Diese kann allerdings nur dann erfolgreich geführt werden, wenn man die andere Erzählung gelten lässt und weniger den Tabubruch verurteilt, sondern endlich einmal auch nach dem Warum fragt. Dass die Antworten auf die grundlegenden Fragen der Gegenwart von vielen Rappern falsch beantwortet werden, ist ohne Zweifel, führt aber nicht dazu, dass die Fragen falsch sind. Würde man sich allerdings ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzen, müsste man sich eben auch die Mühe machen, nach den richtigen Antworten zu suchen.

Fußnoten

8.
Tsafrir Cohen im Interview mit dem Autor, Frühjahr 2017.
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Autor: Marcus Staiger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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