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26.5.2002 | Von:
Frank Brunssen

Das neue Selbstverständnis der Berliner Republik

Die Revolution in der DDR und die deutsche Vereinigung markieren eine zentrale Zäsur in der jüngsten deutschen Geschichte. Sie hat zu einem Wandel des deutschen Selbstverständnisses geführt.

Einleitung

Die Revolution in der DDR und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten markieren eine zentrale Zäsur in der jüngsten deutschen Geschichte. Seither sind alle Vorstellungen, alle Auffassungen, alle Anschauungen, die vormals die Jahrzehnte des Kalten Krieges bestimmten, revisionsbedürftig geworden [1] . Eine der wichtigsten Veränderungen von der geteilten Nation zur Berliner Republik betrifft das Selbstverständnis der Deutschen, das heißt die Art und Weise, in der die Menschen sich selbst sehen und von anderen gesehen werden wollen.


In der Nachkriegszeit und den Jahrzehnten der Zweistaatlichkeit war der Blick auf deutsche Geschichte von der fundamentalen Zäsur des Jahres 1945 geprägt; die Jahreszahl markierte den eigentlichen Fixpunkt deutscher Geschichtsbetrachtung. Von vielen Deutschen wurde 1945 zunächst als Zusammenbruch der Nation erlebt, in der Folge von Intellektuellen auch als Zivilisationsbruch begriffen und schließlich seit Mitte der achtziger Jahre vorwiegend von den Nachgeborenen als Befreiung vom Nationalsozialismus verstanden. Aufgrund der Singularität der deutschen Verbrechen wurde die Hitler-Diktatur nicht selten als katastrophischer Kulminationspunkt oder sogar als Synonym für die deutsche Geschichte schlechthin betrachtet. Sowohl die Bundesrepublik als auch die Deutsche Demokratische Republik waren daher von Anfang an bemüht, ihr demokratisches Selbstverständnis und ihre historische Legitimität durch die entschiedene Negation ihres geschichtlichen Vorgängers, des Dritten Reichs, zu rechtfertigen.

Mit dem Umbruch von 1989/90 wurde diese Form der Geschichtsbetrachtung einer Neubewertung unterzogen, die zu einer bemerkenswerten Perspektivenverschiebung führte: Die historiographische Fixierung auf 1945 wurde gelockert zugunsten einer affirmativeren Wahrnehmung der Bundesrepublik, deren fünfzigjährige Existenz heute von zahlreichen Deutschlandexperten als "Erfolgsgeschichte" [2] begriffen wird. Diese Lesart wurde von prominenten Kritikern wie Jürgen Habermas gleichwohl als eine neue "historische Interpunktion" [3] gedeutet, die von Revisionisten mit der Absicht angestrebt werde, den Einschnitt von 1945 zu relativieren, um eine unkritische Normalität im vereinigten Deutschland zu etablieren.

Fußnoten

1.
Vgl. Christian Meier, Über Deutschland und die Deutschen, in: Georg Kohler/Martin Meyer (Hrsg.), Die Folgen von 1989, München - Wien 1994, S. 47.
2.
Vgl. Arnulf Baring, Es lebe die Republik, es lebe Deutschland! Stationen demokratischer Erneuerung 1949-1999, Stuttgart 1999, S. 279; Axel Schildt, Ankunft im Westen. Ein Essay zur Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, Frankfurt/M. 1999.
3.
Jürgen Habermas, 1989 im Schatten von 1945. Zur Normalität einer künftigen Berliner Republik, in: ders., Die Normalität einer Berliner Republik, Frankfurt/M. 1995, S. 171; vgl. auch Jürgen Kocka, Vereinigungskrise. Zur Geschichte der Gegenwart, Göttingen 1995, S. 30, 33; 83.