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Leitkultur als Wertekonsens

Bilanz einer missglückten deutschen Debatte


26.5.2002
Im Rahmen eines Versuchs, eine Bilanz aus der Leitkultur-Debatte zu ziehen, wird diese These formuliert: Wie jeder Mensch eine personale Identität hat, so besitzt auch jede Großgruppe eine kollektive Identität.

I. Abschnitt



Mit dem von mir geprägten Begriff einer europäischen (nicht deutschen) Leitkultur als demokratischer, laizistischer sowie an der zivilisatorischen Identität Europas orientierter Wertekonsens zwischen Deutschen und Einwanderern habe ich als syrischer Migrant versucht, eine Diskussion über Rahmenbedingungen von Migration und Integration auszulösen [1] . Der Anspruch dabei ist ein doppelter: Wir integrierten Migranten wollen mitreden und nicht länger dulden, dass bestimmte Deutsche als unser Vormund auftreten; ferner gilt es, die Diskussion endlich in rationale Bahnen zu lenken.

Zunächst sei jedoch eine Selbstverständlichkeit für diese Diskussion erwähnt: Eine ethnische Identität kann nicht erworben werden, beispielsweise kann ein Türke nicht Kurde oder ein Deutscher kein Araber werden [2] . Aber eine zivilisatorische, an Werten als leitkulturellem Leitfaden orientierte Identität - z. B. die Identität des Citoyen im Sinne der Aufklärung - kann erworben werden. So kann ich als Araber, wenn die Definition des Begriffes "deutsch" "entethnisiert" wird, in der Bestimmung als Wahldeutscher ein Verfassungspatriot (im Sinne von Sternberger und Habermas), jedoch ethnisch kein Deutscher werden.

Was aber ist unter nationaler Identität zu verstehen? Es lässt sich hier zwischen gewachsenen und konstruierten Identitäten unterscheiden:

Die gewachsene Identität kann ethnisch-exklusiv sein - wie z. B. beim Deutschtum, Arabertum, Turktum - oder demokratisch offen wie z. B. die französische Identität des Citoyen [3] oder die angelsächsische des Citizen. Aus diesem Grunde gibt der Soziologe Reinhard Bendix [4] England und Frankreich, nicht Deutschland, als Modell für die westlichen Demokratien an [5] ; in diesem Sinne spreche ich von europäischer, nicht von deutscher Leitkultur.

Konstruierte Identitäten sind sowohl in klassischen Einwanderungsländern (USA, Kanada und Australien) erforderlich als auch in Ländern der "Dritten Welt", die nach der Entkolonialisierung eine ethnisch gemischte Bevölkerung haben (z. B. Nigeria mit ca. 60 Ethnien oder Senegal mit 13 Ethnien). In den USA ist die übergeordnete und von allen geteilte Identität des Amerikaners: "color blind, ethnicity blind, religion blind"; sie basiert auf der Bejahung der Werte der American constitution und des American way of life [6] . In den USA gibt es kulturelle Vielfalt im Rahmen des gesellschaftlichen Pluralismus [7] stets mit Wertekonsens - im Gegensatz zum Multi-Kulturalismus, der Wertebeliebigkeit kulturrelativistisch propagiert, also keine Leitkultur zulässt und somit zur "Disuniting of America" beitragen würde [8] .


Fußnoten

1.
Vgl. Bassam Tibi, Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, München 1998 (Taschenbuch-Ausgabe mit dem Untertitel: Leitkultur oder Werte-Beliebigkeit, Berlin 2000).
2.
Die Rolle der Ethnizität gehört zum Kern der zu diskutierenden Problematik, aber die Standardwerke hierüber sind bezeichnenderweise in englischer, nicht in deutscher Sprache verfasst, z. B. Donald L. Horowitz, Ethnic Groups in Conflict, Berkeley 1985; John Hutchinson/Anthony Giddens (Hrsg.), Ethnicity, Oxford 1996.
3.
Zum Vergleich Deutschland-Frankreich s. u. a. Rogers Brubaker, Citizenship and Nationhood in France and Germany, Cambridge, Mass. 1992, S. 75 ff.
4.
Vgl. Reinhard Bendix, Von Berlin nach Berkeley. Deutsch-jüdische Identitäten, Frankfurt/M. 1985.
5.
Vgl. ders., Könige oder Volk, 2 Bde., Frankfurt/M. 1980.
6.
Vgl. Peter D. Salins, Assimilation, American Style. An Impassioned Defense of Migration, New York 1997.
7.
Vgl. John Keks, The Morality of Pluralism, Princeton, N.J. 1993.
8.
Arthur Schlesinger, The Disuniting of America. Reflections on a Multicultural Society, New York 1998.