Mann hält eine EU-Flagge und eine polnischen Flagge, die miteinander verknotet sind.

2.3.2018 | Von:
Wolfgang Templin

Die Zweite Polnische Republik 1918–1939. Fakten, Mythen und Legenden

Die Feiern zur deutschen Wiedervereinigung erinnern in Bildern und Atmosphäre häufig eher an eine große Familienfeier als an einen mit Glanz und Leidenschaft begangenen Staatsfeiertag. Das ist vor allem der deutschen Geschichte geschuldet und auch gut so. Der Unabhängigkeitstag in den USA und der 14. Juli in Frankreich haben dagegen eine viel stärkere Symbolkraft und drücken den Stolz auf die Gründungsakte der jeweiligen Republiken und Demokratien aus. In anderer Weise gilt das fast noch stärker für Polen. Dort wird stets am 11. November an die Gründung der Zweiten Polnischen Republik 1918 erinnert: Nach 123 Jahren der Teilung durch Preußen, Österreich-Ungarn und Russland erlangte das Land damals endlich seine Unabhängigkeit, die zunächst jedoch nur zwei Jahrzehnte hielt.

In den Stolz hat sich zuletzt aber auch ein Gefühl der Zerrissenheit gemischt. In den vergangenen Jahren begleiteten Demonstrationen und Gegendemonstrationen, heftige Konfrontationen und Krawalle das offizielle Staatszeremoniell zum Unabhängigkeitstag und zeigten, wie kontrovers der Bezug auf die Zweite Republik ist, wie gespalten die Erinnerung daran. Tatsachen und reale Geschehnisse werden bisweilen von Legenden und Mythen überlagert. Dies gilt für die Vorgeschichte der Staatsgründung und die Gründungssituation selbst. Es gilt für Gefährdungen und Konflikte, denen die wiederentstandene polnische Republik in ihrer zwanzigjährigen Existenz ausgesetzt war. Es gilt schließlich für ihr Ende durch den doppelten Überfall Hitler-Deutschlands und der Sowjetunion 1939 und die Erinnerung daran.[1]

Versuche der Vermittlung scheiterten, wie der des damaligen polnischen Staatspräsidenten Bronisław Komorowski, der 2012 zu einem "Marsch für die Einheit Polens" aufrief. Doch die Konfrontationen wurden nur heftiger und heftiger, die Radikalisierung nahm zu. Im November 2017 marschierten in Warschau mehr als 60.000 Anhängerinnen und Anhänger der seit 2015 amtierenden Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) gemeinsam mit rechtsnationalistischen Gruppierungen zur Verteidigung des "wahren" katholischen Polen auf. Zum hundertsten Jahrestag der polnischen Unabhängigkeit, der am 11. November 2018 stattfinden und bereits mit großem Aufwand vorbereitet wird, werden sich somit völlig gegensätzliche Visionen des polnischen Staates zeigen. Zum Verständnis dieser Gegensätze hilft ein Blick in die Geschichte.

Ursprünge und Kontinuität "negativer Polenpolitik"

Drei Teilungen Polens in den Jahren 1772, 1793 und 1795 besiegelten das Schicksal der polnisch-litauischen Adelsrepublik, die jahrhundertelang als europäische Großmacht existiert hatte. Von Zeitgenossen und Nachgeborenen wurden die Teilungen entweder als historisches Verbrechen, als Tragik oder selbstverschuldeter Untergang eingestuft. So divergierend die Interessen der Teilungsmächte Russland, Preußen und Österreich auch sein mochten, in der Realisierung einer "negativen Polenpolitik" trafen sie sich. In ihrer Sicht hatte Polen sich seinen Niedergang und Untergang durch innere Widersprüche, Anarchie und Schwäche selbst zuzuschreiben. Polnische, aber auch deutsche Historiker stellten später klar, dass Polen, bei allen selbstverantworteten Momenten des Niedergangs, zum Opfer einer expansionistischen Politik seiner Nachbarn, allen voran Russlands und Preußens, geworden war.[2]

Mit der dritten Teilung war Polen als Staat von der Landkarte verschwunden und sollte nach dem Willen der Teilungsmächte nie wieder auftauchen. Diese sahen sich als Eckpfeiler der sogenannten europäischen Pentarchie, der spätestens mit dem Wiener Kongress von 1814/15 begründeten Ordnungsarchitektur Europas. Russlands europäisches Hegemonialstreben hatte sich bereits seit Peter dem Großen (1672–1725) auf die Entmachtung, Schwächung und letztlich die staatliche Liquidierung Polens gerichtet, das sich mit der inneren Gestalt einer Adelsrepublik scharf vom asiatisch-despotischen Charakter des Moskauer Großreiches abhob. Nicht anders waren die Ziele Preußens im Zuge seiner Ostexpansion im 17. und 18. Jahrhundert zu sehen. Das habsburgische Österreich kam verspätet dazu und komplettierte das Bündnis der "drei schwarzen Adler".

Die Reaktionen der Polen auf den Verlust der Unabhängigkeit nahmen verschiedene Formen an. Sie konnten mit einer romantischen Verklärung der Vergangenheit und den "Träumen vergangener Größe" verbunden sein. Sie mündeten in Revolten und Aufständen, führten polnische Legionäre und Soldaten an die Seite Napoleon Bonapartes, der den Polen erneute Souveränität versprach. Es gab Phasen der Anpassung und Akzeptanz, in denen das Arrangement mit der jeweiligen Teilungsmacht und das Streben nach einem gewissen Maß an Autonomie im Vordergrund standen. Darin enthalten war ziviler und kultureller Widerstand gegen eine Politik der sprachlichen, kulturellen und religiösen Unterdrückung und Assimilation. Auch die Gründung legaler und konspirativer Vereinigungen und Parteien mit rechtsklerikalem, konservativem, liberalem, sozialistischem und kommunistisch-anarchistischem Profil gehörte dazu.

Dies alles nahm die Zerrissenheit der politischen Landschaft der Zweiten Republik ab 1918 vorweg. Rechte und konservative Kräfte hatten sich im 19. Jahrhundert mit den Umbrüchen und Auswirkungen der europäischen Moderne konfrontiert gesehen, mit dem Vordringen sozialistischer, liberaler und laizistischer Ideen. Ein erneut unabhängiges katholisches Polen, das ihnen nun vor Augen stand – in völliger Souveränität oder Anlehnung an eine der Teilungsmächte, deren Existenz unverrückbar schien – sollte als Verteidigungsmauer gegen die dekadenten, zersetzenden Tendenzen des Westens wirken. Die "wahren" Polen wurden ethnisch und konfessionell bestimmt; nationale Minderheiten, wie Ukrainer, Litauer und Vertreter anderer Konfessionen, so auch Juden, wurden bestenfalls geduldet, nicht jedoch als vollwertige Staatsbürger akzeptiert. Das überlegene Preußen beziehungsweise Deutschland schied als Erzfeind für die Rolle der künftigen Protektionsmacht aus. Für die Wortführer der damaligen polnischen Rechten, allen voran Roman Dmowski, blieb als Option nur die Anlehnung an das ungeliebte Russland, dem man sich zivilisatorisch überlegen fühlte.

Die polnischen Sozialisten unter ihrem langjährigen Anführer und späteren Staatschef Józef Piłsudski hingegen hatten entgegengesetzte Vorstellungen vom Weg in die Unabhängigkeit. In ihrem noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert entstandenen Programm strebten sie volle Souveränität an und schlossen jede einseitige Abhängigkeit aus. Für sie sollte sich Polen auf die toleranten und liberalen, multiethnischen und multikonfessionellen Traditionen der alten Adelsrepublik beziehen und die Signale der europäischen Moderne auf eigenständige Weise aufnehmen und verarbeiten. Sie waren davon überzeugt, dass die von ihnen angestrebte soziale Emanzipation, ihr Gerechtigkeitsstreben nur im Rahmen eines souveränen, demokratischen Staatswesens gelingen könnte. Revolutionäre Methoden wollten sie nur im Kampf gegen die zaristische Despotie anwenden.

Damit standen sie dem reformistischen Teil der deutschen und internationalen Sozialdemokratie nahe, wurden von Rosa Luxemburg und ihren polnischen und deutschen Anhängern jedoch als anachronistische, fossile Nationalisten angesehen. Für Luxemburg und ihre protokommunistische Ausrichtung sollten sich polnische, jüdische, russische, ukrainische Arbeiter nicht mit ihren nationalen Unterschieden aufhalten, sondern gemeinsam kämpfen, sprachliche und kulturelle Autonomie in Anspruch nehmen und in einer künftigen internationalen Gemeinschaft aufgehen. In ihrer Wahrnehmung der nationalen Frage und des Nationalstaates irrte Luxemburg jedoch tief und grundsätzlich.

Hier bewiesen die polnischen Sozialisten um Piłsudski den größeren Realismus. Piłsudski war zwar weder Hellseher noch Prophet, aber er war bereits vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs davon überzeugt, dass nur der Zerfall und Sturz aller Teilungsimperien die Chance auf ein erneutes souveränes Polen im Herzen Europas eröffnen würde. Dafür mussten die Polen aber selbst kämpfen und durften nicht nur Kanonenfutter in den Armeen der drei Teilungsmächte sein. Piłsudski setzte auf die Tradition der polnischen Aufstände, wollte aber den Mythos der Niederlage in eine Erfahrung des Sieges verwandeln und wurde mit Kriegsbeginn zum Schöpfer der Polnischen Legionen. Deren Angehörige, darunter häufig Akademiker und Intellektuelle, kämpften als Freiwillige zunächst auf der Seite Österreichs gegen das zaristische Russland. In den Brigaden der Legionen fanden sich Polen, Ukrainer, Litauer und Angehörige anderer Nationen zusammen, ebenso zurückgekehrte Emigranten und Juden.

1916 verschob sich die Waage des Krieges im Osten auf die Seite der Mittelmächte; die Deutschen besetzten Warschau und wollten die polnischen Einheiten als Teil der polnischen "Wehrmacht" eingliedern. Damit konfrontiert, stellte Piłsudski eine Bedingung: Die Verbände sollten kein Teil des deutschen Heeres sein und als polnische Legionen weiterhin einem eigenen Kommando unterstehen. Folgerichtig lehnte er auch die Eidesleistung für den deutschen Kaiser ab und wurde im Sommer 1917 mit einem großen Teil seiner Offiziere und Mannschaften interniert. Eine von vielen Zeitgenossen als abenteuerlich und sinnlos angesehene Entscheidung machte ihn zum nationalen Volkshelden, der auch die Anerkennung der letztlich siegreichen Entente-Mächte gewann. Anderthalb Jahre später wurde er zu einem der entscheidenden Gestalter des neuen Polen.

Fußnoten

1.
Für eine frühe Darstellung der Vorgeschichte des Paktes vgl. Sebastian Haffner, Der Teufelspakt, Berlin 1968.
2.
Vgl. Klaus Zernack, Polen und Rußland, Berlin 1994.
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Autor: Wolfgang Templin für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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