Mann hält eine EU-Flagge und eine polnischen Flagge, die miteinander verknotet sind.

2.3.2018 | Von:
Wolfgang Templin

Die Zweite Polnische Republik 1918–1939. Fakten, Mythen und Legenden

Autoritäre Konsolidierung

Die Phasen der Konsolidierung und erfolgreicher Aufbauarbeit waren eng mit dem Wirken polnischer Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker verbunden. Zu ihnen zählte etwa Eugeniusz Kwiatkowski, als späterer Industrie- und Finanzminister der Vater des polnischen Wirtschaftswunders. Er verband erfolgreiche Modernisierungskonzepte und -strategien mit dem Bemühen, langfristig die soziale und regionale Zerklüftung des Landes zu überwinden und den zurückgebliebenen polnischen Osten an das Entwicklungsniveau der zentralen und westlichen Landesteile heranzuführen.

Die Überwindung gesellschaftlicher Gräben aber lag nicht im Interesse der politischen Extreme. Im Dezember 1922 wurde der gerade erst in sein Amt eingeführte erste Präsident der Republik, Gabriel Narutowicz, durch einen rechten Fanatiker ermordet. Der ehemalige Sozialist, der als Techniker und Unternehmer jahrzehntelang in der Schweiz gelebt und in mehreren Kabinetten als Minister gedient hatte, hatte sich stets für politischen und gesellschaftlichen Ausgleich und Vermittlung eingesetzt. Das Attentat traf auch Piłsudski schwer. Die Kugeln hatten eigentlich ihm gegolten, dem von "wahren" Polen gehassten Litauer, Freigeist und "Judenfreund". Er hatte Narutowicz zur Kandidatur für das Präsidentenamt geraten, weil ihm selbst die Fähigkeit zum Ausgleich fehlte. Verbittert zog er sich auf seinen Landsitz in der Nähe von Warschau zurück. So hart und brutal er in politischen Kämpfen auch agieren mochte, war er weder von diktatorischen Ambitionen beherrscht noch ein gewissenloser Zyniker, wie ihn seine Gegner sahen. Als Staatsgründer war er mit extremen äußeren Bedrohungen konfrontiert und hatte es im eigenen Land mit Realitäten und Kräften zu tun, die er nicht beliebig verändern konnte, die viele seiner Pläne und Visionen scheitern ließen.

Im Mai 1926 stand Polen durch die drohende parlamentarische Machtübernahme konservativer und rechter Kräfte am Rande eines Bürgerkrieges. Die Linke drohte mit einem Generalstreik. Auf beiden Seiten gab es bewaffnete Formationen. Als alle Verhandlungen mit der Staatsspitze scheiterten, rückte Piłsudski an der Spitze von Militärverbänden in Warschau ein und übernahm die Kontrolle über die Republik.

Das mit dem Begriff Sanacja (Erneuerung, Gesundung) verbundene autoritäre Ordnungsregime, das bis 1939 folgte, war zwar keine Diktatur im klassischen Sinne. Gestützt auf seine Autorität und ihm ergebene militärische und zivile Gefolgsleute, hielt Piłsudski die permanent auf Konfrontation zielenden und mit Bürgerkrieg drohenden radikalen Kräfte auf der rechten und linken Seite in Schach und garantierte die Stabilität Polens über Krisen und Bedrohungen hinweg. Mit den demokratischen Idealen der Gründungssituation war das aber kaum zu vereinbaren. Piłsudski hatte bei Weitem nicht die Machtfülle, die ihm von außen zugeschrieben wurde. Er musste das heterogene Spektrum seiner Anhänger zusammenhalten, hinter den Kulissen permanent taktieren und sah sich zu den widrigsten Kompromissen genötigt. Die Einschränkung und Aussetzung politischer Rechte der Opposition, die zeitweilige Internierung zahlreicher ihrer Anführer, darunter einstige sozialistische Weggefährten, entsprachen weit mehr der Natur seiner radikalen rechten und linken Gegner als seinem eigenen demokratisch-republikanischem Anspruch. Übergriffe, Repressionen und sadistische Ausschreitungen gegenüber den Internierten, die er letztlich mitverantwortete, obwohl er sie so nicht wollte, waren aber durch nichts zu rechtfertigen.

Ende und Erbe

Piłsudskis Tod im Mai 1935 bedeutete eine weitere Zäsur. Auf der einen Seite gewann die polnische Rechte weiter an Boden, bestärkt durch international immer stärker vordringende nationalistische und faschistische Tendenzen. Dennoch wurde das Polen der Zweiten Republik nicht zur Diktatur oder Militärdiktatur. Es gab eine breitgefächerte legale Opposition mit eigenen Optionen für die Zukunft des Landes, mit Parteien, die sie unterstützten und sich für kommende Wahlen Chancen ausrechnen konnten. Nachdem die Folgen der Weltwirtschaftskrise überwunden waren, setzte Polen zu einer regelrechten wirtschaftlichen Aufholjagd an. Nach Zerwürfnissen mit Vertretern der Sanacja-Formation rückten Kwiatkowski und andere Fachleute wieder in verantwortliche Ministerien ein und beförderten den ökonomischen Aufschwung erfolgreich.

Die entscheidenden Gefahren kamen von außen. Mit dem Machtantritt Adolf Hitlers in Deutschland, der Zwangskollektivierung, den Terrorwellen und der großen Säuberung Stalins in der Sowjetunion erreichte die "negative Polenpolitik" beider totalitärer Systeme eine neue Stufe. Stalin sah in der ukrainischen und der polnischen Nation die größten Unruhe- und Widerstandspotenziale gegen sein auf Terror und Unterdrückung begründetes Imperium.[8] Und der "Polenfreund" Hitler, wie er nach außen gern auftrat, machte in Gesprächen vor Angehörigen der Reichswehrführung und Vertretern von Wirtschaftskreisen deutlich, welches Schicksal er Polen zudachte. Sein Konzept der Gewinnung von "Lebensraum im Osten", einer rücksichtslosen Germanisierung, ließ keinen Raum für einen eigenständigen polnischen Staat, sondern sah die physische Liquidierung polnischer Eliten und Versklavung weiter Teile der Bevölkerung vor. Bereits in Hitlers 1925/26 erschienener Schrift "Mein Kampf" waren Grundzüge des späteren "Generalplan Ost" enthalten, der Antislawismus und Antisemitismus miteinander verband.[9]

Solange die forcierte und vom Westen geduldete massive Aufrüstung der Wehrmacht noch im Gange war, spielte Hitler nach außen den Verständigungspolitiker und Friedensengel. "Onkel Wolf", wie sich Hitler von Kindern gern nennen ließ, war ein Meister der Camouflage. Piłsudski wiederum war niemand, der sich von Maskeraden und Schmeicheleien, die Hitler ihm entgegenbrachte, täuschen ließ. Von fortschreitender Krankheit gezeichnet, verwendete er die letzten Jahre seines Lebens darauf, sich der für Polen und Europa tödlichen Gefahr entgegenzustemmen. Unmittelbar nach dem Machtantritt Hitlers schlug er im März 1933 der französischen Regierung über vertrauliche Kanäle ein gemeinsames politisch-militärisches Vorgehen vor. Noch konnte die durch Festlegungen des Versailler Vertrages eingeschränkte Reichswehr der französischen und polnischen Armee kaum etwas entgegensetzen, noch hatte der forcierte Ausbau der Wehrmacht nicht eingesetzt. Das von Piłsudski vorgeschlagene Maßnahmenpaket hätte Hitler womöglich stoppen und den Zweiten Weltkrieg unter Umständen verhindern können. Doch diese Chance wurde durch das Zögern und die Ablehnung der französischen und dann auch der britischen Seite vertan.

Weitere Möglichkeiten in diese Richtung ergaben sich, als Hitler 1935 das demilitarisierte Rheinland besetzte und 1938 in den Verhandlungen zum Münchner Abkommen die Westmächte erpresste und anschließend betrog. Polen verfolgte in dieser Zeit, in Fortsetzung der Konzepte Piłsudskis, eine Äquidistanz zu beiden großen Nachbarn und widerstand allen Bündnisangeboten Hitlers. Der polnische Außenminister Józef Beck regte in ähnlicher Weise wie Piłsudski 1933 ein koordiniertes Vorgehen Polens und der Westmächte in den jeweiligen Krisen an – allerdings ebenso vergeblich. Nichtangriffspakte, die Polen mit der deutschen und der sowjetischen Seite abschloss, um Zeit zu gewinnen, wurden von Hitler und Stalin im geeigneten Moment aufgekündigt oder gebrochen. Im Spätsommer 1939 schloss sich die Zange.[10] Mit dem Hitler-Stalin-Pakt und dem kurz darauf folgenden Überfall Deutschlands sowie der anschließenden Besetzung Ostpolens durch die Sowjetunion war das Schicksal der Zweiten Polnischen Republik besiegelt. Die polnische Regierung hatte zwar nicht immer glücklich agiert und sah sich diversen Vorwürfen ausgesetzt. Grundsätzlich hätte sie aber – auf sich allein gestellt – durch keine andere Politik ihren Untergang abwenden können.

Die Erinnerung an zwanzig Jahre souveräner staatlicher Existenz durchzog den polnischen Widerstand in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, während der Emigration und der Nachkriegszeit. Sie existierte als Verklärung, äußerte sich aber auch in Distanz und Ablehnung. An der fortdauernden Legitimität der Republik hielt im inneren Widerstand und in der Emigration jedoch ein Großteil der Polen fest. Im Rückbezug darauf, was die Republik ausmachte, was an ihr zu verteidigen, infrage zu stellen und wieder zu begründen war, unterschieden sich die sozialistischen und liberalen Verteidiger eines säkularen, modernen Staates von den Verteidigern des traditionellen katholischen Polens und eines rechtsnationalistischen Ordnungsregimes weiter grundsätzlich und fochten diese Gegensätze im Exil aus.

Der vom Ursprung her linke Sozialist Piłsudski wurde in den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik offiziell zur Unperson und galt als Verkörperung der zu bekämpfenden Reaktion. Sein Gewicht und seine Autorität waren jedoch so groß, dass ab den 1970er Jahren versucht wurde, sein Erbe für die Legitimität Volkspolens zu nutzen – was jedoch kaum gelang. Als erster frei gewählter Staatspräsident übernahm Lech Wałęsa 1990 die Insignien der Staatsmacht aus den Händen des letzten polnischen Exilpräsidenten und drückte damit den Übergang in die neue Legitimität der Dritten Polnischen Republik aus.

Die neuen Kräfte am polnischen Runden Tisch, der den friedlichen Übergang zustande brachte, mussten sich mit den Anhängern der unterlegenen polnischen Kommunisten auf die innere Verfasstheit des neuen Polen verständigen. Bald zeigte sich, dass die tief in der Geschichte verwurzelten unterschiedlichen Positionen, die bereits die Zweite Polnische Republik bestimmt und erschüttert hatten, in neuer Form fortexistierten. Unter dem gemeinsamen Anspruch eines souveränen Polens, dass einen wichtigen Platz in Europa einnimmt, ließ sich Verschiedenes verstehen. Nach fast drei Jahrzehnten seit der Konstituierung der Dritten Republik 1989 und der damit verbundenen Erlangung erneuter staatlicher Souveränität stellt sich die Frage, in welche Traditionslinie sich das heutige Polen stellt.

An jedem Vortag des Polnischen Unabhängigkeitstages, also am 10. November, rollt am frühen Morgen ein Zug in den Warschauer Hauptbahnhof ein. Ihm entsteigt im Rahmen eines historischen reenactment eine Verkörperung des aus der deutschen Festungshaft ankommenden Staatsgründers. Es wird interessant zu beobachten sein, wer ihn am 10. November 2018 auf dem mit Sicherheit übervollen Bahnsteig begrüßen und wem er sich zuwenden wird.

Fußnoten

8.
Vgl. Tymothy Snyder, Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2011.
9.
Vgl. Ralph Giordano, Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg, Köln 2015.
10.
Vgl. Leszek Moczulski, Wojna Prewencyjna. Czy Piłsudski planował najazd na niemcy?, Warszawa 2017.
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