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Zeitgeschichte zwischen Europäisierung und Globalisierung


16.12.2002
Die Zeitgeschichtsschreibung hat sich bisher überwiegend im nationalen Rahmen ausgerichtet. Der Beitrag widmet sich Fragestellungen einer modernen und zukunftsorientierten Zeitgeschichtsschreibung zwischen Europäisierung und Globalisierung, wobei...

I. Zeitgeschichte im Kontext veränderter Rahmenbedingungen



Neben Bilanzen zum 20. Jahrhundert, Konzepten einer Weltgeschichte, dem Gebrauch und Missbrauch von Geschichte wie den unterschiedlichen Erinnerungs- und Geschichtskulturen ging es beim Welthistorikertag in Oslo im Jahr 2000 auch um das Thema Globalisierung. [1] Gesamtbetrachtungen, Periodisierungen und Systematisierungen waren gefragt. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist das Geschehen komplexer und nicht mehr so einfach deutbar - "ordnungsstiftende" Interpretationen sind notwendig, denn Zeitgeschichte droht aufgrund dramatisch gewandelter Rahmenbedingungen in Sprachlosigkeit zu versinken. Sie muss sich aufgrund einer in Bewegung geratenen Welt fragen, was sie noch zu sagen hat. War der Warschauer Pakt bereits am 1. April 1991 am Ende, so steht die Funktion der NATO infolge unterschiedlicher Vorstellungen von der zukünftigen Weltordnung zur Diskussion. Der auf politische Stabilität ausgerichtete Wirtschafts- und Währungsverbund EU und die verbliebene militärische Supermacht USA mit globaler Hegemonieabsicht haben sich seit dem Ende des Ost-West-Konflikts auseinander gelebt. Der 11. September 2001 hat diese Entwicklung noch verschärft. [2]

Nicht nur deshalb geht es hier um Zeitgeschichtsschreibung zwischen Europäisierung und Globalisierung.



Zeitgeschichte wurde auch nach 1945 überwiegend national konstituiert und im staatlichen Rahmen ausgerichtet, was der Weitung ihres Horizonts hinderlich ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es ihr oft an Distanz zu sich selbst mangelt. Das von Hans Rothfels 1953 so bezeichnete "Epochenjahr" 1917 mit dem Doppelereignis Revolution in Russland und dem Kriegseintritt der USA als Ausgangspunkt einer universalen Zeitgeschichte [3] erfuhr durch den Zusammenbruch der post-stalinistischen Regime in Ost- und Mitteleuropa, den Zerfall des Sowjetimperiums 1989-1991 und den völlig unberechenbaren und weltweit möglichen Massenterror [4] - der 11. September 2001 ist nur ein Beispiel - eine Bestätigung für eine an europäischen und globalen Fragestellungen orientierte Zeitgeschichte, die regionale Begrenztheiten, nationale Verengungen und daraus erwachsende Einseitigkeiten und Überinterpretationen vermeiden will. Derartige Bemühungen sind in der Geschichtswissenschaft nicht neu, [5] in der Zeit vermehrter Globalisierung aber verstärkt erforderlich.


Fußnoten

1.
Vgl. SÖlvi Sogner (Hrsg.), Making Sense of Global History. The 19th International Congress of the Historical Sciences Oslo 2000. Commemorative Volume, Oslo 2001; Jan Art Scholte, Globalization. A critical introduction, Palgrave 2000.
2.
Vgl. Heinrich August Winkler, NATO am Scheideweg, in: Der Spiegel, Nr. 40 vom 30. 9. 2002, S. 126 f.
3.
Vgl. Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1 (1953), S. 1-8. Scharfsinnig zum Begriff: Thomas Angerer, Gegenwärtiges Zeitalter - gegenwärtiges Menschenalter. Neuzeit und Zeitgeschichte im begriffsgeschichtlichen Zusammenhang, in: Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit, 1 (2001) 2, S. 114-133.
4.
Vgl. Walter Laqueur, Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus, Berlin 1998.
5.
Vgl. Jürgen Elvert, Vom Nutzen und Nachteil der Nationalhistorie für Europa, in: Georg Michels (Hrsg.), Auf der Suche nach einem Phantom? Widerspiegelungen Europas in der Geschichtswissenschaft, Baden-Baden (i. E.).