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16.12.2002 | Von:
Bernd Faulenbach

Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße

Zur wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion in Deutschland

VI.

Ist mit der Vereinigung, dem Zwei-plus-Vier-Vertrag und dem deutsch-polnischen Vertrag vom 14. November 1990, der die deutsche Ost- und die polnische Westgrenze festschreibt und die erweiterte Bundesrepublik zum Nachbarn Polens macht, eine neue Konstellation im Hinblick auf das deutsche Geschichtsbewusstsein entstanden? Zwar begann sich das Geschichtsbewusstsein zu verändern, doch war zunächst im Hinblick auf die vorherrschende Tabuisierung von Flucht und Vertreibung keine grundlegende Umkehrung des Gesamttrends festzustellen. Allerdings mehrten sich bald Anzeichen dafür, diesen Komplex, der angesichts nicht mehr in Frage gestellter Grenzen an Brisanz verloren hatte, nicht weiter auszuklammern. Auch gab es seit 1989/90 neue Möglichkeiten für die historische Forschung, die Ereignisse auf der Basis neu zugänglicher Quellen aufzuarbeiten und mit den bisherigen Ergebnissen zu vergleichen. Und diese Forschung begann man zu einem Teil in kooperativen Formen zwischen deutschen und polnischen Historikern durchzuführen, womit eine neue Phase der Forschung begann.

Was das deutsche Geschichtsbewusstsein anbetrifft, so erschien jedoch noch 1995 im Deutschland Archiv ein Aufsatz mit dem Titel: "Verlieren wir das historische Ostdeutschland aus dem Geschichtsbild?" [49] Der Autor Karlheinz Lau glaubte diese Gefahr sehr deutlich zu sehen und wollte ihr mit seinem Beitrag entgegentreten. Tatsächlich schienen mit den vor dem Kriege aufgewachsenen Generationen Geschichte und Kultur des deutschen Ostens in erheblichem Maße aus der Erinnerung zu verschwinden; das Gleiche galt für die Vertreibung. Sie waren nur bedingt im kollektiven kulturellen Gedächtnis aufgehoben, auch wenn zuweilen das Thema in der Publizistik auftauchte [50] und nach wie vor eine Kulturstiftung der Vertriebenen, Archive und Museen sowie Verlage existierten, die auf Themen des früheren deutschen Ostens spezialisiert waren, deren Bücher ihr Publikum fanden, was darauf hindeutet, dass das Interesse an die nächst folgenden Generationen von "Betroffenen" weitergegeben worden ist. [51] Dieses Interesse richtete sich nicht mehr nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart und drückte sich nicht nur in Reisen in die früheren deutschen Ostgebiete aus, sondern teilweise auch in dem Bedürfnis nach Kommunikation mit den Menschen, die heute in diesen Regionen wohnen.

In jüngster Zeit aber ist ein Wandel erkennbar. Zu nennen ist die Diskussion um ein "Zentrum gegen Vertreibung", das die Vertriebenenverbände in Berlin errichten möchten, das sich polnische Intellektuelle auch in Breslau vorstellen können und bei dem manches dafür spricht, die Vertreibung der Deutschen nicht nur mit der Vorgeschichte, sondern auch mit den Zwangsmigrationsprozessen im 20. Jahrhundert in Beziehung zu setzen. Bedeutsam sind in diesem Kontext auch die Veröffentlichung von Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang" und die Resonanz hierauf in der Öffentlichkeit sowie die Serie des "Spiegels" sowie die Fernsehserie über die Vertreibung und die Vertriebenen. [52] Auch widmen sich Historiker erneut den Geschehnissen am Ende des Krieges und in der frühen Nachkriegszeit. [53]

Vieles deutet darauf hin, dass Flucht und Vertreibungs-Geschehnisse nicht mehr ausschließlich national interpretiert werden. Gegenwärtig gibt es in Deutschland jedenfalls kaum Anhaltspunkte für die Restauration eines traditionellen nationalen Geschichtsbewusstseins. Allerdings erscheint es möglich, dass sich im Hinblick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts das Gedenken erweitern wird. Mit Peter Steinbach kann man fragen, ob es wirklich richtig ist, "wichtige Bezugspunkte kollektiver Erinnerung an erfahrenes Leid aus Furcht vor ‘falschen Reaktionen´ oder den ‘Beifall von der falschen Seite´ in den Hintergrund des historischen Bewusstseins" zu schieben und "aus der gemeinsamen Erinnerung auszuklammern" [54] . Diese Frage stellt sich - zumal nach den bestürzenden Erfahrungen mit Vertreibungen in Südosteuropa in den letzten Jahren - unbestreitbar nicht nur für die deutsche, sondern auch für die europäische Ebene, auf der es die verschiedenen nationalen Erinnerungskulturen zu verknüpfen gilt. [55] Darin ist eine wichtige geschichtspolitische Aufgabe der nächsten Jahre zu sehen.

Fußnoten

49.
Karlheinz Lau, Verlieren wir das historische Ostdeutschland aus dem Geschichtsbild?, in: Deutschland Archiv, 28 (1995), S. 633-640.
50.
Vgl. Herbert Ammon, Stiefkind der Zunft. Die deutsche Zeitgeschichtsforschung hat sich für das Thema Vertreibung wenig interessiert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. September 1997, S. 10; Alfred Theisen, Die Vertreibung der Deutschen. Ein unbewältigtes Kapitel europäischer Zeitgeschichte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 7-8/95, S. 20-33.
51.
Verlage dieser Art sind der Laumann-Verlag Dülmen, der Marx-Verlag in Leimen und der Rautenberg-Verlag in Leer. Im Laufe der Jahre haben alle Städte und Regionen im Osten ihre (Laien-)Historiker gefunden, die über ihre Stadt oder Region Bücher und Aufsätze veröffentlichten.
52.
Vgl. Günter Grass, Im Krebsgang. Eine Novelle, Göttingen 2002; K. Erich Franzen, Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, München 2001 (Buch zur ARD-Fernsehserie); Spiegel-Serie "Die Flucht", Nr. 13 ff., 2002.
53.
Vgl. Detlev Brandes, Der Weg zur Vertreibung 1938-1945. Pläne und Entscheidungen zum "Transfer" der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei, München 2001; Philipp Ther, Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945-1956, Göttingen 1999; Manfred Zeidler, Kriegsende im Osten. Die Rote Armee und die Besetzung Deutschlands östlich von Oder und Neiße 1944/45, München 1996.
54.
Peter Steinbach, Die Vergegenwärtigung von Vergangenem. Zum Spannungsverhältnis zwischen individueller Erinnerung und öffentlichem Gedenken, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 3-4/97, S. 3-13, hier S. 4.
55.
Vgl. Bernd Faulenbach, Von der nationalen zur universalen Erinnerungskultur?, in: Jahrbuch Arbeit, Bildung, Kultur 19/20 (2001/02), S. 225-236.