Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Colson Whitehead

"Was wäre, wenn … ?". Ein Gespräch mit Colson Whitehead über Sklaverei, Alltagsrassismus und Literatur - Interview

Für den Roman "Underground Railroad" wurde Colson Whitehead 2017 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Die Romanhandlung spielt in den USA des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird von der Flucht einer Sklavin von einer Baumwollplantage und dem Helfer-Netzwerk der Underground Railroad, das im Roman zu einer tatsächlichen Eisenbahn wird.

Mr Whitehead, die Idee für das Buch "Underground Railroad" hatten Sie bereits im Jahr 2000. Was hat Sie 15 Jahre später dazu bewogen, die Geschichte der Sklavin Cora zu erzählen?

– Ich hatte die Idee, aus der realen Underground Railroad eine literarische Railroad zu machen – eine Art Reise. Auf ihrer Reise erlebt die Heldin Cora verschiedene Varianten der USA. Mich reizte diese Idee schon lange, aber mit 30 Jahren war ich nicht gut genug, um so etwas zu schreiben. Ich dachte, wenn ich mehr Bücher schreibe, würde ich vielleicht ein besserer Autor und könnte strukturierter vorgehen. Wenn ich ein bisschen älter und reifer wäre, könnte ich die Weisheit meiner Jahre in das Buch einfließen lassen und das Thema so behandeln, wie es das verdient. Wenn ich eine Idee für ein Buch habe, basiert sie auf der Frage "Was wäre, wenn?" – erstmal nur als verrückte Idee. Mein erstes Buch drehte sich um die Frage, was wäre, wenn eine Fahrstuhlinspektorin einen Kriminalfall lösen müsste? Im Fall von "Underground Railroad" überlegte ich, was wohl passiert, wenn ein Kind zum ersten Mal von der Underground Railroad erfährt. Und dabei stellte ich mir eine richtige Eisenbahn im Untergrund vor, was natürlich sehr unpraktisch wäre. Also bevor die Idee da war, über Sklaverei zu schreiben, war es einfach die Frage, was wäre, wenn es einen richtigen Zug anstelle der bloßen Metapher gegeben hätte.

Also war es keine persönliche Angelegenheit, zum Beispiel weil Sklaverei in Ihrer Familie ein bestimmendes Thema war?

– Ich glaube, in den meisten schwarzen Familien heißt es nicht dauernd "Sklaverei, Sklaverei, Sklaverei". Wir reden mehr über Rassismus und Diskriminierung in unserem heutigen Leben. Die Sklaverei liegt 150 Jahre zurück – wir haben immer noch mit den Auswirkungen der Sklaverei zu tun, aber es ist nicht so, dass wir beim Frühstück sagen: "Gib mir mal den Zucker … und was die Sklaverei betrifft, wo waren wir bei unserer Diskussion gestern stehen geblieben?" (lacht) Ich glaube, dass der Zweite Weltkrieg für Europäer deutlich präsenter ist als die Sklaverei für US-Amerikaner. Wenn man in einem rassistischen Land lebt, ist der Kampf um die Bürgerrechte die eine Seite. Die andere Seite ist beispielsweise die Frage, wie verhält man sich, wenn man von einem Polizisten auf der Straße angehalten wird? Es geht also mehr um die Realität des alltäglichen Rassismus und die Diskriminierung als um historische Ereignisse wie: "1626 wurde der erste Sklave von Afrika in die Kolonie New York verschleppt."

Gab es auch politische Gründe? Etwa ein Vorfall, der Ihnen sagte: "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt"?

– Nein, aufgrund der Entwicklung in den USA mit Donald Trump werde ich immer wieder gefragt, ob meine Entscheidung für das Thema etwas damit zu tun hatte, aber eigentlich war das nicht der Fall. Ich fühlte mich einfach irgendwann bereit, das Buch zu schreiben. Ich hatte es so lange vor mir hergeschoben, dass ich das Gefühl hatte, jetzt muss ich endlich dieses Ding angehen, vor dem ich Angst habe, von dem ich nicht weiß, ob ich es schreiben kann.

Das Buch ist in vielen Ländern ein Bestseller. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

– Das kann ich nicht. Das Buch ist einfach gut (lacht). Als ich das Buch geschrieben habe, dachte ich, ich würde mein übliches Ding machen. Ich versuchte, mein Bestes zu geben und es nicht zu vermasseln. Ich habe vor langer Zeit aufgehört mich zu fragen, warum die Leute eine Verbindung zu einem Buch haben oder nicht. Manchmal springen die Leute darauf an und manchmal nicht. In diesem Fall waren es eben ziemlich viele. Es ist toll, dass die Leute verstanden haben, was ich versucht habe, und sich darauf einlassen.

Hat Sie der Erfolg überrascht?

– Oh ja, sehr sogar. Das ist mein achtes Buch, und ich war an ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit gewöhnt. Aber so etwas kann man nie erwarten. Ich denke, so ein Buch schreibt man nur einmal im Leben. Obwohl ich zur Melancholie neige und gerne leide, genieße ich den Erfolg, so sehr ich kann.

Wie viel Gegenwart oder genauer gesagt, wie viel von der heutigen Gesellschaft in den USA steckt in Ihrem Buch?

– Ich glaube nicht, dass ich an die gegenwärtige amerikanische Gesellschaft dachte, als ich mein Buch schrieb. Während der Recherche las ich von Sklavenpatrouillen, die jeden Schwarzen anhalten konnten, den sie sahen, um seine Papiere zu überprüfen – ob frei oder Sklave. Da liegt natürlich der Vergleich zum "Stop and frisk"-Verfahren ["anhalten und durchsuchen"] nahe, vor allem in Hinblick auf junge Schwarze. Aber derartige Vergleiche muss man dem Leser nicht aufzwingen, wenn man über Rassismus im Jahr 1850 schreibt. Unser Land ist immer noch rassistisch. Und dadurch spricht man am Ende auch über das, was heute passiert.

Sie haben das Buch 2015 geschrieben. Hätten Sie Ihr Buch genauso geschrieben, wenn Sie gewusst hätten, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wird?

– Tja, das kann ich nicht sagen. Als ich am Buch arbeitete, war er bereits bei den Vorwahlen angetreten, aber er war einer von sieben oder acht republikanischen Kandidaten. Ich wuchs in New York auf, da ist er seit 30 Jahren eine Größe im Immobiliengeschäft, aber auch eine Art Lachnummer und Witzfigur. Während des Schreibens hatte ich daher keine Ahnung, dass er so weit kommen würde – und vor allem nicht, dass er so schnell so großen Schaden anrichten würde, kaum dass er gewählt worden war.

Hatten Sie während der Präsidentschaft Barack Obamas je den Gedanken, dass seine Wahl den Übergang der USA in ein postethnisches Zeitalter markieren könnte?

– Nein, natürlich war der Wahlsieg Obamas ein Meilenstein und ein Symbol des Fortschritts, aber kein Schwarzer würde ernsthaft den Begriff "postethnisch" verwenden. Es ist ja nicht so, dass Obama gewählt wurde und plötzlich niemand mehr rassistisch war. Offensichtlich haben wir Millionen und Abermillionen, die sich vom Vorankommen der people of color und Frauen bedroht fühlen und wieder zurück in die 1950er Jahre wollen. Ich denke daher, dass wir, wie viele andere Länder auch, kleine Fortschritte machen, aber dann immer wieder ein bisschen zurückfallen. In den USA gibt es einen Krieg zwischen der politischen Rechten und der Linken um die Seele dieses Landes. Und es gibt immer dieses Tauziehen um Ideale. Obamas Wahlsieg war also ein großer Schritt nach vorne, aber da ist ganz offensichtlich immer noch sehr viel zu tun.

Ist Trump eine Art Gegenreaktion?

– Oh ja, das ist er. Aber zu dieser Wahl hat vieles beigetragen. Und ein Faktor war die Gegenreaktion auf die Fortschritte von people of color und Frauen.

Werden Sie häufig aufgefordert, stellvertretend für die schwarze Community zu sprechen? Passiert Ihnen das nur in Europa oder kommt das auch in den USA vor?

– Nein, dies wird auch oft in den USA von mir erwartet. Wenn man irgendwie in der Öffentlichkeit steht oder bekannt ist, gilt man plötzlich als Experte und soll sich zu allem äußern, was jemand anderes für wichtig hält. Ich will aber nicht in irgendeiner stupiden Talkshow auftreten. Ich rede natürlich gern über meine Bücher und freue mich, wenn man mir die Möglichkeit bietet, für sie zu werben. Aber wenn jemand wissen will, wie es mit Black Lives Matter weitergeht, dann sollte er lieber bei Black Lives Matter nachfragen. Wenn Sie mich zum Thema kulturelle Aneignung befragen wollen, nach dem Motto "Darf man das?", sollten Sie lieber jemanden fragen, der sich wirklich mit der Diskussion beschäftigt – und nicht mich.

In Ihrem Buch machen Sie deutlich, dass Sklaverei eng mit dem Kapitalismus zusammenhängt. Können Sie diesen Gedanken ausführen?

– Ein Sklave ist eine Ware. Er hat einen Preis, der je nach Marktlage schwankt. Somit wird Mensch zum Objekt. Und wenn man die Geschichte der USA betrachtet, die auf Sklaverei aufbaut, dann sind die USA durch die Sklaverei zur Wirtschaftsmacht aufgestiegen – durch unsere Exporte, unsere Baumwolle oder unseren Zucker. Man kann die Sklaverei nicht ausklammern, sie ist Teil der kapitalistischen Prägung Amerikas. Neben dem Rassismus war einer der Gründe, warum die Südstaaten die Sklaverei nicht abschaffen wollten, die Vorstellung, dass man die Leute bezahlen sollte, die man Hunderte Jahre lang einfach so ausgebeutet hatte. Amerika gründet auf der Enteignung der Ureinwohner, auf dem Völkermord an den Ureinwohnern und darauf, dass Afrikaner gefangen, verschleppt und zur Ware gemacht wurden. All das und ein paar andere Faktoren machten die USA, dieses noch junge Land, im 19. Jahrhundert zu einem mächtigen Staat.

Denken Sie, dass "Underground Railroad" in Deutschland auf irgendeine besondere Art aufgenommen wird? Unterscheiden sich die Reaktionen auf das Buch beispielsweise davon, wie Franzosen oder US-Amerikaner es lesen?

– Ich denke, dass jedes Land bei der Interpretation eines Buches auf seine eigene Geschichte zurückgreift. Ob ein Land Kolonien hatte oder keine, welches Verhältnis man zur eigenen kolonialen Vergangenheit hat, ob ein Land Teil des Sklavenhandels war – das alles kann sich auf die Lektüre auswirken. Die Lesart in Frankreich etwa ist definitiv bemerkenswert. Ich weiß, dass viele Franzosen die reale Underground Railroad mit der Résistance im Zweiten Weltkrieg in Verbindung bringen: mit den Schaffnern, die anderen zur Flucht verhelfen, dem hohen persönlichen Risiko, dem Versuch, ein furchtbares Regime zu stürzen, das Menschen vernichtet. Ich denke daher, dass Cora ein sehr starker, greifbarer Charakter ist, zu dem die Leser eine Beziehung eingehen oder den sie zumindest bewundern und dem sie folgen wollen. Es gibt Dinge, die von Land zu Land variieren. Die speziell deutsche Sicht auf das Buch kenne ich noch nicht. Ich habe überwiegend mit Kritikern gesprochen und weiß nicht genau, wie die Leser darauf reagieren. Ich freue mich, dass es hier gut aufgenommen wurde, aber vieles ist am Ende nicht ganz nachvollziehbar. Warum zum Beispiel Chinesen auf das Buch anspringen, weiß ich auch nicht genau. Ich war in China, aber ich kann immer noch nicht sagen, wie sie das mit der chinesischen Geschichte verknüpfen. Es geht wohl einfach immer um das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten, Starken und Schwachen. Dieses Verhältnis zieht sich natürlich durch die gesamte Menschheitsgeschichte – egal, ob man das nun mit Königen und Untertanen oder Sklavenhaltern und Sklaven in Verbindung bringt. Die Dynamik der Macht als zentrales Thema spricht die Menschen in ganz unterschiedlichen Ländern an.

Wie ist Ihre persönliche Meinung zur Frage, welche Rolle Literatur im Kampf gegen den Rassismus spielen kann?

– Ich bin mir nicht sicher, welche Rolle sie spielen kann oder spielt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Literatur überhaupt noch eine so zentrale Rolle in der Kultur zukommt. Was mein Buch betrifft, weiß ich, dass es viele Menschen sehr bewegt hat. Junge Schwarze begannen ebenso wie ältere Weiße in den Südstaaten, sich mit der Geschichte ihrer Region auseinanderzusetzen. Das kann schwer sein. Vielleicht heißt das, sich damit auseinanderzusetzen, dass der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Menschen für Geld vergewaltigt und gefoltert hat. Vielleicht ist man in einem Haus aufgewachsen, auf einem Stück Land, das durch Sklavenarbeit finanziert wurde. Ich bin daher in gewisser Weise auch überrascht, wie offen manche Menschen in den Südstaaten für das Buch sind. Ich war im vergangenen Jahr fünf Mal in South Carolina, davor war ich während meiner gesamten Schriftstellerkarriere drei Mal dort. Die Leute setzen sich also mit ihrer Geschichte auseinander. Nach Alabama und Mississippi wurde ich noch nicht eingeladen, aber manche Menschen sind eben ein bisschen langsamer als andere (lacht).

Zumindest gibt es Zeichen der Hoffnung.

– Oh ja, definitiv!

Das Interview führten Lorenz Abu Ayyash und Anne-Sophie Friedel am 29. November 2017 in Köln.

Übersetzung aus dem Englischen:
Heike Schlatterer, Pforzheim.

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Autor: Colson Whitehead für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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