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Politische Bildung im Streit um die "intellektuelle Gründung" der Bundesrepublik Deutschland

Die Kontroversen der siebziger und achtziger Jahre


12.11.2002
Der leidenschaftliche Streit vor allem in den siebziger Jahren um Konzepte und Richtlinien politischer Bildung ist Teil einer besonderen Auseinandersetzung. Es geht um die "intellektuelle Gründung" der Bundesrepublik.

Einleitung



Seit 1999 liegt ein Sammelband zur "Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule" vor unter dem Haupttitel: "Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik" [1] . Der Titel kann missverstanden werden. Die These der Autoren ist gerade nicht, die Frankfurter Schule habe die Bundesrepublik intellektuell gegründet. Ihr Befund lässt sich vielmehr so zusammenfassen: Die nach der institutionellen Gründung erst allmählich vollzogene politisch-kulturelle Gründung des neuen demokratischen Staates ist nicht das Werk einer einzelnen "Schule" oder Theorie, auch nicht der "Frankfurter", aber an deren Wirkungsgeschichte können der Prozess und die Probleme der sich herausbildenden politischen Kultur besonders gut verfolgt werden.

Die institutionelle Gründung der Bundesrepublik war von Anfang an begleitet von theoretischen Konzepten; vor allem von einem erneuerten Naturrechtsdenken, vom Entwurf sozialer Marktwirtschaft durch die Ordoliberalen und von der Hinwendung zur westlichen Demokratie. In diese geistige Gemengelage mischten sich Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nach ihrer Rückkehr aus der Emigration mit ein, und zwar keineswegs als linksintellektuell-marxistische Opposition, sondern kooperativ in Konkurrenz zu anderen Strömungen. Erst als in den sechziger Jahren die Soziologie zu einer gesellschaftlichen Deutungsmacht aufstieg, verschärfte sich der Dissens vor allem gegenüber dem kritischen Rationalismus. Adorno hat ihn 1969 als Positivismusstreit gedeutet, das heißt als Streit um die richtige Theorie für Sozialforschung, aber auch für Gesellschaftskritik. Er wurde zum Wortführer einer "kritischen Intelligenz", auch in der Frage, wie die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten sei.

Die "Studentenrevolte" von 1967/68 radikalisierte die Fragen der "Vergangenheitsbewältigung" ebenso wie die Kritik an der "kapitalistischen Gesellschaft", der angeblich nur formalen Demokratie, indem sie die marxistischen Elemente der Frankfurter Soziologie mobilisierte und mit Herbert Marcuse zu einer vagen Revolutionstheorie zwecks Legitimation vielfältiger Formen von "Widerstand" umformulierte. Erst jetzt wurde die "Frankfurter Schule" zur Kritischen Theorie stilisiert, zudem beerbt durch eine auf ihrer Grundlage entwickelte "Kritische Erziehungswissenschaft". Wolfgang Klafki hat diese als eine Theorie bezeichnet, die in Anlehnung an Jürgen Habermas Erziehungsziele wie Mündigkeit und Selbstbestimmung mit der politischen Veränderung gesellschaftlicher Strukturen verknüpfte und sich so von der traditionellen geisteswissenschaftlichen Pädagogik ebenso absetzte wie von einer "positivistischen" empirischen Erziehungsforschung. Emanzipation wurde zum Schlüsselbegriff für die Verbindung von Erziehung und Gesellschaftsveränderung. Klaus Mollenhauer formulierte das als Programm in seinem Buch "Erziehung und Emanzipation" (1968). Die Bemühungen unterschiedlicher geistiger Kräfte um die "intellektuelle Gründung" der Bundesrepublik Deutschland führten also gegen Ende des sechziger Jahrzehnts letztlich in eine Polarisierung. Der Machtwechsel von 1969 verschärfte dann auch die politische Polarisierung.

Unsere These für die weitere Entwicklung lautet: Die politisch-kulturelle Gründung der Bundesrepublik gelang erst in dem Maße, wie man lernte, die unvermeidliche Pluralität und Konkurrenz von Philosophien und Theorien, den Pluralismus und die Konflikte geistig-kultureller Kräfte auszuhalten unter gegenseitiger Anerkennung oder wenigstens Respektierung auf der Grundlage eines Verfassungskonsenses. Diesen bis heute schwierigen Prozess am Streit um die politische Bildung zu skizzieren ist die Absicht der weiteren Ausführungen.


Fußnoten

1.
Vgl. Clemens Albrecht u. a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt/M. 1999.