Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christopher Vials

White Supremacy. Geschichte und Politik des Weißseins in den USA

Am 25. Juli 2017 wandte sich US-Präsident Donald Trump in Youngstown, Ohio, an jubelnde Anhänger. Die Stadt gilt als eine der am stärksten deindustrialisierten Städte im "Rust Belt" – der ehemals größten Industrieregion der USA. In seiner Rede, die sich an eine fast gänzlich weiße Zuhörerschaft richtete, machte Trump für praktisch jedes größere Problem in den Vereinigten Staaten people of color verantwortlich: "radikalislamische Terroristen", die Amerika zerstören wollten, Aktivisten der Bewegung Black Lives Matter, die "unsere großartigen Polizisten" nicht respektierten sowie Einwanderer ohne Papiere, die für Trump und seine Zuhörer grundsätzlich Kriminelle sind. Dabei wandte er eine Technik der Entmenschlichung an, die den dunkelsten Zeiten der europäischen Geschichte entlehnt ist: "Diese Raubtiere und kriminellen Ausländer, die unsere Gemeinden mit Drogen vergiften und Jagd auf unschuldige junge Menschen machen, wunderschöne unschuldige junge Menschen, werden in unserem Land nirgendwo mehr eine sichere Zuflucht finden. Ihr habt die Berichte über einige dieser Tiere gesehen. Sie benutzen keine Schusswaffen, weil ihnen das zu schnell geht und ihren Opfern nicht genug Schmerzen bereitet. Deswegen greifen sie sich zum Beispiel ein junges, wunderschönes Mädchen, 16, 15 Jahre alt, und schneiden sie in Stücke, weil sie wollen, dass sie vor ihrem Tod noch quälende Schmerzen erleidet. Das sind die Tiere, die wir so lange beschützt haben."[1]

Ungeachtet der Tatsache, dass die Gruppe der Einwanderer ohne Papiere anteilsmäßig weniger Straftaten begeht als die Gruppe einheimischer Staatsbürger,[2] schart Trump immer wieder weiße Vorzeigefamilien um sich, die Opfer "illegaler" Ausländer geworden sind, und vor kurzem gründete die Trump-Administration die Organisation Victims of Innocent Crime Engagement (VOICE), um Opfern von Einwanderern ohne Papiere Hilfe zu leisten und um seine Anhänger mit Geschichten von Migrantenkriminalität aufzuputschen.

Zwar verwendete Trump in seiner Rede kein einziges Mal die Worte "weiß", "schwarz" oder "Latino" und beachtete sogar gewisse Grundregeln des politischen Diskurses in den USA. Doch seine Zuhörerschaft verstand den Subtext nur zu genau: Die Leute wussten, dass die kriminellen "Tiere" keine Weißen wie sie und der Präsident waren. Ihr wütendes Verlangen, diese nichtweißen Missetäter zu bestrafen, verband sie mit dem Redner – trotz der gewaltigen Kluft, die sie beim persönlichen Vermögen von ihm trennt. Trumps Rhetorik basierte darauf, dass seine Zuhörerschaft sich als "Weiße" identifizieren und ihre Ressentiments und ihre Entfremdung durch diese Kategorisierung zum Ausdruck bringen. Sie veranlasste die Zuhörer zudem, sich über Klassengrenzen hinweg mit einem unglaublich reichen Menschen zu solidarisieren. Dies gelang aufgrund eines gemeinsamen Rassismus.

So sehr Trumps Aufstieg eine Zäsur in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist, so sehr ist seine Politik – die Politik des Weißseins – nicht vom Himmel gefallen. Vielmehr ist sie aus tief verwurzelten Strukturen und politischen Strömungen der white supremacy (weiße Vorherrschaft) hervorgegangen, von denen die politische Landschaft der USA seit ihren Anfängen geprägt wird.

Weiß als gesellschaftliche Kategorie

Man kann den Begriff "Rasse" in den Vereinigten Staaten nicht verstehen, wenn man sich dabei auf Schwarzsein fokussiert und die Kategorisierung "weiß" und ihre historische Bedeutung ausblendet. Einer Untersuchung von "Weißsein" ist vorauszuschicken, dass "weiß" weder nur eine Hautfarbe noch ein in der Biologie begründeter Status ist. Stattdessen handelt es sich um eine gesellschaftlich konstruierte Kategorie, die nichtsdestotrotz in ihren Auswirkungen real ist. In der Neuen Welt wurde die "weiße Rasse" im späten 17. Jahrhundert als Mittel zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung und Hierarchie innerhalb eines aufstrebenden kapitalistischen Weltsystems kreiert. Diese Funktion behielt sie bei, als die neue Nation der Vereinigten Staaten entstand.

Von 1790 bis 1952 – fast drei Viertel der US-amerikanischen Geschichte – war Weißsein explizite Voraussetzung für eine Staatsbürgerschaft in den Vereinigten Staaten. Weiß war also eine Rechtskategorie, die darüber entschied, wer ins Land hereingelassen wurde, wer Land besitzen, wer wählen und wer wen heiraten durfte. White supremacy – das Fundament des Rassismus – ist daher in den Vereinigten Staaten nicht bloß eine persönliche Meinung oder eine rückwärts gerichtete Einstellung, die von isolierten Individuen eingenommen wird. Sie ist vielmehr eine materielle, institutionelle Struktur, die festlegt, wie Ressourcen verteilt werden. Sicherlich können Kommentare eines Arbeitskollegen oder Nachbarn rassistisch sein. Aber wenn man Rassismus als etwas Strukturelles begreift, als etwas, das Ressourcen auf Grundlage rassischer Kategorien verteilt, sieht man ihn auch in Einrichtungen, in denen people of color unterdurchschnittlich vertreten sind. Man würde diese Unterrepräsentation nicht als selbstverständlichen Teil des täglichen Lebens betrachten, sondern als Ausdruck einer auf white supremacy basierenden Gesellschaft.

Der Aufstieg von Donald Trump und die Popularisierung seiner Politik zwingen uns, unsere Definitionen weiter zu verfeinern, um zwischen Rassismus und Rassisten unterscheiden zu können. Auch wenn Rassismus strukturell und omnipräsent ist, ist trotzdem nicht jeder automatisch ein aktiver Rassist. Es ist schlechterdings unmöglich, in den Vereinigten Staaten aufzuwachsen, ohne die auf Rassenzugehörigkeit fokussierten Prämissen und Wahrnehmungsweisen zu verinnerlichen: Sogar people of color internalisieren negative Bilder von sich oder von anderen Minderheitsgruppen, die sie durch die US-amerikanische Kultur eingeimpft bekommen haben.

Sich als Rassist zu verhalten, geht jedoch darüber hinaus: Es bedeutet, sich politisch und gesellschaftlich als Weißer zu identifizieren, Weißsein aktiv zu einer gültigen gesellschaftlichen Kategorie zu erheben. Ausdruck davon könnte etwa sein, eine Politik zu unterstützen, die people of color konsequent die Schuld an sozialen Problemen zuweist, während sie Weiße zu Opfern stilisiert, die ihre Meinung nicht öffentlich zum Ausdruck bringen dürfen; oder Schwarze, Latinos und Asiaten als Menschen zu betrachten, die kaum etwas zur Gesellschaft beisteuern, aber von hart arbeitenden Weißen erwirtschaftete Ressourcen verbrauchen. Es versteht sich von selbst, dass die meisten Rassisten in den Vereinigten Staaten die Bezeichnung "Rassist" nach wie vor von sich weisen.

Fußnoten

1.
Zit. nach Alana Abramson, 26.7.2017, http://time.com/4874161/donald-trump-transcript-youngstown-ohio«.
2.
Vgl. Richard Pérez Peña, Contrary to Trump’s Claims, Immigrants are Less Likely to Commit Crimes, 26.1.2017, http://www.nytimes.com/2017/01/26/us/trump-illegal-immigrants-crime.html«.
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Autor: Christopher Vials für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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