Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christian Werthschulte

Space is the Place. Kursorischer Trip durch den Afrofuturismus

Am 22. November 1968 flog das Raumschiff Enterprise schon zwei Jahre und über 60 Folgen durch die unendlichen Weiten des Weltraums und ihr Kapitän James T. Kirk hatte auf seiner Reise schon einige Frauen geküsst. An diesem Tag war jedoch ein Brückenmitglied der Enterprise das Ziel seines ungebrochenen Machotums: Leutnant Uhura, die aus Afrika stammende Kommunikationsoffizierin. Der Kuss von Kirk und Uhura gilt als der erste Kuss eines weißen Amerikaners und einer schwarzen Amerikanerin in einer US-amerikanischen Fernsehserie, und es war naheliegend, dass er im Weltall stattfinden musste.[1] Die Episode spielt im Jahr 2268 – weit genug entfernt, um bei den Zuschauern des Senders NBC keine Assoziation mit den zeitgleich stattfindenden Bürgerrechtskämpfen in den USA hervorzurufen. Die Serienmacher präsentierten ein Figurenkabinett, das in den mittleren 1960er Jahren utopisch gewirkt haben mag: Auf der Enterprise leisten Besatzungsmitglieder aus Russland, den USA, China und Afrika gemeinsam Dienst.

Aber Nichelle Nichols, die Darstellerin von Uhura, war unglücklich mit ihrer Rolle. Sie fand, dass Uhura eine Alibifigur darstellte. Schließlich war sie als Kommunikationsoffizierin nicht nur das rangniedrigste Mitglied auf der Brücke der Enterprise, sondern wurde auch noch in eine typisch weibliche Rolle gedrängt: das intergalaktische Äquivalent zur Chefsekretärin. Sie wollte hinschmeißen. Schließlich war es Martin Luther King Jr. persönlich, der Nichols davon überzeugte, an Bord der Enterprise zu bleiben: "Du veränderst die Ansichten von Menschen auf der gesamten Welt. Durch dich sehen wir zum ersten Mal, wie wir selbst sind: was wir sein könnten, wofür wir kämpfen und wofür wir auf die Straße gehen."[2]

Uhuras Anwesenheit auf der Enterprise erfüllte eine doppelte Funktion: Sie zeigte, dass der Rassismus der 1960er Jahre überwunden werden konnte, und sie repräsentierte einen alternativen Zukunftsentwurf. In der populären Science-Fiction, selbst in avancierten Romanen, gab es kaum afrikastämmige Figuren. Und in den populärwissenschaftlichen Zukunftsszenarien aus fliegenden Autos und vollautomatisierten Küchen waren Afroamerikaner ebenfalls abwesend. Uhura verkörperte dagegen eine neue Selbstverständlichkeit: In der Zukunft werden schwarze Menschen einen Platz in der Kommandozentrale haben. Uhura ist damit vielleicht eine der populärsten Vertreterinnen des Afrofuturismus, einer Strömung in Film, Literatur, Kunst und Popmusik, die eine Zukunft imaginiert, in der schwarze Menschen einen gleichberechtigten Platz haben.

Etwa zeitgleich zum Kuss von Kirk und Uhura besuchte der Anthropologe John Szwed das Konzert eines Jazz-Ensembles am Swarthmore College in Pennsylvania: "In der Mitte saß ein rundlicher, mittelalter Mann mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck in einem Cockpit aus Elektronik. Auf seinem Kopf trug er einen Hut, der ein Modell unseres Sonnensystems war. Er fingerte auf den Keyboards, die rund um ihn aufgestellt waren, herum, schließlich hämmerte er mit seinen Fäusten und Unterarmen auf sie ein. (…) Sun Ra war im Haus und in seinem Universum."[3]

Geboren wurde Sun Ra 1914 als Herman Poole Blount in Birmingham, Alabama. Nach dem Zweiten Weltkrieg transformierte er sich in Chicago in die Kunstfigur Sun Ra, ein Alien vom Saturn, das seinen Namen vom altägyptischen Sonnengott Ra entliehen hat. "Bei Sun Ra findet man eine Mythologie der Zukunft, die den Weltraum, elektronische Synthese, Ägyptologie, eine Form von Gemeinschaftlichkeit und eine queere Form des Zölibats vereint", fasst der britisch-ghanaische Kulturtheoretiker Kodwo Eshun zusammen.

Auch in der "Motor City" Detroit entfaltete Sun Ra seine Wirkung. George Clinton, Bandleader von Parliament Funkadelic, war ein großer Fan des Jazz-Musikers. Auch er begriff sich als Alien. Bei Live-Auftritten von Parliament wurde im Bühnenhintergrund ein UFO platziert. Auf dem Cover des Parliament-Albums "Mothership Connection" (1975) sieht man Clinton in der Eingangstür eines Raumschiffs – dabei bleibt unklar, ob er in das Raumschiff hineingezogen wird oder das Raumschiff wieder verlassen möchte.

Während Leutnant Uhura für eine Zukunft stand, in der schwarze Menschen die gleichen Rechte genießen können, stilisierten sich Sun Ra und George Clinton zum "Alien", was im Englischen sowohl der "Außerirdische" als auch der "Fremde" ist: ein Identitätsentwurf, der die Verschleppung seiner Vorfahren während der Sklaverei in den Mittelpunkt stellt. In dieser Vorstellung wird das Raumschiff zu einer Metapher für die Sklavenschiffe und zum Ort neuer Möglichkeiten: Denn wenn schwarze Menschen Aliens auf dem Planeten USA sind, kann kaum Assimilierung von ihnen erwartet werden. Afrofuturismus wird so zu einem Feld, in dem der Status quo von Afroamerikanern neu verhandelt werden kann.

Fußnoten

1.
Der Kuss zwischen Kirk und Uhura war nicht der erste interethnische Kuss im US-amerikanischen Fernsehen, aber der erste zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau.
2.
Zit. nach Ytasha L. Womack, Afrofuturism. The World of Black Sci-Fi and Fantasy Culture, Chicago 2013, S. 99.
3.
John Szwed. Space is the Place. The Life and Times of Sun-Ra, New York 1997, S. xvi.
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Autor: Christian Werthschulte für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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