Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Astrid Franke

Rassenordnung als Machtordnung. Diskriminierung im Bildungs- und Rechtssystem der USA

2018 blickt man zum 50. Mal auf das Jahr 1968 als "Höhepunkt einer transnationalen Revolte" (Heinrich August Winkler) zurück. In diesem Kontext jährt sich auch der Jahrestag der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr. zum 50. Mal. King wurde am 4. April 1968 in Memphis erschossen, genau ein Jahr nachdem er sich in einer Rede in New York gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen und den Kampf gegen die Diskriminierung von Afroamerikanern in einen postkolonialen Kontext gestellt hatte – und kurz bevor er ihn mit einem erneuten Marsch nach Washington mit dem Kampf gegen Armut verknüpfen wollte.

Kings Werk kann 50 Jahre nach dem Attentat als unvollendet gelten, obwohl er und die Bürgerrechtsbewegung mit den Gesetzen gegen die Wahlrechtdiskriminierung und die Segregation 1964 einen großen Erfolg verzeichnen konnten. Die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner und zuletzt auch das selbstbewusste Auftreten offen rassistischer Gruppen in Charlottesville, Virginia, am 11. August 2017 haben gezeigt, dass sich in Amerika weniger verändert hat, als viele gehofft hatten – ein Zeitalter, in dem "Rasse" keine Rolle mehr spielt, hat offensichtlich nicht begonnen. Damit muss es über den Zeitraum der 1960er Jahre und der sich daran anschließenden sozialen Revolten hinweg Kontinuitäten gegeben haben, die möglicherweise übersehen wurden. Dieses Phänomen wird in diesem Beitrag behandelt: die erstaunliche Stabilität des Verhältnisses von weißen und schwarzen Amerikanern, das über "Rasse" gerechtfertigt wird.

Im Folgenden vertiefe ich zunächst den Befund der Kontinuität trotz scheinbar einschneidender Ereignisse kulturhistorisch und erläutere, warum man hier von der Kontinuität einer Machtordnung sprechen sollte und nicht von der Kontinuität des Rassismus. Anschließend beleuchte ich zwei gesellschaftliche Bereiche – das Bildungswesen und das Recht – näher, um zu zeigen, wie über ökonomische Ungleichheit die Rassenordnung als Machtordnung aufrechterhalten wird.

Doppeltes Bewusstsein

In seinem Aufsatz "The Evolution of the Race Problem" lieferte der afroamerikanische Soziologe W.E.B. Du Bois bereits 1909 eine Diagnose, die auch auf die heutigen Verhältnisse zutrifft.[1] Du Bois befasste sich empirisch und theoretisch mit dem Konzept "Rasse". Die Geschichte der Afroamerikaner seit der Abschaffung der Sklaverei ist ihm zufolge zugleich evolutionär und zyklisch: Ereignisse wie die Erlässe der Emanzipationserklärung 1863 und die Ratifizierung des 15. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten 1870, der den Ausschluss vom Wahlrecht aufgrund der Hautfarbe oder früherer Versklavung verbietet, hätten wiederholt grundlegende Veränderungen versprochen. Durch eine Reihe von Umständen – zum Beispiel dem Fehlen nachhaltiger föderaler Unterstützung der freigelassenen Sklaven, etwa durch eine Landreform – sei das Machtverhältnis zugunsten der weißen Bevölkerung jedoch weitgehend unangetastet geblieben.

Das mit solchen Prozessen verbundene Auf und Ab von Hoffnung und Enttäuschung ist auch in die afroamerikanische Literatur- und Kulturgeschichte eingegangen. Man findet es im Blues und explizit in den Blues-Gedichten von Langston Hughes zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie in seinem Langgedicht "Montage of a Dream Deferred" (1951). Ein aktuelles Beispiel ist der Roman "John Henry Days" von Colson Whitehead (2001): Über Variationen der Figur des afroamerikanischen Helden John Henry werden wiederholt ähnliche Situation im Zusammentreffen mit weißen US-Amerikanern vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart dargestellt, die für junge schwarze Männer fatale, oft tödliche Folgen haben. Die Figur der Wiederholung mit Variationen legt nahe, dass trotz – oder wegen – etlicher Veränderungen vieles gleich bleibt: Im Verhältnis der "Rassen" in den USA gibt es offenbar "Invarianten" und "Konstanten", wie sie der französische Soziologe Pierre Bourdieu in "Die männliche Herrschaft" 1998 auch für das Geschlechterverhältnis konstatierte.

Es ist irreführend zu glauben, es ginge hier primär um ein psychologisches Problem von hartnäckigen Vorurteilsstrukturen oder um individuelle diffamierende Handlungen und Äußerungen. Rassismus ist auch nicht die unglückliche Folge unterschiedlicher Hautpigmentierung oder Nasenformen – also letztlich biologischer Unterschiede, die unter dem Begriff "Rasse" subsumiert werden. Tatsächlich ist "Rasse" bereits eine rassistische Kategorie, nämlich die Rechtfertigung eines Unterdrückungsverhältnisses, die sich auf vermeintliche Unterschiede in der Biologie des menschlichen Körpers bezieht und diese um Zuschreibungen erweitert. Tatsächlich unterdrücken wir Menschen nicht, weil sie anders sind, sondern nennen sie anders, weil wir sie unterdrücken (können).[2]

Durch eine Reihe komplexer psychosozialer Mechanismen können diese Zuschreibungen, wenn ein solches Unterdrückungsverhältnis lange genug besteht, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden: Durch die Internalisierung von Zuschreibungen können sich Mitglieder der unterdrückten Gruppe irgendwann so verhalten, wie man es von ihnen ständig erwartet – auch deshalb, weil es auf Dauer schwer ist, dem negativen Bild, das andere von einem haben, ein anderes positives Selbstbild entgegenzusetzen, also mit einem doppelten Bewusstsein zu leben. Du Bois hat dafür den Begriff "double consciousness" (doppeltes Bewusstsein) geprägt, und auch dieses Phänomen ist ein Topos der afroamerikanischen Literatur. Durch eine "pars-pro-toto-Verzerrung" können für die Zuschreibungen auch immer Beispiele gefunden und auf die gesamte unterdrückte Gruppe angewendet werden.[3] Das liegt auch an einer Vertauschung von Ursache und Wirkung: Einer Gruppe wird der Zugang zu verschiedensten Tätigkeitsfeldern verweigert oder zumindest erschwert, dann wird ihnen eine Neigung zu den übrig gebliebenen Tätigkeiten nachgesagt, etwa der physischen Arbeit, dem Sport, dem Kreditwesen oder kriminellem Handeln.

Schließlich konstruiert lang anhaltende Unterdrückung die Gruppe, die sie postuliert: Wer eine spezifische historische Erfahrung von Diskriminierung teilt, versteht sich irgendwann als Gruppe, und die Solidarität, die hier entstehen kann, ist sowohl Selbstschutz als auch ein erster Schritt der Ermächtigung – aber auch dies wird wieder als Bestätigung der Postulierung einer Gruppe verstanden.

Den Soziologen Matthew Desmond und Mustafa Emirbayer zufolge wird "Rasse" so zu einer "begründeten Fiktion" – zugrunde aber liegt der "Rasse" ein Machtverhältnis.[4] Deshalb ist es falsch, von der Langlebigkeit des Rassismus zu reden. Vielmehr muss die Beständigkeit einer ungerechten Machtordnung reflektiert werden, in diesem Fall der Rassenordnung (racial order), die in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen wirksam ist.

Fußnoten

1.
W.E.B. Du Bois, The Evolution of the Race Problem, in: National Negro Conference (Hrsg.), Proceedings of the National Negro Conference, New York 1909, S. 142–158.
2.
Vgl. hier und im Folgenden Norbert Elias/John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 2002, S. 27. Ich widerspreche mit Elias der geläufigen Auffassung, dass sich Menschen über andere erheben, "weil diese irgendwie anders sind". Dies wurde von Laura Cwiertnia et al. in Bezug auf den Antisemitismus behauptet, Wie antisemitisch ist Deutschland?, in: Die Zeit, 1.2.2018, S. 14.
3.
Elias/Scotson (Anm. 2), S. 13.
4.
Matthew Desmond/Mustafa Emirbayer, What is Racial Domination?, in: Du Bois Review 2/2009, S. 335–355, hier S. 339.
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Autor: Astrid Franke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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