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Gewalt in modernen Gesellschaften - zwischen Ausblendung und Dramatisierung


31.10.2002
Öffentliche Diskussionen über Gewalt und sozialwissenschaftliche Analysen sind hierdurch geprägt: eine spezifische Spannung zwischen Ausblendung und Dramatisierung von Gewalt.

Einleitung



Gewalt in modernen Gesellschaften ist ein paradoxes Phänomen: Einerseits gelten solche Gemeinwesen ihrem Selbstverständnis nach als zivilisiert, als zumindest nach innen gewaltfrei und befriedet. Gerade dies wird als Unterschied zu vormodernen oder nichtmodernen Gesellschaften angesehen. Andererseits werden immer wieder Horrorszenarien einer allgegenwärtigen Gewalt entwickelt. Ein "Krieg in den Städten" oder "Zeitbomben in den Vorstädten" drohten die moderne Gesellschaft in ihrem Inneren zu zerstören. Jugendgewalt, rechte Gewalt, Gewalt in den Medien, Gewalt in der Schule, Gewalt in der Familie, Bandengewalt - alles verdichtet sich zu einem düsteren Bild des Zerfalls der Gesellschaft. Nicht nur die öffentliche und politische Diskussion um Gewalt ist durch diese Spannung zwischen Ausblendung einerseits und Dramatisierung andererseits geprägt. Auch sozialwissenschaftliche Analysen zu Gewalt bewegen sich zwischen diesen beiden Polen und liefern entsprechende Erklärungen, Umfrageergebnisse und Statistiken.

Beiden Haltungen - Ausblendung und Dramatisierung - ist gemeinsam, dass Gewalt als Fremdkörper, als Defizit und als Synonym für Bedrohung, Zerfall und Auflösung der Gesellschaft betrachtet wird: Entweder bricht Gewalt als Barbarei von außen in die Gesellschaft herein, oder sie löst - als Pathologie der modernen Gesellschaft - diese von innen, aus ihrer Mitte heraus auf. Eine solche Defizitperspektive bietet keinen geeigneten Ausgangspunkt, um das Phänomen "Gewalt", seine Ursachen und Hintergründe, Abläufe und Prozesse, Effekte und Folgen angemessen analysieren zu können.

Auf der gesellschaftstheoretischen Ebene führt die einseitige Verbindung von Gewalt mit Desintegration - d.h. dem Auseinanderbrechen und Zerfall sozialer Ordnung - dazu, dass die integrierenden, ordnungsstiftenden und -stabilisierenden Wirkungen von Gewalt nicht in den Blick geraten. Gerade darin dürfte aber ein Grund für die Attraktivität und Dauerhaftigkeit von Gewalthandeln liegen. Diese Defizitperspektive auf Gewalt führt in der Tendenz dazu, alle möglichen Phänomene, die als Übel der Gesellschaft erscheinen (Leistungsdruck, Individualismus, Pluralisierung von Werten, Rückzug aus Institutionen etc.) zur unscharfen und vagen Diagnose einer "desintegrierten Gesellschaft" zu verdichten und diese als Ursache für Gewalt auszugeben. Kulturpessimistisch zugespitzt, erscheinen alle produktiven Auswege, Lösungen und Bearbeitungen von Gewaltereignissen geradezu aussichtslos.

Auf der handlungstheoretischen Ebene blendet eine defizitorientierte Gewaltanalyse das eigentliche Gewalthandeln, dessen durchaus unterschiedlichen Kontext, Verlauf und die Folgen aus. Individualistisch verengt, erscheinen die Akteure (vor allem die Täter) entweder einseitig als instrumentell orientiert, den eigenen Nutzen durchsetzend oder aber als Opfer anonymer allgemeingesellschaftlicher Wirkkräfte (Desintegration, Modernisierung, Globalisierung). Sowohl der meist kollektive Charakter von Gewaltereignissen als auch der häufig Ziel-Mittel-Kalkulationen entgrenzende, euphorisierende Charakter von Gewalthandeln und seine Eigendynamiken bleiben ausgeblendet. Zudem wird in den meisten Gewaltanalysen davon ausgegangen, dass Gewalt eine eindeutige, objektiv vorhandene und messbare Größe ist - als sei nicht gerade die Einstufung einer Handlung als Gewalt Gegenstand historischen und kulturellen Wandels und vor allem sozialer und kultureller Auseinandersetzungen. Damit und in Verbindung mit den oft radikal kulturpessimistischen Gesellschaftsdiagnosen werden Gewaltanalysen selbst (teils gewollt, teils ungewollt) zum Spielball von Begriffsstrategien, Dramatisierungen, Stigmatisierungen und des Rufs nach "Recht und Ordnung".

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