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31.10.2002 | Von:
Michael Kunczik
 Astrid Zipfel

Gewalttätig durch Medien?

Der Beitrag enthält eine Kurzdarstellung des Untersuchungsstandes zur Gewalt in der Schule. Ebenso findet sich eine Bilanzierung eigener Studien, die seit 1993 in Ost- und Westdeutschland durchgeführt worden sind.

I. Einführung

Obwohl es keinen Bereich der Medienwirkungsforschung gibt, zu dem mehr Studien vorliegen, ist die Publikationsflut zur Thematik "Medien und Gewalt" [1] ungebrochen. Schätzungen gehen von inzwischen über 5 000 Untersuchungen zu diesem Problem aus, wobei die Quantität der Veröffentlichungen jedoch wenig über die Qualität der Forschungsergebnisse aussagt. [2]


Allerdings sind in der Forschung in den letzten Jahrzehnten durchaus Fortschritte erzielt worden. Aufgrund der inzwischen vorliegenden Befunde besteht heute Konsens darüber, dass Mediengewalt negative Effekte haben kann, wobei allerdings nicht von einem simplen Ursache-Wirkung-Zusammenhang ausgegangen werden darf und nicht die relativ wenig gefährdete Gesamtbevölkerung betrachtet werden muss, sondern vielmehr bestimmte Problemgruppen im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen sollten.


Die Komplexität der Forschungsbefunde und die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Mediengewalt und realer Gewalt ist der Öffentlichkeit allerdings nur schwer zu vermitteln. Nicht zuletzt dadurch, dass jeder täglich mit Massenmedien umgeht, bestehen in Bezug auf deren Wirkungen fest verankerte populärwissenschaftliche Vorstellungen, zu deren Verbreitung die Massenmedien selbst beitragen.

Die Medienwirkungsforschung ist ein gutes Beispiel für die Anwendung einer so genannten "Do It Yourself Social Science" (DYSS), bei der als Faustregel gilt: Je simpler eine These aussieht, desto attraktiver und erfolgreicher ist sie für Außenstehende. Auf diese Weise ist die Annahme, Mediengewalt führe in aller Regel zu gesteigerter Aggressivität, schon fast zur kulturellen Selbstverständlichkeit geworden. In der Propagierung solch einfacher Kausalzusammenhänge liegt eine in der öffentlichen Diskussion bislang wenig beachtete Gefahr: Verhaltensauffälligen oder delinquenten Jugendlichen kann ein willkommenes Argument zur Rationalisierung bzw. Rechtfertigung ihrer Tat und zur Abwälzung von Verantwortung geliefert werden. [3]

Bei aller Kritik an der öffentlichen Medien-und-Gewalt-Debatte ist jedoch auch zu berücksichtigen, dass Forschungsbefunde oft nicht zufrieden stellend kommuniziert werden. Noch immer trifft der von Peter Glotz [4] gegen die Kommunikationswissenschaft erhobene Vorwurf zu, dass sie im Umgang mit der Öffentlichkeit häufig unfähig sei. Die seriöse Forschung gebe sich versonnen Detailstudien hin und überlasse das Feld der öffentlichen Meinung Autoren wie Neil Postman und Marie Winn, deren Bücher (z. B. "Das Verschwinden der Kindheit" oder "Wir amüsieren uns zu Tode" von Postman bzw. "Die Droge im Wohnzimmer" von Winn) sich durch simple, monokausale Erklärungsansätze und eine überpointierte Darstellung auszeichnen. Diese Publikationen sind aber von wissenschaftlicher Warte aus nur insofern interessant, als ihre hohe Popularität einen Indikator für weit verbreitete kollektive Ängste hinsichtlich möglicher negativer Wirkungen des Fernsehens darstellt.

Um eine differenziertere Einschätzung der Gefährlichkeit medialer Gewaltdarstellungen zu ermöglichen, werden im Folgenden Thesen und Befunde zur Wirkung von Mediengewalt vorgestellt. [5]

Fußnoten

1.
Im Folgenden wird unter personaler Gewalt (Aggression) die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person verstanden.
2.
Hinsichtlich der Qualität der Forschung gilt noch immer ein Resümee, das die Kommission "Wirkungsforschung" der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1986 gezogen hat, nämlich dass die Forderung nach der einen Theorie der Medienwirkung nicht erfüllbar ist, weil die Medien und ihre Inhalte viel zu verschieden seien. Auch sind die Randbedingungen, unter denen die Medien wirken, viel zu komplex, als dass es möglich ist, sie in einem konsistenten Satz von Hypothesen zusammenzufassen. Auf die komplizierte Frage nach den möglichen Wirkungen kann keine einfache Antwort gegeben werden. Vgl. DFG, Medienwirkungsforschung in der Bundesrepublik Deutschland, Weinheim 1986.
3.
Zwei Befragungen von Psychologen und Psychiatern bzw. im Jugendstrafrecht tätigen Richtern und Staatsanwälten haben ergeben, dass derartige Rationalisierungsversuche inzwischen häufig vorkommen. Vgl. die Beschreibung dieser beiden Studien im weiteren Verlauf dieses Beitrags.
4.
Vgl. Peter Glotz, Das Spannungsfeld Wissenschaft - Politik - Medien, in: Dieter Roß/Jürgen Wilke (Hrsg.), Umbruch in der Medienlandschaft, München 1991, S. 22 - 29, hier S. 22.
5.
Zu einer ausführlichen Darstellung vgl. Michael Kunczik, Gewalt und Medien, Köln - Weimar - Wien 19984.