Alte Tür mit Schlüssel

23.3.2018 | Von:
Ute Frevert

Politische Bildung – mit Gefühl?

Die eine mag es bei dieser Frage grausen, der andere wird das Frage- in ein Ausrufezeichen verwandeln. Jedenfalls scheiden sich daran die Geister, und das ist gut so. Denn das Thema sorgt für Kontroversen, und Meinungsstreit ist für eine Demokratie das A und O. Meinungen stehen jedoch nicht im luftleeren Raum. Sie bilden sich durch Erfahrungen, selbst gemachte und angelesene. Da sich Erfahrungen im Lebens- ebenso wie im Geschichtsverlauf ändern, bleibt die Meinung selten konstant. Deshalb sind auch die Antworten auf die Frage nach dem Gefühl zeitgebunden.

Vermächtnis des Nationalsozialismus

Wer die Zeit des Nationalsozialismus aktiv erlebt hatte, wollte von Gefühlen, genauer: von politisch aufgerufenen Gefühlen, nichts mehr wissen. Die Nationalsozialisten, allen voran ihr Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, und sein Team, hatten in ihrer Art, Politik unters Volk zu bringen und es für Ziele des Regimes zu mobilisieren, stark auf Gefühle gesetzt. Juristen, sonst eher für ihre Nüchternheit bekannt, schwadronierten vom "gesunden Volksempfinden" und machten daraus eine eigene Rechtskategorie. Der "Führer" wurde zum Objekt absoluter Identifikation und Hingabe stilisiert. Der Glaube an ihn, das Vertrauen in ihn, die Liebe zu ihm waren stetig wiederholte Bekenntnisse; bei manchen "Volksgenossen" überlebte diese innige emotionale Bindung sogar das Kriegsende.[1]

Hitler wusste um diese Kraft des Gefühls, auch wenn er die Massen, die ihm zujubelten, insgeheim verachtete. Schon 1925, im ersten Band von "Mein Kampf", entwickelte er ein Konzept von "politischer Reklame" als "Kunst" emotionaler Massenbeeinflussung und Überzeugung. Da das Volk "in seiner überwiegenden Mehrheit so feminin veranlagt und eingestellt" sei, "daß weniger nüchterne Überlegung als vielmehr gefühlsmäßige Empfindung sein Denken und Handeln bestimmt", habe Propaganda "in psychologisch richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum Herzen der breiten Masse" zu finden: "So muß ihr Wirken auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand."[2]

Dieser Leitlinie folgte nach 1933 der generalstabsmäßig organisierte Goebbels’sche Apparat.[3] Er inszenierte grandiose Veranstaltungen, die die "grauen Massen" dank einer ausgeklügelten Licht- und Formchoreographie in einen "tollen Rausch der Begeisterung" versetzten, wie bei der Berliner Maifeier 1933. Nach Hitlers Rede stand gemeinsames Singen auf dem Programm: "Gläubig und stark klingt Horst Wessels Lied in den ewigen Abendhimmel hinauf (…) Es ist keine Phrase mehr: wir sind ein einzig Volk von Brüdern geworden."[4] Propaganda fand jedoch nicht nur auf dem Tempelhofer Feld statt. Auch und vor allem im Schulunterricht sowie bei den anschließenden Aktivitäten der Hitlerjugend wurden Kinder und Jugendliche – die zentrale Zukunftsressource des "Dritten Reichs" – auf die bedingungslose Liebe zu Führer und Vaterland eingeschworen. Während des Krieges kam dann der Hass auf die äußeren Feinde jenes Vaterlandes hinzu; mit den inneren hatte man schon vorher kurzen Prozess gemacht.

Politische Bildung im Nationalsozialismus, wie sie sich in Schule und Jugendorganisationen, aber auch in den zahllosen, alle Bevölkerungsgruppen erfassenden und gleichgeschalteten Verbänden und Vereinen vollzog, war demnach auf bislang unbekannte Weise emotional grundiert. Zwar hatte es auch im Kaiserreich bereits eine Erziehung zu Vaterlandsliebe und Kaisertreue gegeben: In den Volksschulen wurden patriotische Gedichte und Lieder eingeübt, Erzählungen über den Monarchen und seine gute Regierung standen in jeder Lesefibel, und selbst in der Kirche predigten evangelische Pfarrer von der Kanzel über die gottgewollte Pflicht, den Kaiser zu ehren und ihm gehorsam zu sein. Aber von einem "tollen Rausch", der dabei über die Gläubigen kam, war nirgendwo die Rede. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, auch wenn Sympathie für die jeweilige Dynastie durchaus vorhanden und erblich war. Zudem gab es konkurrierende Identifikationen und Bildungsprozesse: Katholiken hielten größere Distanz zum Staat als Protestanten, während Sozialdemokraten zumindest theoretisch den Staat und seine obersten Repräsentanten ganz ablehnten und ihren eigenen Heldinnen und Helden huldigten: Karl Marx und Ferdinand Lassalle, August Bebel oder Rosa Luxemburg.

Vernunft versus Herz in Weimar

Auch die Weimarer Republik ließ alternative politische Orientierungen gelten, selbst wenn sie sich bemühte, einen republikanischen Grundton zu finden und in der Bevölkerung zu verbreiten. Im Freistaat Preußen, dem größten und einflussreichsten Land, wurden unter den Kultusministern Carl Heinrich Becker und Adolf Grimme Volkshochschulen als Orte (auch) politischer Bildung ausgebaut. Sie richteten sich an Erwachsene, während Kinder und Jugendliche in den nur langsam reformierten Schulen etwas über ihre staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten lernen sollten. Die neue Weimarer Verfassung bot den passenden Grundlagentext. Allerdings lasen sich ihre Paragraphen staubtrocken und abstrakt. Konkreter und lebendiger wurde Politik auf der Straße, während der immer heftiger polarisierten und polarisierenden Wahlkämpfe, deren agonaler Charakter sich nicht auf Wortgefechte beschränkte. Die aushängenden Wahlplakate sprachen Bände; sie suchten mit expressiver Grafik und zündenden Parolen zu überzeugen und machten zugleich in grellen Farben und drastischen Karikaturen deutlich, wo der jeweilige Feind stand.

Um jenseits solcher Freund-Feind-Demarkationen, die in ihrer Heftigkeit etwas Neues waren, eine positive Bindung an die Republik zu ermöglichen, feierte man alljährlich am 11. August, dem Tag der Unterzeichnung der Weimarer Reichsverfassung, einen Verfassungstag. Hier wurde, in den Worten des mit der Gestaltung betrauten Reichskunstwartes Edwin Redslob, "die Verbindung der Regierung und ihrer Gäste mit der Gesamtheit des Volkes geschaffen". Die Feier, anfangs "akademisch kühl", sollte "werbende Kraft" entfalten und eine "Form gemeinsamen Bekenntnisses zum Aufbau des neuen Staates" sein.[5] Vor dem Berliner Reichstag spielten in kaiserlicher Tradition Militärkapellen auf, und schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten im Wind. Volksfeststimmung wollte dennoch nicht aufkommen – und war auch nicht gewollt. Die Staatssymbolik Weimars gerierte sich betont nüchtern und pathosfern. Sogar Sozialdemokraten, die parteiintern schon im 19. Jahrhundert eine hochemotionale politische Kultur mit intensiver Bindungskraft entwickelt hatten, hielten sich in Sachen Staatsgefühle deutlich zurück. Als ein SPD-Abgeordneter in der Nationalversammlung das Wesen der Demokratie definierte, fiel ihm dazu lediglich ein, "daß jeder im Volke mitarbeitet, daß er sich seiner Rechte bewußt ist, und daß aus dieser Wahrung seiner Rechte und aus der Geltendmachung seiner Rechte durch Bestellung seiner Vertrauensleute das Vertrauen als Blüte hervorwachse".[6] Einen Hauch von Affektivität verströmte hier allenfalls die Blumenmetapher.

Ihren markantesten Ausdruck fand diese Nüchternheit im Begriff des Vernunftrepublikaners. So nannten sich viele, am prominentesten der Schriftsteller Thomas Mann, der liberale Politiker und Außenminister Gustav Stresemann und der Geschichtsprofessor Friedrich Meinecke, der sich erst im Januar 1919 vom "Herzensmonarchist" zu einem "der Zukunft zugewandten" Unterstützer der Republik wandelte. Sein Herz schlug auch weiterhin für das Kaiserreich, in dessen Strukturen und dynastischen Anhänglichkeiten der 1862 Geborene aufgewachsen und sozialisiert worden war.[7] Der Staatsform der Republik und ihren Repräsentanten vermochte er sich nur mit dem Kopf anzunähern. Nicht zufällig warb er für einen mächtigen, vom Volk direkt gewählten Präsidenten, in dem manche einen "Kaiserersatz" oder "Ersatzkaiser" witterten und der das verbreitete Bedürfnis nach einer "starken Führerschaft" befriedigte. Einen solchen Führer verhießen die zahllosen "barfüßigen Propheten", die in den 1920er Jahren durch die Lande zogen, und ihn wünschte sich auch der junge Journalist Joseph Goebbels. "Deutschland sehnt sich nach dem Einen", schrieb er 1924 ins Tagebuch: "Uns rettet nur noch letzte Sammlung der Kraft, Begeisterung und restlose Hingabe."[8]

Vor die Zerreißprobe zwischen emotionaler Kälte und Hitze, zwischen "vernünftiger" Loyalität und passionierter Erlösungshoffnung gestellt, fiel es dem Weimarer Staat nicht leicht, eine pathosfreie, gleichwohl affektiv bindende politische Bildung und Kultur zu schaffen. Dass eine solche Bindung dringend notwendig war, zeigte sich vor allem in den Krisenjahren der Republik. Hingabe an und Begeisterung für die Verfassung und ihre gefährdeten Institutionen waren Mangelware. Selbst wenn sich einige der wortmächtigen Kritiker von links unter dem Eindruck des Zerfalls noch zu Vernunftrepublikanern bekehrten, reichte das nicht, um dem von den Extremen her attackierten und in seiner Mitte ausgehöhlten Staat den Rücken zu stärken. Diejenigen, die sich für ihn aus Herz, Gesinnung und Überzeugung erwärmen konnten, waren in der Minderheit. Das zeigte sich nicht nur in den Wahllokalen, sondern auch dort, wo sich der Staat um affektive Zustimmung bemühte. Als 1931, nach langen Querelen und in denkbar schlichter Gestaltung, die Neue Wache Unter den Linden als zentrales Denkmal für die Gefallenen des Weltkriegs eingeweiht wurde, blieben viele der Ehrung fern, weil sie ihnen zu unheroisch war. Nach 1933 beeilten sich die neuen Machthaber, den Volkstrauertag in "Heldengedenktag" umzutaufen und statt Trauer Stolz, "Erhebung" und "Hoffen auf das Aufgehen der blutigen Saat" zu demonstrieren.[9]

Fußnoten

1.
Vgl. Victor Klemperer, LTI. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1975, S. 111–127, S. 250–259, S. 279f.
2.
Adolf Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition, hrsg. v. Christian Hartmann et al., Bd. 1, München 2016, S. 499ff., S. 507.
3.
Vgl. Bernd Sösemann, Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur, 2 Bde., Stuttgart 2011.
4.
Joseph Goebbels, Tagebucheinträge vom 28.4. und 1.5.1933, in: Elke Fröhlich (Hrsg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil I, Aufzeichnungen 1924–1941, Bd. 2, München 1987, S. 413ff.
5.
Erwin Redslob, Die Staatsfeiern der Reichsregierung, in: ders., Bekenntnis zu Berlin. Reden und Aufsätze, Berlin 1964, S. 11–17, Zitate S. 15; vgl. auch Karin Kitowski/Rüdiger Wulf, Die Liebe zu Volk und Vaterland. Erziehung zum Staatsbürger in der Weimarer Republik, Dortmund 1999.
6.
Zit. nach Ute Frevert, Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne, München 2013, S. 183.
7.
Vgl. ebd., S. 181; siehe auch Andreas Wirsching/Jürgen Eder (Hrsg.), Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik, Stuttgart 2008.
8.
Joseph Goebbels, Tagebucheintrag vom 4.7.1924, in: Fröhlich (Anm. 4), Bd. 1, S. 34; siehe dazu auch Ulrich Linse, Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre, Berlin 1983.
9.
Sabine Behrenbeck, Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole, Vierow 1996, S. 293ff.
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Autor: Ute Frevert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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