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31.10.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Religion war über Jahrzehnte eine eher zu vernachlässigende Kategorie in der Politik. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat dieses Verhältnis als Faktor in den internationalen Beziehungen besondere Bedeutung erlangt.

Einleitung

Religion war über Jahrzehnte eine eher zu vernachlässigende Kategorie in der Politik. Die islamische Revolution 1979 im Iran hob jedoch die politische Brisanz religiöser Vorstellungen wieder ins öffentliche Bewusstsein. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat das Verhältnis von Religion und Politik als Faktor in den internationalen Beziehungen besondere Bedeutung erlangt. Noch ist nicht klar erkennbar, ob es sich dabei nur um eine Instrumentalisierung von Religion für politische Zwecke handelt oder ob wir es mit einer genuinen Renaissance des Religiösen zu tun haben. Wenn der Islam und das Christentum schon immer einen allumfassenden Anspruch erhoben haben, so erscheint dieser im Zeitalter der Globalisierung in einem neuen Licht.

Wie es historisch zur Trennung von Religion und Politik gekommen ist, zeigt Otto Kallscheuer in seinem Essay. Diese Trennung sei ein Spezifikum der westlichen Christenheit und habe sich über mehrere Jahrhunderte hingezogen. Wichtige Schritte in diesem Trennungsprozess seien die Reformation und die Globalisierung des Kapitalismus sowie die Entstehung imperialer Nationalstaaten seit der Französischen Revolution gewesen. Der Autor betont den expansionistischen Charakter sowohl des Christentums als auch des Islam. Letzterer verfüge aber noch über keine internationale Organisationsform, die ihn vor politischer Instrumentalisierung und ideologischer Pervertierung schützen könne.

Von der Beharrlichkeit der Religion in der Politik gehen auch Michael Minkenberg und Ulrich Willems aus. Sie untersuchen in ihrem Beitrag, wie dies aus politikwissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Im Einzelnen behandeln sie das Säkularisierungsparadigma, das Verhältnis von Demokratie und Religion, das Staat-Kirche-Verhältnis sowie den Zusammenhang von Globalisierungsprozessen und religiös-fundamentalistischen Bewegungen.

Das Verhältnis von Religion und Politik in den postkommunistischen Staaten Ostmittel- und Osteuropas ist bis heute spannungsvoll und durch historische Erfahrungen sowohl negativ als auch positiv aufgeladen, stellt Detlef Pollack fest. Er beschreibt zuerst die Veränderungen im Verhältnis von Religion und Politik bzw. Kirche und Staat in diesen Ländern, um dann der Frage nach der Akzeptanz der Kirchen nachzugehen. Die Religionsgemeinschaften leiden umso stärker unter einem Legitimationsverlust, je stärker sie in die Politik intervenieren, so das Resümee des Autors.

Wie problematisch sich die Beziehungen zwischen Religionsgemeinschaften entwickeln können, zeigt das Beispiel Indien. Julia Eckert beschreibt anhand des Hindu-Nationalismus, wie eine nationalistische Bewegung ihre religiöse und politische Macht gegenüber einer religiösen Minderheit missbraucht. Das Projekt der Hindu-Nationalisten sei offensiv und schaffe, um sich von der muslimischen Minderheit abzugrenzen und um eine eigene Identität zu formen, Feindbilder, welche die Grundlage der Gewalt auf kommunaler Ebene bilden. Das republikanische Staatsverständnis solle durch ein religiöses ersetzt werden.

Dietrich Jung geht anhand der historischen Entwicklung des Islam der Frage nach, ob es tatsächlich die behauptete Einheit von staatlicher Herrschaft und religiöser Ordnung gibt. Sein Fazit: Weder durch den Rückgriff auf die Frühgeschichte des Islam noch mittels der Quellen der Offenbarung oder mit Hilfe des islamischen Rechts lasse sich diese behauptete Einheit von Politik und Religion begründen.