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31.10.2002 | Von:
Michael Minkenberg
Ulrich Willems

Neuere Entwicklungen im Verhältnis von Politik und Religion im Spiegel politikwissenschaftlicher Debatten

Eine Vielzahl von Entwicklungen innerhalb und außerhalb Europas bezeugt die Beharrlichkeit der Religion auch in der Politik und eine veränderte Rolle ihr gegenüber. Dies führte zu einer Differenzierung in der Wissenschaft.

I. Religiöse Renaissance oder Politisierung der Religion

Das Verhältnis von Politik und Religion genießt nicht erst seit dem 11. September 2001 erhöhte Aufmerksamkeit im Alltagsdiskurs und in der Wissenschaft. Denn mit der seit mehr als zwanzig Jahren wachsenden Bedeutung von Religion in der Öffentlichkeit ist auch das Interesse an diesem Verhältnis und seiner zukünftigen Gestalt gestiegen. Bisher ist allerdings unklar, ob es sich nur um eine Politisierung der Religion sowie der bisherigen Regelungen des Verhältnisses von Religion und Politik, Staat und religiösen Gemeinschaften handelt oder ob nicht vielmehr eine genuine Renaissance des Religiösen im Gange ist. Die bisherige Beschäftigung mit diesem Verhältnis gibt nicht zuletzt aufgrund einiger Schieflagen keine klare Auskunft. So wird einerseits der Religion in der Politikwissenschaft jenseits der klassischen Felder der Wahl- und Parteienforschung und der Sozialstaatsforschung allenfalls marginale Beachtung geschenkt. [1] Andererseits ist eine einseitige Konzentration auf spektakuläre Ausprägungen wie den Fundamentalismus festzustellen. Das Feld wurde bislang weitgehend den Religionssoziologen und Staatskirchenrechtlern überlassen. Eine grundsätzlichere und zugleich umfassende Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Politik und Religion in der Moderne steht noch aus.


Dabei deutet eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Entwicklungen auf die Beharrlichkeit der Religion auch in der Politik und eine veränderte Rolle gegenüber der Politik hin. Hierzu zählt nicht nur die Formierung und Mobilisierung fundamentalistischer Bewegungen in nahezu allen religiösen Traditionen sowohl in modernen westlichen als auch in so genannten Schwellen- oder Entwicklungsländern. [2] Auch die Zahl gewaltsam ausgetragener Konflikte, in denen die religiöse Komponente zumindest eine wesentliche Rolle spielt, sowie religiös motivierter Bürgerkriege (etwa auf dem indischen Subkontinent und auf dem Balkan sowie in einzelnen afrikanischen Staaten, nicht zu vergessen Nordirland) nimmt zu. [3] Ein weiteres Element sind die von José Casanova als "Deprivatisierung der Religion" bezeichneten Phänomene eines verstärkten öffentlichen Engagements von Kirchen und religiösen Organisationen in der Politik und einer damit zusammenhängenden Politisierung des Religiösen in Lateinamerika, den USA und Europa. [4] Darüber hinaus verzeichnen sowohl das Christentum als auch der Islam ein erhebliches Wachstum vor allem in den Ländern der so genannten Dritten Welt. Dieses Wachstum geht im Christentum zudem mit einer deutlichen Veränderung von religiöser Praxis und politischen Orientierungen einher. So zeichnet sich etwa das dortige katholische Christentum durch hierarchischere innerkirchliche Strukturen und deutlich konservativere Einstellungen zu soziomoralischen Fragen aus. [5]


Sogar in Europa, wo der politische Einfluss organisierter Religion seit dem Aufschwung in der Nachkriegszeit wieder deutlich zurückgegangen ist, nehmen in der Folge der Pluralisierung der religiösen Landkarte die Konflikte an der Schnittstelle von Religion und Politik zu. Zu den vielfältigen Erscheinungsformen dieser Pluralisierung zählen die Einwanderung nichtchristlicher, vor allem muslimischer Minderheiten, die gestiegene Zahl der christlichen Migranten, bei denen andere religiöse Orientierungen vorherrschen als im europäischen Christentum, die wachsende Zahl der Konfessionslosen, die Formierung neuer religiöser Bewegungen und Sekten sowie nicht zuletzt der europäische Einigungsprozess. Dadurch geraten die bisherigen Muster der institutionellen Regulierung des Verhältnisses von Religion und Politik unter Rechtfertigungsdruck, denn diese Regelungen verdanken sich historischen Kompromissen zwischen den christlichen Konfessionen sowie zwischen diesen und dem Staat und vermögen der neuen religiösen und weltanschaulichen Pluralität nicht mehr Rechnung zu tragen. [6]

Diese Entwicklungen in unterschiedlichen Teilen der Welt werden durch Prozesse der Globalisierung beschleunigt und miteinander verknüpft. [7] Die weitere Schwächung staatlicher Institutionen und nationaler Identitäten schafft vor allem in Ländern der Dritten Welt ein ideologisches Vakuum, in dem religiöse Traditionen zu Kernen kultureller Identitäten, transnationaler Einheitsprojektionen und Loyalitäten avancieren können. [8] Die global operierenden Medien machen die Aktivitäten religiöser Akteure sowie die Reaktionen von Staaten und Gesellschaften weltweit beobachtbar und können so zu Lern- und Nachahmungseffekten führen. Die neuen Kommunikationstechnologien haben zudem die Mobilisierungs- und Handlungsfähigkeit religiöser Akteure deutlich verbessert, wie das Beispiel der christlichen Rechten in den USA verdeutlicht. Schließlich vernetzen sich religiöse Akteure in verstärktem Maße transnational und operieren zunehmend auch auf internationaler Ebene.

Diese veränderte Wirklichkeit hat sich in Differenzierungen des wissenschaftlichen Diskurses über Politik und Religion niedergeschlagen. Im Folgenden sollen vier zentrale Felder der aktuellen Diskussion herausgegriffen werden: die Debatte um das Säkularisierungsparadigma, die Diskussion des Verhältnisses von Demokratie und Religion, die Problematisierung des Staat-Kirche-Verhältnisses sowie die Erforschung der Zusammenhänge von Globalisierungsprozessen und gegenwärtigen religiös-fundamentalistischen Bewegungen.

Fußnoten

1.
Vgl. z. B. David Hanley (Hrsg.), Christian Democracy in Europe. A Comparative Perspective, London 1994; Karl Schmitt, Konfession und Wählerverhalten in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1989; Gøsta Esping-Andersen, The Three Worlds of Welfare Capitalism, Princeton 1990. Für allgemeinere Überblicke vgl. Erhard Forndran (Hrsg.), Religion und Politik in einer säkularisierten Welt, Baden-Baden 1990; Heinz-Dieter Meyer/Michael Minkenberg/Ilona Ostner (Hrsg.), Religion und Politik, Opladen 2000.
2.
Vgl. Gilles Kepel, Die Rache Gottes, München 1994; Michael Minkenberg, Neokonservatismus und Neue Rechte in den USA, Baden-Baden 1990; Steve Bruce, Fundamentalism, Cambridge 2000.
3.
Vgl. Marie-Janine Calic, Religion und Nationalismus im jugoslawischen Krieg, in: Heiner Bielefeldt/Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Politisierte Religion, Frankfurt/M. 1998, S. 337 - 359; Werner Ruf, Gewalt und Gegengewalt in Algerien, in: U. Bielefeldt/W. Heitmeyer, ebd., S. 320 - 336; Steve Bruce, God Save Ulster! The Religion and Politics of Paisleyism, Oxford 1986. Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch den Beitrag von Julia Eckert in diesem Heft.
4.
Vgl. José Casanova, Public Religions in the Modern World, Chicago 1994.
5.
Vgl. Philip Jenkins, The Next Christianity, in: The Atlantic Monthly, 290 (2002) 3, S. 53 - 68, hier S. 59 - 62.
6.
Vgl. Ulrich Willems, Weltanschaulich-neutraler Staat, christlich-abendländische Kultur und Laizismus, in: Manfred Walther (Hrsg.), Religion und Politik, Baden-Baden (i. E.).
7.
Vgl. Roland Robertson (Hrsg.), Religion and Global Order, New York 1991; Jeff Haynes, Religion in Global Politics, London - New York 1998.
8.
Vgl. P. Jenkins (Anm. 5), S. 67 - 68.