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31.10.2002 | Von:
Detlef Pollack

Religion und Politik in den postkommunistischen Staaten Ostmittel- und Osteuropas

II. Religionsgemeinschaften in Ostmittel- und Osteuropa

In nicht wenigen Ländern Ostmitteleuropas spielten die Kirchen im Prozess des politischen und sozialen Umbruchs von 1989/90 eine herausragende Rolle. In einem Land wie Polen, in dem fast die gesamte Bevölkerung der katholischen Kirche angehört, ist diese Rolle unübersehbar. Dort stand die Kirche, indem sie den Dialog mit den Mächtigen nie abreißen ließ und zugleich staatliche Übergriffe auf die kirchliche Jurisdiktionshoheit abwehrte, bereits seit den fünfziger Jahren in einer gemäßigten Opposition zum sozialistischen Regime. Seit den achtziger Jahren unterstützte sie die staatskritischen Aktivitäten der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc, die wie keine andere Oppositionsbewegung des früheren Ostblocks die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen umfasste - Intellektuelle und Arbeiter, Sozialisten und Antikommunisten, engagierte Christen und Kirchendistanzierte - und damit im Gegenüber zur totalitären Staatsmacht die gesamte Gesellschaft zu repräsentieren vermochte. In Polen besaß die katholische Kirche eine solche gesellschaftliche Macht, dass sie sich selbst an der Gestaltung des politischen Umbruchs von 1989/90 beteiligen konnte. Aber auch in der Tschechoslowakei trug die Kirche - allen voran der Prager Kardinal Frantisek Tomasek - die Opposition gegen die kommunistische Herrschaft mit. [2] Und auch in der DDR boten die evangelischen Kirchen ein Schutzdach für die oppositionellen Friedens-, Umwelt- und Gerechtigkeitsgruppen und zugleich eine öffentliche Plattform für deren systemkritisches Engagement. [3]

Trotz der teilweise harten Unterdrückung der Kirchen in der Zeit des Kommunismus, trotz der Enteignung kirchlichen Eigentums, trotz der Liquidierung großer Teile des Klerus, der Absetzung von Bischöfen, der Unterwanderung der kirchlichen Hierarchie und ihrer politischen Vereinnahmung vermochten die Kirchen in den meisten Ländern des Staatssozialismus eine politische Gegenmacht zum kommunistischen Regime aufzubauen und politische Resistenzkräfte zu mobilisieren. In dieser Zeit konnten die Kirchen die um ihre Machterhaltung besorgte politische Führung bereits durch kleinste Abweichungen vom politisch Gewünschten herausfordern und verunsichern.

Auch dort, wo die Kirchen mit dem kommunistischen Regime kollaborierten, wie etwa die russisch-orthodoxe Kirche in der Sowjetunion, die orthodoxe Kirche in Bulgarien und Rumänien oder Teile der evangelischen bzw. katholischen Kirche in Ungarn oder in der Tschechoslowakei, wurden sie noch als Alternativen zum sozialistischen System wahrgenommen. Zumindest weltanschaulich waren sie niemals völlig gleichgeschaltet. Es ist daher nicht überraschend, dass die Kirchen und Religionsgemeinschaften von den in den siebziger und achtziger Jahren immer sichtbarer werdenden Pathologien des Staatssozialismus profitierten. In der Endphase des Sozialismus kam es in dem Maße, wie die Krise des Systems offenkundig wurde und der Glaube an den Sieg des Sozialismus seine Überzeugungskraft einbüßte, in allen Ländern des Staatssozialismus zu einem neuen Interesse an Religion und Kirche, insbesondere unter Jugendlichen und Intellektuellen. In den Ländern Ostmitteleuropas setzte dieses neue Interesse an Religion und Kirche bereits in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre ein, in der Sowjetunion spätestens 1988. [4]

Nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus erwarteten daher nicht wenige einen weiteren Aufschwung des religiösen und kirchlichen Engagements sowie eine Rückbesinnung der Menschen auf jene Werte und Normen, die durch das repressive System des administrativen Sozialismus unterdrückt, stigmatisiert und ausgegrenzt worden waren. Tatsächlich nahm die Zahl der Gottesdienstbesucher und der religiös Interessierten in der Phase des Umbruchs von 1989/90 und in der Zeit unmittelbar danach auf beachtliche Weise zu. Nachgewiesen ist diese Zunahme für die Tschechoslowakei, Slowenien, Restjugoslawien, Ungarn, Russland und die Ukraine. [5] Auch das Vertrauen in die Kirchen war in dieser Zeit außerordentlich hoch. [6] Dabei erwarteten die Menschen von der Kirche nicht nur seelsorgerischen Beistand und rituelle Begleitung, sondern auch und vor allem die Wahrnehmung gesellschaftlicher Aufgaben. Kirche, so dachten damals viele, solle auch zu Problemen der Dritten Welt, der Rassendiskriminierung, der Abrüstung, der Arbeitslosigkeit oder der Umweltverschmutzung öffentlich Stellung beziehen. [7] Offenbar wiesen die Menschen in der Zeit des krisenhaften sozialen, politischen und wirtschaftlichen Übergangs der Kirche die Aufgabe zu, gesellschaftlich integrativ zu wirken und normative Orientierungsfunktionen zu erfüllen. Auffällig aber ist, wie groß trotz der hohen Erwartungen an die Kirche, trotz des neuen Interesses an ihrem Wirken und trotz der politischen Liberalisierung, die den Kirchen neue gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten verschaffte, ihre Umstellungsprobleme in den ehemals staatssozialistischen Ländern waren. Diese Probleme resultierten nicht nur daraus, dass Pfarrer und Priester vielfach sehr alt und oft nicht gut ausgebildet waren, dass die Kirchen den Anschluss an neuere theologische Entwicklungen vernachlässigt hatten und nicht wenige ihrer Mitarbeiter durch die Kompromisse, die sie in der Vergangenheit eingegangen waren, politisch belastet und kompromittiert waren. Ein besonders schwer wiegendes Problem bestand darin, dass es vielen Kirchen erstaunlich schwer fiel, sich auf die größtenteils doch gewünschten und angestrebten gesellschaftlichen Verhältnisse, auf Demokratie und Marktwirtschaft, auf kulturellen Pluralismus und religiösen Individualismus einzustellen.

In Russland zum Beispiel wandte sich die russisch-orthodoxe Kirche in offiziellen Stellungnahmen gegen geistigen und moralischen Relativismus und erhob teilweise sogar den Anspruch auf ein Wahrheitsmonopol. [8] Aber nicht nur in orthodoxen Ländern, auch in Polen versah die Kirche ihre offiziellen Stellungnahmen nicht selten mit einem moralisch-geistigen Führungsanspruch. Sie gab Empfehlungen heraus, welche Parteien vom kirchlichen Standpunkt aus wählbar seien und welche nicht, nahm Einfluss auf politische Entscheidungen der Regierung, unterstützte den "guten Katholiken" und "echten Polen" Lech Walesa gegen andere Kandidaten im Kampf um die Wahl zum Präsidenten und gebärdete sich nicht selten als moralische Erziehungsanstalt, die den Menschen vorschreiben kann, nach welchen Werten und Normen sie ihr persönliches Leben einzurichten haben. [9] Nur sehr langsam begriff die Kirche, dass die Zeit vorüber war, in der sie als Gegenüber zum autoritären Staat für die Mehrheit der Bevölkerung zu sprechen vermochte, ihre politischen Stellungnahmen gewünscht waren und sie zu allen Fragen des gesellschaftlichen Lebens Äußerungen mit gesamtgesellschaftlichem Verbindlichkeitsanspruch tätigen konnte. Nach den Umbruchsereignissen von 1989/90 verlor die Kirche ihren Ausnahmestatus und wurde zu einer Institution unter vielen. Den damit verbundenen politischen Funktionsverlust musste sie erst verarbeiten.

Die Mehrheit der Menschen, so ergab eine Bevölkerungsbefragung von 1994 in Polen, wollte sich in Fragen der Politik, der Kindererziehung, der Moral, der Sexualität nicht nach den Maßgaben der Kirche richten, sondern eigenverantwortlich über ihr Verhalten entscheiden. [10] Wie in den westeuropäischen Ländern lag in den ehemals kommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas in den neunziger Jahren der Anteil derer, die eine Beeinflussung der Wahlen durch religiöse Führer ablehnten, bei mehr als 75 Prozent. [11] Gerade in Polen musste die katholische Kirche schmerzhaft erleben, dass ihre politischen Empfehlungen trotz der Zugehörigkeit fast der gesamten Bevölkerung zur Kirche nicht angenommen wurden und die Mehrheit ihre politischen Entscheidungen geradezu im Gegensatz zu den kirchlich ausgegebenen Richtlinien traf. [12] So ist es nicht verwunderlich, dass das überraschend hohe Vertrauen in die Kirchen in vielen Ländern Ostmitteleuropas nach einer Phase der Euphorie wieder sank und in einigen Ländern, etwa in Slowenien, Tschechien, Ostdeutschland oder Ungarn, auch die Zahl der Kirchenmitglieder und der Gottesdienstbesucher wieder zurückging. [13]

Fußnoten

2.
Vgl. M. Spieker, Mittel- und Osteuropa im Aufbruch: Eine Zwischenbilanz, in: Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle Mönchengladbach (Hrsg.), Kirche und Gesellschaft 250, Köln 1998.
3.
Vgl. E. Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949 - 1989, Berlin 1997; D. Pollack, Politischer Protest: Politisch alternative Gruppen in der DDR, Opladen 2000.
4.
Vgl. M. Tomka, Secularization or Anomy? Interpreting Religious Change in Communist Societies, in: Social Compass, 31 (1991), S. 93 - 102.
5.
Vgl. D. Pollack, Religiöser Wandel in Mittel- und Osteuropa, in: ders./I. Borowik/W. Jagodzinski (Hrsg.), Religiöser Wandel in den postkommunistischen Ländern Ost- und Mitteleuropas, Würzburg 1998, S. 9 - 52, hier S. 29 ff.
6.
Vgl. P. M. Zulehner/H. Denz (Hrsg.), Wie Europa lebt und glaubt: Europäische Wertestudie, Düsseldorf 1993, S. 13.
7.
Vgl. ebd.
8.
Vgl. S. Filatov, Kein Gewissen ohne Gewissensfreiheit: Russland vor der Wahl: Glaubensfreiheit oder Staatskirche?, in: M. Smirnov/G. Avvakumov (Hrsg.), Religion und Gesellschaft im postsowjetischen Raum, Würzburg 1996, S. 52 - 59, hier S. 52 f.
9.
Vgl. D. Bingen, Katholische Kirche und Demokratie in Polen 1990 - 1995, Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (1996).
10.
Vgl. I. Borowik, Kirchlichkeit und private Religiosität in Polen, in: D. Pollack/I. Borowik/W. Jagodzinski (Anm. 5), S. 253 - 270, hier S. 265.
11.
Vgl. International Social Survey Programme 1991 und 1998, in: Variable, 27 (1991) bzw. 25 (1998).
12.
Vgl. D. Bingen (Anm. 9), S. 13; J. Luxmoore, Eastern Europe 1995: A Review of Religious Life in Bulgaria, Romania, Hungary, Slovakia, the Czech Republic and Poland, in: Religion, State & Society, 24 (1996), S. 357 - 365, hier S. 358.
13.
Vgl. D. Pollack (Anm. 5), S. 38 ff.; ders., Bleiben sie Heiden? Religiös-kirchliche Einstellungen und Verhaltensweisen der Ostdeutschen nach dem Umbruch von 1989, in: ders./I. Borowik/W. Jagodzinski (Anm. 5), S. 207 - 253, hier S. 229; J. Misovic, Religion und Kirche in der Tschechischen Republik, in: D. Pollack/ I. Borowik/W. Jagodzinski (Anm. 5), S. 271 - 285, hier S. 281.