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31.10.2002 | Von:
Detlef Pollack

Religion und Politik in den postkommunistischen Staaten Ostmittel- und Osteuropas

III. Probleme des religiösen Pluralismus

Das Problem, das die Kirchen in den ehemals kommunistischen Staaten mit der Akzeptanz von Pluralismus und Demokratie hatten, zeigte sich auch in ihrem Verhältnis zu neu entstehenden kleineren Religionsgemeinschaften und Sekten, die nicht selten aus Westeuropa oder den USA einströmten, oder zu einstmals verbotenen, nun aber wieder zugelassenen Kirchen und Denominationen. Von den großen einheimischen Kirchen werden diese kleinen Religionsgemeinschaften und wieder entstehenden Kirchen oft als Bedrohung wahrgenommen, weshalb sie mancherlei Anstrengungen unternehmen, um diese sozial und politisch zurückzudrängen. Vor allem bemühen sich die großen einheimischen Kirchen, etwa die russisch-orthodoxe Kirche, aber auch andere Mutterkirchen, darum, die rechtliche und finanzielle Gleichbehandlung der anderen religiösen Gemeinschaften und Kirchen zu verhindern und sich selbst rechtliche und finanzielle Vorteile zu verschaffen. [14] So wird von ihnen etwa die gesetzliche Verankerung besonders strenger Kriterien für die Zulassung, Registrierung und Anerkennung von Religionsgemeinschaften angestrebt. Ein weiterer Streitpunkt zwischen den Kirchen und Religionsgemeinschaften betrifft die Rückgabe des vom kommunistischen Staat konfiszierten kirchlichen Eigentums.

Problematisch ist auch der Umgang der national dominanten Kirchen mit den religiösen Gemeinschaften ethnischer bzw. nationaler Minderheiten, so etwa im orthodoxen Rumänien, wo eine Minderheit von ungarischen Katholiken lebt, oder in der Slowakei, wo die ungarische Minderheit etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht, oder in Bulgarien, wo neben der Mehrheit der orthodoxen Christen eine muslimische Minderheit von etwa neun Prozent anzutreffen ist. Um ihre eigene Stellung zu verbessern, ziehen die großen Kirchen in den postsozialistischen Ländern immer wieder die nationale Karte. Sie berufen sich auf ihre Verankerung in den kulturellen Traditionen des Heimatlandes, suchen die Nähe zu den politischen Entscheidungsträgern, zweifeln die Kanonizität anderer Kirchen an und bedienen sich nicht selten auch antiwestlicher Ressentiments.

Das Bemühen um die Sicherung des institutionellen Bestandes, um rechtliche und finanzielle Privilegien, um Rückgabe konfiszierten kirchlichen Eigentums sowie der teilweise erhobene Anspruch auf geistige Meinungsführerschaft rufen aber auch antiklerikale Strömungen hervor, die sich gegen die vermeintliche Übermacht der Kirchen zur Wehr setzen und diese als Herrschaftsinstitution bekämpfen. Gerade in Ländern, in denen die Kirche stark ist, etwa in Polen und der Slowakei, [15] aber auch in Ungarn, lassen sich solche antiklerikalen Bewegungen beobachten.

Fußnoten

14.
Vgl. S. Filatov (Anm. 8), S. 55 f.
15.
Vgl. J. Luxmoore (Anm. 12), S. 358.