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15.10.2002 | Von:
Karin Gottschall
Karen Hagemann

Die Halbtagsschule in Deutschland: Ein Sonderfall in Europa?

IV. Fazit: Gegen Kurzschlüsse in der aktuellen Diskussion - Plädoyer für ein erweitertes Verständnis von Bildung

Wir haben argumentiert, dass die Halbtagsschule als reine Unterrichtsschule in Deutschland seit gut hundert Jahren historisch verankert und bis heute im Sozialsystem und dem politischen System der Bundesrepublik fest "vertäut" ist. Gleichwohl gibt es gute Gründe, von diesem einmal eingeschlagenen Pfad abzuweichen. Denn nicht erst das schlechte Abschneiden deutscher Schüler und Schülerinnen in der PISA-Studie, auch weitere Gründe signalisieren, dass Deutschland hier im Vergleich zu anderen Ländern einen Modernisierungsrückstand hat: Dies sind der Wandel der Lebensformen, die erhöhte Erwerbsbeteiligung von Frauen, die zunehmende Multikulturalität unserer Gesellschaft, die Angleichserfordernisse nach der Wiedervereinigung. Allerdings, so das hier vorgetragene Argument, bedarf eine solche Umorientierung struktureller Veränderungen in und zwischen verschiedenen Politikbereichen, einschließlich neuer Abstimmungen zwischen kommunaler, Länder- und Bundesebene. Sie eignet sich daher nicht für kurzfristige politische Erfolge.

In der aktuellen Diskussion erfolgt darüber hinaus der Ruf nach Reformen im Bereich von Bildung und Erziehung oft in einem verkürzten Interpretationshorizont. Im Vordergrund stehen nicht selten der wirtschaftliche Nutzen und der effiziente Einsatz von Bildungsressourcen. Wenn von der Befähigung durch Bildung die Rede ist, dann werden häufig im selben Atemzug Markt, Konkurrenz und der Standort Deutschland genannt. Anders gesagt: Bildung wird mit marktgängigem Wissen gleichgesetzt. Dabei geht freilich verloren, dass es eine grundsätzliche Differenz zwischen Ökonomie und Bildung, zwischen Geld und Geist, zwischen Marktprozessen und Lernprozessen gibt. Zwar ist es richtig, dass die Schule auf das Leben und damit auch auf die Behauptung auf dem Arbeitsmarkt vorbereiten soll; auch kann es sinnvoll sein, Arbeiten und Lernen näher aneinander zu rücken. Dennoch bleibt Bildung ein Lernprozess, in dem es um die Entwicklung von Persönlichkeit geht - und dies ist nicht vergleichbar mit einem Marktprozess, in dem man eine Dienstleistung erbringt. Es ist ja gerade ein Charakteristikum der Moderne und eine soziale Errungenschaft dazu, dass die Sphären der Erwerbsarbeit auf der einen und die der Bildung und des Lernens auf der anderen Seite unterschiedlichen Prinzipien folgen und in der Regel räumlich, zeitlich und institutionell getrennt sind.

Nicht nur ökonomische und soziale Gründe sprechen dafür, bei dieser Trennung und zugleich auch bei einer öffentlichen Verantwortung für Bildung und Erziehung zu bleiben. Denn öffentliche Erziehung erfüllt nicht nur die Aufgabe, die Arbeitskräfte von morgen, sondern auch die Väter und Mütter, die Bürger und Bürgerinnen von morgen auszubilden. Eine demokratische Gesellschaft ist in Zeiten enger Verteilungsspielräume und großer sozialer Spannungen nicht nur auf "Menschen als Humankapital", sondern auch auf "Menschen, die zu Gemeinschaft und Solidarität fähig" sind, angewiesen. Was wir brauchen, ist daher weniger eine Vermarktlichung der Bildung als vielmehr eine "bildungsgesättigte" Marktgestaltung, d. h. eine Gestaltung von Gesellschaft, die an gleichen Teilhabechancen und an Verständigung orientiert ist.