APUZ Dossier Bild
1|2|3|4 Auf einer Seite lesen

15.10.2002 | Von:
Mechthild Veil

Ganztagsschule mit Tradition: Frankreich

Obgleich Frankreich über die längsten Erfahrungen mit der Ganztagsschule im europäischen Vergleich verfügt, sind diese bisher in die Debatten in Deutschland kaum eingeflossen. Französische Kinder durchlaufen beispielsweise ein ganztägiges Schulsystem.

I. Republikanische Tradition

Ganztagsschulen in Frankreich haben mit die längste Tradition in Europa. Sie bestehen dort seit dem Jahre 1881. Die III. Republik führte durch ihren Bildungsminister Jules Ferry die obligatorische Grundschule als Ganztagsschule ein. Französische Kinder besuchen heute Ganztagsschulen von der Vorschule (école maternelle), über die fünfjährige Grundschule (école primaire), die Sekundarstufe (collège unique) und über das Gymnasium (lycée) bis zum Abitur. Das heißt, Schule in Frankreich ist synonym mit Ganztagsschule. Schule und Ganztagsschule bilden auch sprachlich eine Einheit, es gibt im Französischen keinen Ausdruck für Ganztagsschule.


Diese normative Setzung hat Auswirkungen auf die Schulforschung. Weil der ganztägige Unterricht mit der allgemeinen Schulpflicht verknüpft ist und "es schon immer so war", problematisiert die Gesellschaft diese Schulform nicht. Sie stellt sie nicht zur Disposition. Die Ganztagsschule ist Bestandteil von Alltagswerten und -kulturen, die fest in der französischen Gesellschaft verankert sind. So ist Franzosen im Allgemeinen nur schwer zu vermitteln, dass Schulen in Deutschland keine festen Öffnungszeiten garantieren. Was als selbstverständlich erscheint und auf gesellschaftliche Akzeptanz stößt, entwickelt sich selten zum Gegenstand der Forschung. Aus diesem Grunde ist in Frankreich die Forschung über Vor- und Nachteile von Ganztagsschulen kaum entwickelt, was natürlich nicht bedeutet, dass es keine Forschung, Fragestellungen und kritischen Stimmen zu schulpolitischen Auseinandersetzungen gibt. Diese sind gerade in letzter Zeit wieder virulent geworden; neben der Frage der Unterrichtsinhalte streiten unterschiedliche Akteure (Lehrer- und Elternverbände, Gewerkschaften, Politiker und Schüler) vor allem über den Zeitaspekt (rythme scolaire): die Verteilung der Schulstunden über den Tag, die Woche und das Jahr - kurz ganz allgemein über die Frage, wie der Schulrhythmus zukünftig aussehen soll.

Ganztagsschule in Frankreich ist vor allem ein politisches und weniger ein pädagogisches Konzept, das aus den Abgrenzungsbewegungen der III. Republik Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber dem Einfluss der katholischen Kirche auf Familie und Erziehung entstanden ist. Im Jahre 1881 etablierte sich das französische republikanische Erziehungssystem, das auch die berufliche Ausbildung einschließt, als eine öffentliche Aufgabe. Die Gründungsideen beruhen auf den republikanischen Prinzipien der Gleichheit und Freiheit, auf staatlicher Kontrolle, auf Kostenfreiheit und auf dem Laizismus, das heißt der Neutralität gegenüber Religionen. Mit dem Prinzip des Laizismus vollzog sich im Schulwesen die Trennung von Kirche und Staat bereits vor ihrer gesetzlichen Verankerung im Jahre 1904. [1]

Die Kirche wurde aus dem staatlichen Schulwesen vertrieben. Als Kompromiss gewährte ihr der Staat einen schulfreien Tag in der Woche für den Katechismusunterricht und für die kirchliche Jugendarbeit; damals war es der Donnerstag, seit 1972 ist es der Mittwoch. [2] Das Prinzip des Laizismus brachte es ebenfalls mit sich, dass die kirchlich geführten Privatschulen verdrängt wurden. Diese so genannten "freien Schulen" (écoles libres) verschwanden zwar nicht vollständig, wurden jedoch unter staatliche Aufsicht gestellt. [3] Im Gegenzug dafür erhalten sie finanzielle Förderung durch den Staat. [4] Der immer wieder aufflackernde Schulstreit (querelle scolaire) "zwischen den antiklerikalen Anhängern einer einheitlichen Staatsschule (laics) und den Befürwortern staatlich subventionierter Privatschulen (cathos = catholiques)" [5] zeigt, dass die Trennung von Kirche und Staat im Schulwesen noch lange nicht "verdaut" ist.

Aufgabe des weltanschaulich unabhängigen Schulwesens, das ohne religiöse Symbole und ohne Religionsunterricht auszukommen hat, war es, den Nationalstaat und die Republik als Staatsform gegen äußere und innere Feinde im Kampf gegen Monarchie und "Klerikalismus" zu festigen. Der republikanische Staat mutierte zum Pädagogen der Gesellschaft. Dies erschien notwendig, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, welcher seit der Auflösung der Zünfte in der Französischen Revolution als gefährdet angesehen wurde, zu konstituieren. Denn es war der Staat, der durch Vereinheitlichung der Werte (Sprache und Symbole), der Maße und Gewichte und vor allem durch das einheitliche Schulwesen aus der Masse von Individuen eine Nation, das heißt Franzosen, machen sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der Staat - wiederum als "Pädagoge der Nation" - die Aufgabe der Regulierung und Modernisierung der Wirtschaft durch eine Strategie der industriellen Erziehung. [6] Diese integrative Funktion, die das nationale Schulwesen auch in der Gegenwart noch innehat, wird zumeist wenig beachtet.

Dem Schulwesen kommt also eine emotional stark verankerte symbolische Aufgabe zu; es soll die wesentlichen Integrationshilfen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gewähren und ist aufgrund seiner Entstehungsgeschichte politisch "hoch aufgeladen". Schulpolitik in Frankreich ist zugleich Gesellschaftspolitik. Schnell können sich organisatorische Probleme, z. B. Änderungen im Lehrplan, zu politisch brisanten Fragen entwickeln. Werner Zettelmeier bezeichnet die Entwicklung des Bildungssystems deshalb als einen feinfühligen Gradmesser für gesellschaftliche Transformationen. [7]

II. Aufbau und Struktur des französischen Schulwesens

Frankreichs nationales Schulwesen (éducation nationale) gilt mit 1,5 Millionen Beschäftigten als das größte zentral gelenkte Staatsunternehmen der Welt. [8] Das Schulwesen ist ein staatliches, zentralisiertes Einheitssystem mit einheitlichen Aufnahmekriterien, staatlichen Prüfungen, Lehrplänen und Abschlüssen. Unabhängig von geografischen und sozialen Gegebenheiten soll die Schule allen Kindern zugänglich sein. Einheitlich geregelt sind auch das Schul- und Studienjahr sowie die zehnwöchigen Sommerferien. Dieser Rhythmus bestimmt nicht nur das Schulleben, sondern auch das Wirtschaftsleben. Mit der Rückkehr ins Schulleben (rentrée) nehmen die Betriebe ebenfalls ihre vollen Aktivitäten wieder auf. [9]

Ein Übergewicht des zentralstaatlich verwalteten Bildungssystems hat zu einer Hierarchisierung zwischen Allgemeinbildung und Berufsausbildung geführt. Ursache für die chronische Abwertung der beruflichen gegenüber der allgemeinen Bildung ist die Logik der republikanischen Neutralität mit ihrer Ablehnung von partikularen Interessen, wie z. B. denen des Unternehmertums. Denn das allgemeine Wissen steht über dem Partikularwissen. Es war die staatliche Verantwortung, die ein duales Berufsschulwesen in modernen Großbetrieben verhinderte. Auch das Berufsschulwesen ist im Rahmen des staatlichen Schulsystems als Ganztagsschule organisiert. Eine duale Berufsausbildung gibt es quasi nur auf relativ niedrigem Niveau, und zwar im Handwerk in der Lehrlingsausbildung und in Kleinbetrieben (apprentissage). Die beruflich orientierten Eliteschulen, die Grandes Ecoles, die bereits Napoleon für Offiziere und Ingenieure eingerichtet hatte, sind rein schulische Einrichtungen. [10]

Die Übersicht (s. S. 31) zeigt den Aufbau des staatlichen Schulsystems.

Die Schule beginnt mit der freiwilligen Vorschule (école maternelle), die ab dem abgeschlossenen dritten Lebensjahr (teilweise auch mit abgeschlossenem zweiten Lebensjahr) bis zur gesetzlichen Schulpflicht mit sechs Jahren besucht werden kann. Die Grundschule (école primaire) besteht aus fünf Klassen, sie dauert bis zum 11. Lebensjahr. Daran schließt sich die Gesamtschule der Sekundarstufe (collège unique) bis zum 16. Le-bensjahr (dem Ende der gesetzlichen Schulpflicht) an. In der allgemein bildenden Gesamtschule können Schüler - zumeist sind es die Leistungsschwachen - ab dem 14. Lebensjahr (der Klasse der 4ème und der 3ème) eine berufliche Orientierung "wählen", indem sie in Vorbereitungsklassen für eine handwerkliche Lehre oder eine Lehre in einem Kleinbetrieb oder in berufsvorbereitenden Klassen "aussortiert" werden. An das collège schließen sich die zum Abitur (baccalauréat) führenden Gymnasien (lycées) an sowie berufliche Gymnasien, die entweder auch zum Abitur führen oder ein Jahr früher mit einem Facharbeiterabschluss (certificat d'aptitude professionnelle, CAP) enden.

Mit dem Abitur in der Tasche gibt es wiederum mehrere Möglichkeiten: entweder ein Hochschulstudium an der Universität oder, über Vorbereitungsklassen und Bestehen der Prüfungen, eine Ausbildung an einer der Grandes Ecoles, die berufsorientierte Ausbildungszweige für Führungskräfte anbieten. Gegenüber der egalitären Erstausbildung, die in Frankreich die Ausbildung bis zum Abitur bezeichnet, ist das Hochschulwesen ein duales - mit den eine Allgemeinbildung vermittelnden Universitäten und der elitären Ausbildung der Grandes Ecoles.

Weil in Deutschland Ganztagsschulen wahrscheinlich "von unten", das heißt zunächst in den Vor- und Grundschulen, eingeführt werden, so wie es gegenwärtig in Rheinland-Pfalz geschieht, wird in der folgenden Darstellung der einzelnen Schulabschnitte besonderer Wert auf diese Schulformen gelegt.

1. Die Vorschule (école maternelle)



Die école maternelle ist eine ganztägige Bildungseinrichtung für Kinder. Der schulvorbereitende Charakter steht gegenüber dem Aspekt der Aufbewahrung und der Betreuung im Vordergrund. Die Vorschule gehört als eine nicht obligatorische Einrichtung zum allgemeinen Schulsystem, d. h., sie ist gebührenfrei. Eltern haben einen Rechtsanspruch auf "Einschulung" ihrer Kinder ab dem vollendeten dritten Lebensjahr und, falls genügend Plätze vorhanden sind, bereits ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr, bis zum Schulbeginn mit sechs Jahren.

Die école maternelle ist zu einer sozialen Norm geworden. Gegenwärtig besuchen weit über 90 Prozent der Dreijährigen und gut ein Drittel der Zweijährigen die école maternelle; im Jahre 1960 waren es nur zehn Prozent. [11] Unabhängig von der sozialen und ethnischen Herkunft - ob Franzosen oder Migranten, ob Arbeiterkinder [12] oder Kinder der cadres [13] - weisen die Besucherquoten nur geringe Unterschiede auf. Am häufigsten besuchen Kinder aus intellektuellen Familien und Kinder der cadres (89,7 Prozent im Jahr 1982) die "maternelles"; bei den Arbeiterkindern waren es im gleichen Jahr 80,8 Prozent. Lediglich die Kinder der Landwirte sind in geringerem Umfang vertreten (mit 65,1 Prozent). [14] Die große gesellschaftliche Bedeutung und Wertschätzung der "maternelle" zeigt sich unter anderem in der beruflichen Qualifikation der Erzieherinnen. Seit dem Jahre 1923 sollen nur noch ausgebildete Volksschullehrerinnen (institutrices) mit den Schwerpunkten "Vorschulpädagogik, Kinderpflege und Hygiene" eingestellt werden. [15] Die Lehrerinnen unterstehen dem Bildungsministerium. Die Klassen oder Gruppen sind relativ groß; auf eine Lehrerin kommen rund 25 Kinder (im Jahre 1967 waren es sogar 43 Kinder).

Die écoles maternelles haben eine lange Trandition. Ihre Gründung geht auf das Jahr 1887 zurück. Als Aufgabe wurde damals formuliert: "Die Vorschulen sind Einrichtungen des Grundschulwesens, in denen Kinder beiderlei Geschlechts gemeinsam versorgt werden, um ihre körperliche, moralische und intellektuelle Entwicklung zu fördern." [16] Mit Aufkommen des Industriezeitalters spielten die hygienische Erziehung und gesundheitliche Überwachung eine große Rolle. Es galt, durch eine außerhalb der Familie liegende Sozialisationsinstanz über die Kinder Einfluss auf die Arbeiterfamilien zu nehmen. Auch unter demographischen Gesichtspunkten, aufgrund des Bevölkerungsrückganges nach dem Krieg 1870/71 und nach dem Ersten Weltkrieg, wurden die Vorschulen wichtig - kam es doch darauf an, die Säuglingssterblichkeit einzuschränken. Wissenschaftliche Erkenntnisse in der Medizin, in der Entwicklungspsychologie und in der Pädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben dann dazu beigetragen, dass sich die pädagogische Praxis in den maternelles freier gestalten konnte. Bis in die Gegenwart hinein hat die Vorschule eine dreifache Aufgabe: die der Erziehung, der Vorbereitung auf das Lernen und der Aufbewahrung.

Rolle, Aufgaben und Ziele der école maternelle haben sich seit ihrem Bestehen nur geringfügig, und zwar eher durch Akzentverschiebungen als durch grundlegende Neuorientierungen, verändert. Gegenwärtig steht der Bildungsaspekt und die Vermittlung kultureller Techniken (Sprachentwicklung) und Kommunikation sowie die Förderung der individuellen Kreativität gegenüber der Erziehung zur Hygiene und Disziplin im Vordergrund. Kinder sollen auf das Lernen in der "großen Schule" vorbereitet werden, und zwar weniger durch kodifizierte Lerninhalte als durch die Heranführung an Lernmethoden und -haltungen. Die gesellschaftliche Erwartung, die heute an die maternelle gerichtet wird, ist Herstellung von Chancengleichheit, indem z. B. familiale Defizite mit der vorschulischen Erziehung kompensiert werden sollen. Mit diesem gesellschaftlichen Anspruch gegenüber Kindern im Vorschulalter nimmt Frankreich in Europa eine Vorreiterrolle wahr.

Für den Bau und die Unterhaltung der Vorschulen sind die Kommunen zuständig. Sie stellen auch das Hilfspersonal (Aufsichtspersonen, Köchin usw.) ein, nur die Lehrer unterstehen dem Bildungsministerium.

Der Ausbau der école maternelle hat seit den fünfziger Jahren ständig zugenommen, und zwar im Rhythmus mit der Entwicklung der Frauen- und vor allem der Müttererwerbstätigkeit. Diese wird in Frankreich überwiegend in einer kontinuierlichen Vollzeittätigkeit ausgeübt. Französische berufstätige Frauen mit Kindern weichen (noch) nicht - wie in Deutschland - auf Teilzeitarbeit aus, um Beruf und Familie zu vereinbaren, sondern auf öffentliche Angebote der Kinderbetreuung und auf die maternelles. Denn Teilzeitarbeit hat in Frankreich eine andere Funktion als in Deutschland. Sie stellt weniger eine Möglichkeit für Mütter dar, wieder oder weiterhin berufstätig zu sein, sondern ist überwiegend ein Instrument der Arbeitgeber zur Deregulierung der Arbeit. Die Arbeitsmarktintegration von Frauen in Frankreich fand traditionsgemäß in Vollzeit statt. [17] Teilzeit ist eine relativ neue Arbeitszeit, die nur von rund einem Drittel der Teilzeit arbeitenden Frauen freiwillig gewählt worden ist. [18] Seit dem Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen mit Kindern nimmt der Anteil der Kinder, die eine Vorschule besuchen, zu. [19] Aus dieser Parallelität der Entwicklung kann jedoch nicht geschlossen werden, dass sich die écoles maternelles auf die Funktion der Kinderaufbewahrung reduzieren ließen. Nach wie vor steht der pädagogische Aspekt dieser Einrichtungen im Vordergrund.

Für die Debatte in Deutschland zum Für und Wider von Ganztagsschulen ist die Frage interessant, welche Auswirkungen der Besuch der école maternelle auf den weiteren Schulverlauf und die Schulleistungen hat. Eine ältere Studie, die das Nationale Bildungsministerium im Jahre 1973 in der Region von Valenciennes durchführte, [20] sowie eine spätere Untersuchung der Studenten der ENA [21] kommen zu folgenden Ergebnissen: Der Besuch der Vorschule erleichtert den Schuleintritt und verbessert die Schulleistungen in der Grundstufe. Diese positiven Effekte verlieren sich dann im weiteren Schulverlauf, vor allem in der Sekundarstufe, dem collège. Kinder, die eine Vorschule besuchten, sind in der Grundstufe seltener "Sitzenbleiber" als andere. Gegenüber diesen positiven Werten relativieren die Untersuchungen jedoch andere an die école maternelle geknüpfte Erwartungen, z. B. die, dass mit der Vorschule soziale Chancengleichheit hergestellt werden könne. Auch wenn die Vorschule für alle Schüler Vorteile bringt, verschwinden die sozialen Unterschiede keinesfalls: Nach einem dreijährigen Besuch der Vorschule bleiben Arbeiterkinder fünf Mal so häufig sitzen wie Kinder der cadres, ebenfalls mit Vorschulerfahrungen.

Neuere Auseinandersetzungen beziehen sich auf das Einschulungsalter der Kinder: Sollen diese bereits mit dem vollendeten zweiten Lebensjahr die Vorschule besuchen? Im Jahre 1997 ist das französische Bildungsministerium der Frage nachgegangen, wie sich die Einschulung ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr auf die schulische Karriere der Kinder auswirkt. [22] Die bereits festgestellten Effekte - bessere Schulerfolge und weniger Klassenwiederholungen - verstärkten sich noch einmal, wenn auch geringfügig, bei vorzeitiger Einschulung. Den größten Nutzen von einer vorgezogenen Einschulung hatten Kinder der cadres und Migrantenkinder. Letzteres entspricht der Erwartung, dass die école maternelle als außerfamiliale Sozialisationsinstanz mangelnde kulturelle und intellektuelle Fähigkeiten der Migranten-Familien kompensieren könne. Diese Erkenntnisse haben dazu geführt, dass in sozialen Brennpunkten, den "vorrangigen Bildungszonen" (zones d'éducation prioritaire, ZEP) die Einschulung der Zweijährigen gefördert wird. Ihr Anteil liegt in diesen Regionen bereits bei über 40 Prozent.

Die französische Vorschule trägt, so können zusammenfassend die Untersuchungsergebnisse gewertet werden, zu einer Demokratisierung des Schulwesens bei, weil sie den Ertrag aus der anschließenden Grundschulbildung für alle erhöht. Die Vorschulerziehung kompensiert - auch das zeigt das französische Beispiel - familiale Benachteiligungen, und zwar umso mehr, je stärker Familien die in der Schule vermittelten Werte der Mittelklassen übernehmen. Die Vorschule kann aber entgegen vieler überhöhter Erwartungen nicht die sozialen Unterschiede beseitigen. Diese reproduzieren sich, allerdings abgeschwächt, auf einem höheren Niveau.

2. Die Grundschule (école primaire)



Die Grundschule ist seit ihrer Einführung als obligatorische Einrichtung (unter Jules Ferry im Jahre 1882) öffentlich, laizistisch und kostenlos. Die normale Grundschulzeit beträgt fünf Jahre. Die Grundschule soll eine kulturelle Mindestausstattung für alle gewährleisten und Grundfertigkeiten in den Kulturtechniken vermitteln sowie auf das Sekundarschulwesen vorbereiten. Seit dem Schuljahr 1998/99 ist das Erlernen einer Fremdsprache obligatorisch.

In manchen Regionen stellt sich, trotz der Sozialisationsleistungen der Vorschulen, verschärft das Problem der kulturellen und sprachlichen Heterogenität infolge der Einwanderung. Schüler ausländischer Herkunft, die zehn Prozent der Schüler ausmachen, besuchen zu 97 Prozent öffentliche Schulen. [23] Die Rekrutierung der Schüler nach dem Wohnsitzprinzip (carte scolaire) ist unter Bedingungen einer starken ethnischen und sozialen Segregation vor allem in den Städten zu einem Problem geworden, das sich allerdings in den Gesamtschulen der Sekundarstufe, den collèges uniques, noch weit gravierender stellt. Die Klassenstärke liegt bei durchschnittlich 23 Schülern (gegenüber 30 Schülern in den sechziger Jahren).

3. Gesamtschule der Sekundarstufe (collège unique): Formale Einheit - reale Differenzierung



Im Jahre 1975 sind im Namen der Chancengleichheit und Öffnung des Bildungswesens die unterschiedlichen Mittelschultypen zu einem Schultyp, dem collège unique, vereinheitlicht worden. Seitdem wechseln alle Schüler, unabhängig von ihrem Leistungsstand, von der Grundschule in das collège. Der Übergang von der Grundschule in das collège hat sich in den letzten Jahren zeitlich nach vorn verlagert (vom 11. auf das 10. Lebensjahr), was auf die zunehmend frühe Einschulung in die école maternelle und auf die Qualität der Grundschule zurückzuführen ist. Mädchen schaffen im Allgemeinen den Übergang früher als Jungen. [24]

Ziel der einheitlichen Sekundarstufe ist es, allen Schülern eine einheitliche Kultur vor dem Übergang in das lycée oder vor Eintritt in eine berufliche Ausbildung zu vermitteln. Das ist umso schwieriger, als das Leistungsniveau der Schüler sehr heterogen ist. Zum Ausgleich hierfür wurden besondere Fördermöglichkeiten in Form von so genannten Brückenklassen geschaffen. Neuere Orientierungen des Bildungsministeriums gehen jedoch dahin, Bildungsdefizite weniger durch Sonderklassen als durch weitere Fördermaßnahmen auszugleichen.

Trotz des hohen Anspruchs, Chancengleichheit für alle herzustellen, finden gerade in den collèges uniques die entscheidenden Selektions- und Relegationsprozesse statt. Ab dem 14. Lebensjahr werden lernschwache Schüler auf berufliche Vorbereitungskurse, z. B. für eine handwerkliche Lehre oder für einen Facharbeiterabschluss, hin gelenkt. Diese Orientierung ist eine negative, die nach rein schulischen Kriterien und weniger nach den Neigungen der Schüler erfolgt. Ungefähr sieben Prozent der Schüler verlassen das collège ohne einen Abschluss. Insgesamt erreichen 94 Prozent einer Altersklasse entweder einen beruflichen Abschluss oder sie wechseln in ein lycée oder in ein Berufsgymnasium mit abschließendem Fachabitur.

Das collège unique ist die Schulstufe mit den größten Problemen. Die proklamierte Einheitlichkeit ist eine theoretische, oder, wie es ein höherer Beamter des Bildungsministeriums - zuständig für die berufliche Bildung - ausdrückte, das Einheitliche sei ein Mythos, einheitlich sei lediglich das Gebäude. [25] Diese Schulstufe ist einheitlich im Sinne des Unterrichts, der sich an abstrakten allgemein bildenden Inhalten orientiert. [26] Die Gleichheit des Lehrplans wirkt sich hier am wenigsten positiv aus.

Die Kritik gegenüber den collèges nimmt zu. Eine Befragung der Eltern schulpflichtiger Kinder zeigt Folgendes: [27] Zwei Drittel der Eltern kritisieren, dass diese Schulstufe sich zu wenig an gesellschaftliche Veränderungen anpasst, das heißt an die zunehmende Individualisierung und unterschiedliche Interessen. Es besteht der Wunsch, dass die Schule stärker auf den späteren Beruf vorbereitet. Eltern befürworten eine frühere berufliche Orientierung. Das collège soll nicht mehr alle Schüler aufnehmen, diese vielmehr früher auf unterschiedliche Ausbildungsgänge sortieren bzw. die Schüler frei wählen lassen. Die Mehrheit der jüngeren Lehrer sieht dies ebenso. Das Dogma einer einheitlichen und gleichen Schule wird also immer mehr in Frage gestellt.

Die Qualität der collèges hängt auch von ihrem Standort ab. Die Schule spiegelt die ungleiche Sozialstruktur in der Gesellschaft und die städtische Segregation wider. Durch die Rekrutierung der Schüler nach dem Wohnsitzprinzip wird dies zunehmend zu einem Problem. Collèges in sozialen Brennpunkten erhalten höhere finanzielle und personelle Zuwendungen durch das Bildungsministerium, ganz im Sinne einer Politik der positiven Diskriminierung. Trotzdem suchen viele Eltern nach Ausweichmöglichkeiten: entweder indem sie ihre Kinder in Schulen mit einem besseren Ruf außerhalb ihres Schulzirkels einschulen, vor allem Kinder von Lehrern und Professoren, oder in die zu über 90 Prozent katholisch geführten Privatschulen, überwiegend Kinder von Selbstständigen und der cadres. Der Besuch der Privatschulen nimmt zu [28] .

4. Das Lycée



Das lycée und die Berufsgymnasien führen zum Abitur. Das allgemeine Abitur gilt als erster akademischer Grad. Das allgemeine Abitur kann in den drei Fachrichtungen Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften abgelegt werden. Wille der politischen Akteure ist es, 80 Prozent eines Jahrgangs zum Abitur zu führen, was gegenwärtig mit 78 Prozent beinahe erfüllt ist. Diese Weichenstellung ist äußerst problematisch, weil sie zu einer weiteren Abwertung der berufsorientierten Bildung beiträgt.

Die lycées haben heute die stärkste Schülerzunahme zu verkraften. Es gibt einen Trend, die allgemeine Schulzeit - auf Kosten der beruflichen Ausbildung - zu verlängern.

III. Der Schulalltag

Langer Schultag - lange Ferien



In den Schulen beginnt der Unterricht um 8 Uhr (um 9 Uhr in der maternelle); die Mittagspause liegt zwischen 12 und 14 Uhr. Die Schule endet meist um 16.30 Uhr, mit anschließenden Betreuungsmöglichkeiten in den Vor- und Grundschulen. In der Vorschule und der Grundschule ist die wöchentliche Unterrichtszeit auf maximal 26 Stunden festgelegt, sie darf sechs Stunden täglich nicht überschreiten. Eine Schulstunde dauert im Allgemeinen 50-55 Minuten. Der Schulalltag ist in Frankreich sehr gedrängt. In den Grundschulen haben die Schüler die höchste Unterrichtsdichte im europäischen Vergleich. Auf das Jahr bezogen reduzieren sich allerdings diese Belastungen. Denn durch die langen Ferien, z. B. im Sommer, liegen die Franzosen mit jährlich 180 Schultagen unter dem deutschen Durchschnitt von 200-220 Schuljahresstunden. Frankreich hat im europäischen Vergleich die längsten Schultage und die längsten Jahresschulferien.

Betreuung und Schultransport



Der Staat ist für eine lückenlose Betreuung der Schüler sowohl innerhalb als auch außerhalb des Schulgebäudes verantwortlich. Er hat für die Gewährleistung des Unterrichts zu sorgen. Unterrichtsausfall darf es, nach dem Buchstaben des Gesetzes, nicht geben. Fehlt eine Lehrkraft, so müssen Hilfskräfte oder andere Lehrer einspringen. Da es Unterrichtsausfall theoretisch nicht gibt, ist der Begriff "Unterrichtsausfall" ein Unwort im Französischen, es existiert nicht.

Für die Sicherheit der Schüler der Vor- und Grundschulen außerhalb des Schulgebäudes tragen die Schulleitung und die Kommunen die Verantwortung. Sie müssen die Schüler beim Verlassen der Schulen beaufsichtigen lassen; häufig geschieht dies durch Polizisten, die den Verkehr regeln. Der Bürgermeister kann die Schulöffnungszeiten nach verkehrstechnischen Gesichtspunkten beeinflussen. Eltern sind verpflichtet, ihre Kinder abzuholen.

Organisation, Überwachung und Sicherheit des Schultransports (Bussystem) obliegen dem Conseil Général, der Staat gibt lediglich die Rahmenbedingungen vor. Die Kommunen sind für die örtliche Verwaltung, wie Errichten von Haltestellen usw., verantwortlich. In den Bussen müssen für alle Schüler Sitzplätze vorhanden sein; für den Transport von Vor- und Grundschülern soll die Betreuung durch eine Begleitperson gewährleistet werden.

Essen in der Schule



Das nationale Unterrichtsministerium regelt nicht nur Angelegenheiten des Unterrichts, sondern auch das Essen in der Schule. Die Essenszeit soll mindestens eine halbe Stunde betragen, die Wartezeit bei der Essensausgabe nicht eingerechnet. Bei Vor- und Grundschulen sind die Kommunen für die Organisation und Verwaltung der Kantine verantwortlich, die an private Anbieter abgegeben werden kann, sowie für das Personal zur Betreuung während des Essens. In den Gymnasien kann dies die Schulverwaltung in eigener Regie regeln. Lediglich in den Gymnasien dürfen Schüler das Schulgebäude während der Mittagspause verlassen, dies aber nur, wenn die Eltern ihre Einwilligung gegeben haben oder wenn die Schüler mit Einwilligung der Eltern nicht in der Schule essen.

Die minimalen Kantinenkosten werden seit dem Jahre 2000 nach dem Einkommen der Eltern und nach der Kinderzahl, mit einer Obergrenze, differenziert. Für Familien mit sechs und mehr Kindern ist die Schulkantine kostenlos. Die Kantinen unterliegen strengen hygienischen Kontrollen. Die Qualität des Essens ist je nach Schule und Standort unterschiedlich.

Für sensible und ruhebedürftige Kinder kann der Kantinenbetrieb in großen Sälen mit lärmenden Schülern zu einem Problem werden. Weil Schüler keine Möglichkeit haben, sich mittags zurückzuziehen, leiden nicht wenige an nervösem Magenleiden. Ärzte sprechen von einem so genannten Kantinensyndrom.

Schulzeitrhythmus (rythme scolaire)



Der Rhythmus des Schullebens folgte lange Zeit dem der Gesellschaft. [29] In den langen Schul-Sommerferien im Juli und August reduzierte sich das wirtschaftliche Leben; viele Betriebe machten Betriebsferien, Kleinhändler und Geschäfte ebenfalls. Das ist heute nicht mehr unbedingt so. Gegenwärtig gerät der Schulrhythmus - über den Tag, die Woche und über das Jahr - zunehmend in Konflikt mit den Familienzeiten, mit dem gesellschaftlichen Arbeitsrhythmus und den Arbeitszeiten der Eltern. Brennpunkt der Auseinandersetzungen sind der schulfreie Mittwoch und der Unterricht am Samstag. 80 Prozent der befragten Eltern wollen den Samstag schulfrei, um mit der Familie etwas unternehmen zu können, und dafür Unterricht am Mittwoch. [30] Denn gerade für berufstätige Frauen ist der schulfreie Mittwoch ein Problem. Sie wissen nicht, wie und wo sie ihre Kinder unterbringen können. Häufig zahlen sie für eine Betreuung am Mittwoch, oder sie arbeiten Teilzeit mit einem arbeitsfreien Mittwoch, oder sie nutzen die 35-Stunden-Woche für einen freien Mittwoch.

Eine Richtlinie von 1991 des damaligen Erziehungsministers Jospin brachte den Kommunen mehr Gestaltungsfreiheit in der Verteilung der Schulstunden auf die Woche. Seitdem haben 20 Prozent der Schulen die Vier-Tage-Woche eingeführt, das heißt der Samstag wurde schulfrei, der Mittwoch blieb weiterhin schulfrei. Die Stunden vom Samstag wurden auf die restlichen Tage verteilt, sodass der bereits überfüllte Schulalltag noch kompakter wurde. Diese unter pädagogischen Gesichtspunkten wenig sinnvolle Regelung kam den Interessen berufstätiger Frauen nicht entgegen.

Bisher hat sich keine Regierung an die Aufhebung des schulfreien Mittwochs herangewagt, weil dieser als eine Errungenschaft des laizistischen Staates gegenüber der katholischen Kirche hochgehalten wird. Schulen, die die Fünf-Tage-Woche praktizieren, tun dies auf freiwilliger Basis; sie werden dabei vom Bildungsministerium unterstützt, eine gesetzliche Regelung gibt es jedoch nicht.

Seit 1995 diskutiert und ausprobiert wird ebenfalls eine andere Verteilung der Schulfächer auf den Schultag: Die klassischen Unterrichtsfächer sollen auf den Vormittag verlegt werden und der Nachmittag der Förderung von Aktivitäten, die "keinen Schulranzen benötigen" (activités d'éveils), vorbehalten bleiben.

IV. Jenseits der republikanischen Gleichheitsidee

Der französische Sozialphilosoph Alain Finkelkraut sagte einmal, dass jeder das Recht habe, die Schulrealität mit dem republikanischen Versprechen eines hohen Bildungsniveaus für alle konfrontieren zu dürfen. [31]

In den kontrovers geführten Diskussionen in Deutschland über Vor- und Nachteile der Ganztagsschule hegen deren Befürworter die Hoffnung, dass diese mehr soziale Chancengleichheit herstellen könne. Diese Erwartung knüpft sich vor allem an Vorschulen (Kindergärten ab dem 3. Lebensjahr) und an Grundschulen im Ganztagsbetrieb. Aus diesem Grunde hat das Land Rheinland-Pfalz auch seine Pilotprojekte mit diesen Schultypen begonnen. [32]

Die Erfahrungen Frankreichs sind in vielfältiger Hinsicht im Sinne von "best-practice" aufschlussreich: Ein Schulsystem, dass von der Vorschule bis zum Abitur im Ganztagsschulbetrieb organisiert ist, übernimmt Sozialisationsaufgaben, die in Deutschland noch häufig von der Familie geleistet werden. Auch die Sozialisationsleistungen kirchlicher Einrichtungen können - wenn, wie in Frankreich, das Prinzip des Laizismus gilt - aus dem öffentlichen Schulwesen verdrängt werden. Es sind dann die Schule und das Schulleben, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt repräsentieren. Schulpolitik wird Teil der Gesellschaftspolitik und zur wesentlichen Sozialisationsinstanz.

In Frankreich sind es die Vor- und Grundschulen, die Sozialisationsleistungen im positiven Sinne erfüllen, das heißt den Erwartungen auf mehr Chancengleichheit entsprechen. Wie Untersuchungen des französischen Bildungsministeriums von 1973 und 1997 zeigten, wirkt sich der Besuch einer école maternelle positiv auf die weitere Schulkarriere vor allem in den Grundschulen aus. Kinder mit Vorschulerfahrungen bleiben seltener sitzen als andere. Diese Effekte treten bei allen Schülern und Schülerinnen mit Vorschulerfahrungen aus unterschiedlichen sozialen Schichten auf. Die sozialen Unterschiede zwischen den Herkunftsfamilien können allerdings - auch das zeigen die Studien - entgegen "überhöhten" Erwartungen nicht einfach beseitigt werden. Diese werden lediglich abgeschwächt. Arbeiterkinder müssen noch immer häufiger eine Klasse wiederholen als die Kinder der cadres, auch wenn beide über Vorschulerfahrungen verfügen. Das französische Bildungsministerium versucht, familiäre Defizite durch vorzeitige Einschulung in den "sozialen Brennpunkten" zu kompensieren.

Für die Diskussion hierzulande ist es wichtig zu berücksichtigen, dass sich die école maternelle nicht an ausgewählte Zielgruppen (wie z. B. benachteiligte Familien, Kinder erwerbstätiger Mütter oder Alleinerziehende) wendet, sondern für alle mit der Aufgabe geschaffen wurde, aus Individuen Franzosen zu machen. Die gesellschaftliche Bedeutung hat Vorrang vor der sozialen. Das soziale Bindeglied besteht in der Vermittlung eines allgemeinen Kulturguts und kultureller Techniken.

Was sich positiv in der maternelle und in der Grundschule auswirkt, die Vermittlung einheitlicher Werte, wird zu einem Problem in der Sekundarstufe, in den collèges uniques. Denn auf die collèges stürmen zwei Entwicklungen ein, die stören: zum einen die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft mit der Herausbildung disparater Interessen und zum anderen eine verstärkte Zuwanderung, welche die gesellschaftliche Heterogenität verstärkt. Kritiker stimmen darin überein, dass sich die Schule in diesem Zeitabschnitt - konzipiert als eine für alle Schüler einheitliche - zu wenig auf gesellschaftlichen Wandel einstellt. Diese Kritik, die von Eltern, Lehrern, Schülern und Experten geteilt wird, zielt auf das zentralistische Bildungskonzept, das sich als zu starr erweist, und weniger auf das Konzept Ganztagsschule. Diese wird nicht in Frage gestellt.

Die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft durch Zuwanderung entwickelt sich unter Bedingungen einer starken städtischen Segregation zu schulpolitischem Sprengstoff. Gewalttätige Revolten in den Vorstädten (cités), die Pierre Bourdieu und sein Forscherteam in "La misère du Monde" eindrucksvoll dokumentierten, sind Ausdruck fehlender Sozialisationsleistungen der collèges. Die Rekrutierung der Schüler nach dem Wohnsitzprinzip verdoppelt die negativen Effekte: In einigen Stadtteilen kommen bis zu 90 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien, weshalb viele Eltern nach Ausweichstrategien suchen. Allein gelassen mit diesen Problemen, ist die Schule, auch als Ganztagseinrichtung, überfordert.

Positive Erfahrungen aus dem französischen Beispiel sind die häufig erwähnten Vorteile, die erwerbsorientierte Mütter aus dem Ganztagsschulwesen ziehen. Denn in Frankreich ist es ideologisch nicht verdächtig, wenn Frauen (Eltern) ihre Kinder dem Staate anvertrauen, diese an der Schulpforte oder an der Tür der maternelle abgeben, um anschließend ohne schlechtes Gewissen "arbeiten zu gehen". Das schlechte Gewissen berufstätiger Mütter ist oftmals eine Plage für Frauen in Deutschland. Ganztagsschulen in Frankreich sind eng mit dem republikanischen Staat in Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche verknüpft und von daher als gesellschaftliches Gut von Männern und Frauen akzeptiert. Dass Frauen in Frankreich diese Einrichtung der ganztätigen Betreuung und Unterrichtung nutzen, um Beruf und Familie miteinander zu verbinden, drückt sich in den höheren Erwerbsquoten von Müttern und vielleicht auch in den höheren Geburtenraten aus. [33]
1|2|3|4 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Werner Zettelmeier, Bildungssystem im Wandel, in: Marieluise Christadler/Henrik Uterwedde (Hrsg.), LÌnderbericht Frankreich. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Opladen 1999, S. 143.
2.
Vgl. Mechthild Veil, Sozialstaatlichkeit und soziale Rechte im deutsch-franzÎsischen Vergleich, in: Loccumer Initiative kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (Hrsg.), Europa des Kapitals oder Europa der Arbeit?, Hannover 2000, S. 168.
3.
Die staatliche Aufsicht wird im FranzÎsischen tutelle genannt, was sowohl Schutz als auch Bevormundung und Vormund bedeutet.
4.
Seit dem DebrÅ-Gesetz von 1959 unterstehen Privatschulen staatlicher Schulaufsicht.
5.
Vgl. Ernst Ulrich Grosse, Das Bildungswesen: Traditionen und Innovationen, in: ders./Heinz-Helmut LÏger, Frankreich verstehen. Eine EinfÏhrung mit Vergleichen zu Deutschland, Darmstadt 20005, S. 208.
6.
Vgl. hierzu Pierre Rosanvallon, Der Staat in Frankreich. Von 1789 bis heute, MÏnster 2000.
7.
Vgl. W. Zettelmeier (Anm. 1), S. 139.
8.
Unter den 1,5 Mio. BeschÌftigten sind rund 980 000 Erzieher und Lehrer.
9.
Vgl. E. U. Grosse (Anm. 5), S. 205Äf.
10.
Vgl. zur beruflichen Ausbildung ausfÏhrlich RenÅ Lasserre, Die schwierige Reform des beruflichen Schulsystems, in: Deutsch-FranzÎsisches Institut (Hrsg.), Frankreich-Jahrbuch, Opladen 1994, S. 55-64; Silke Reuter, Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich. Stand und Perspektiven der franzÎsischen BeschÌftigungspolitik fÏr Jugendliche, Magisterarbeit an der UniversitÌt Bremen, 1998.
11.
Vgl. Le Monde de lÅducation, April 2001, S. 41.
12.
Die folgenden AusfÏhrungen sind im Wesentlichen zusammengestellt aus E. U. Grosse (Anm. 5), S. 202Äf. und 242Äff.
13.
Unter cadres werden Berufsgruppen (Angestellte) mit leitenden Funktionen verstanden.
14.
Vgl. Alain Norvez, De la naissance È lÅcole. SantÅ, modes de garde et prÅscolaritÅ dans la France contemporaine, Presses Universitaires de France, Paris 1990, S. 395.
15.
Vgl. ebd., S. 399.
16.
Ebd., S. 396 (Ûbersetzung M.ÄV.).
17.
Vgl. Margaret Maruani, FrauenerwerbstÌtigkeit im Schatten der Arbeitslosigkeit, in: Feministische Studien, (2002) 2 (i.ÄE.).
18.
Dies ist das Ergebnis einer Studie des franzÎsischen Arbeitsministeriums, zitiert in: A. Norvez (Anm. 14), FN 1, S. 304.
19.
Vgl. DonnÅes Sociales, (1974), S. 120.
20.
Untersucht wurden 40 212 SchÏler der Grundschulstufe (enseignement primaire), von denen 5'% niemals, 16'% fÏr ein Jahr, 24'% fÏr zwei Jahre und 52'% fÏr drei oder vier Jahre eine Åcole maternelle besucht hatten; vgl. A. Norvez (Anm. 14), S. 406Äff.
21.
Die ENA (Ecole Nationale dAdministration) ist eine Verwaltungshochschule, die 1945 zur Verwissenschaftlichung der Administration geschaffen worden ist.
22.
Vgl. MinistÉre de lEducation Nationale (Hrsg.), Education !!!&!!! formations, Nr. 60, Juli-September 2001, S. 71Äff.
23.
Vgl. MinistÉre des Affaires EtrangÉres (Hrsg.), Frankreich, S. 157, La documentation franµaise, Paris 1999.
24.
Vgl. MinistÉre de lEducation Nationale, LEtat de lEcole, Oktober 1999, S. 34.
25.
So der StaatssekretÌr fÏr berufliche Bildung, MÅlenchon, im GesprÌch mit Jack Lang, in: Le Monde de lÅducation, April 2001, S. 36.
26.
Vgl. W. Zettelmeier (Anm. 1), S. 148.
27.
Telefonumfrage der Gewerkschaft von Eltern schulpflichtiger Kinder (PEEP) im August 2001.
28.
Vgl. MinistÉre de lEducation Nationale, (Hrsg.), Note dInformation, 2001, Nr. 42.
29.
Der BegrÏnder des obligatorischen Schulsystems, Jules Ferry, hatte die langen Sommerferien mit RÏcksicht auf die Erfordernisse einer Ïberwiegend lÌndlichen BevÎlkerung eingefÏhrt, die im Sommer auf Kinderarbeit nicht verzichten konnte. Seit den sechziger Jahren ist der Zeitpunkt des Ferienbeginns in Frankreich nicht mehr einheitlich, sondern regional nach drei Zonen unterteilt. Vgl. zu der Auseinandersetzung um Schulzeiten auch: Alain Auffray, Rythmes scolaires: le dÅbat volÅ, in: LibÅration vom 27. MÌrz 2002.
30.
Vgl. Maryline Baumard, in: Le Monde de lÅducation, Dezember 2001, S. 4.
31.
Zitiert in: AndrÅ Cherval, La culture scolaire. Une approche historique, Paris 1999, S. 179.
32.
Anmerkung der Redaktion: Siehe den Beitrag von K.-H. Held in diesem Heft.
33.
Vgl. Mechthild Veil, Geschlechtsspezifischer Arbeitsmarkt in Frankreich, in: Karin Gottschall/Birgit Pfau Effinger (Hrsg.), Zukunft der Arbeit und Geschlecht, Opladen 2002 (i.ÄE.).