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Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden ...


20.9.2002
Missverständnisse und Kommunikationsprobleme zwischen Ost- und Westdeutschen basieren auf zwei grundsätzlich unterschiedlichen Kommunikationskulturen in Ost und West. Verständigung wird nicht durch einseitige (ostdeutsche) Anpassung erreicht.

I. Abschnitt



Missverständnisse und Verständigungsprobleme in der Ost-West-Kommunikation treten erst allmählich ins öffentliche Bewusstsein. Im Alltag schlagen sie sich in einem diffusen Unwohlsein, in achselzuckendem Ärger, in resigniertem Kopfschütteln oder abwertenden Vorurteilen nieder. Oder man geht sich einfach aus dem Weg. Wie sehr sich die unterschiedlichen kulturellen und mentalen Prägungen auch in unterschiedlichen Arten zu kommunizieren - in unterschiedlichen Kommunikationskulturen - niedergeschlagen haben, wird erst allmählich klar. [1]

Wer die Ost-West-Kommunikation beobachtet, fragt sich natürlich, ob ein bestimmtes Kommunikationsproblem wirklich nur auf die Unterschiede in den ost- und westdeutschen Kommunikationskulturen zurückzuführen ist, oder ob es nicht auch andere Erklärungsmuster gibt. Wir sind ja nicht nur von einer - der westlichen oder der östlichen - Kommunikationskultur geprägt, sondern auch von verschiedenen anderen sprachlichen Subkulturen. Da gibt es das bekannte Nord-Süd-Gefälle innerhalb des Ostens und innerhalb des Westens, es gibt landschaftliche Besonderheiten, es gibt altersbedingte, politische oder religiöse Sprachkulturen.

Aus diesen Gründen spreche ich auch nicht von "den Ostlern" oder "den Westlern", die es so natürlich nicht gibt, sondern von einer ost- und einer westdeutschen Kommunikationskultur, deren prägende Kraft nicht zu unterschätzen ist. [2] Aber warum sagt eine zwanzigjährige Ostdeutsche, sie fühle sich im Westen fremder als im Ausland? Wie kommt es, dass eine Trainerin aus dem Westen im Osten als arrogant und überheblich wahrgenommen wird, nur weil sie nicht bereit ist, im Training über private Dinge zu sprechen? Warum ist ein Abteilungsleiter aus dem Osten über die Konfliktbereitschaft seiner westdeutschen Kollegen und Kolleginnen irritiert? Warum ist die Westchefin genervt, wenn sie den Ostkolleginnen gegenüber betonen muss, dass ihre Ausführungen rein sachlich und nicht persönlich gemeint seien?


Fußnoten

1.
Der Essay basiert auf dem Buch des Autors: Ihr könnt uns einfach nicht verstehen - Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden, Frankfurt/M. 2001. Dass Ost- und Westdeutsche unterschiedlich sprechen und hören, lesen und verstehen, heißt nicht, dass niemand mit der anderen Seite zurechtkäme. Das lässt sich am ehesten vergleichen mit der Kommunikation zwischen Männern und Frauen, die sich trotz aller Unterschiede verstehen.
2.
Wenn zwei unterschiedliche Kommunikationskulturen aufeinander treffen, ist es nicht besonders sinnvoll, von einem "besser" oder "schlechter" der einen oder anderen Seite zu sprechen. Bei einem genaueren Vergleich zeigt sich, dass ein bestimmter Vorteil, der sich innerhalb einer Kommunikationskultur entwickelt hat, auch mit einem Nachteil einhergeht und umgekehrt. Das ist aus der interkulturellen Kommunikation bekannt und gilt auch für die Situation in Deutschland.